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16.09.2013

15:44 Uhr

Interview

„Große fängt man, Kleine lässt man laufen“

VonKatharina Schneider

Steuerflüchtlinge und Steuergestalter – was ist legal und wer blickt noch durch? Steuerexperte Axel Endriss erklärt die Unterschiede und die Herausforderungen für Berater.

Axel Endriss ist Geschäftsführer Steuer-Fachschule Dr. Endriss in Köln.

Axel Endriss ist Geschäftsführer Steuer-Fachschule Dr. Endriss in Köln.

Steueroasen sollen ausgetrocknet und Steuerschlupflöcher geschlossen werden – aktuell nutzen viele Politiker diese Forderungen für ihren Wahlkampf. Wird das Steuernsparen schwieriger?
Damit sich etwas ändert, müssen sich die Politiker erst einmal einig werden, was überhaupt ein Steuerschlupfloch ist. Denn während die einen schon von einer solchen Lücke im Gesetz sprechen, bezeichnen die anderen das noch als sinnvolle Maßnahme.

Können Sie dazu ein Beispiel nennen?
Das Erbschaftssteuerrecht: Hier gibt es eine ganz Reihe von Ausnahmen. Eine zielt beispielsweise darauf ab, dass man Betriebsvermögen steuergünstig auf die nächste Generation übertragen kann, damit die in den Betrieben vorhandenen Arbeitsplätze erhalten bleiben und nicht durch die Besteuerung gefährdet werden. Je nach politischer Richtung gilt das als Steuerschlupfloch oder als sinnvolle Regelung für eine sichere Nachfolgeplanung in mittelständischen Unternehmen. Das Steuerrecht ist immer auch Lenkungsrecht.

Was bedeutet das?
Manche Gestaltungsmöglichkeiten, die heute als Schlupflöcher kritisiert werden, wurden von der Politik absichtlich so entworfen, um bestimmte Effekte zu erzielen. Zum Beispiel gab es kurz nach der Wiedervereinigung Sonderabschreibungsmöglichkeiten und Investitionszulagen auf Immobilien, die in den neuen Ländern die Investitionstätigkeit ankurbeln sollten. Das wurde auch massenweise in Anspruch genommen, bis die Zulage 2001 auslief. Trotz dieses konkreten Ziels wurde sie damals als Schlupfloch kritisiert.

Welche Strafen Steuertricksern drohen

10.000 Euro hinterzogen

Hier wird in der Regel eine Geldstrafe verhängt, die in etwa einem Jahresnettoeinkommen des Steuerpflichtigen entspricht.

Tagessätze

Die Strafverfolgungsbehörden ermitteln die Geldstrafe nach so genannten Tagessätzen. Der Geldbetrag für einen Tagessatz soll dem Tagesnettoeinkommen entsprechen.

Berechnung des Tagesatzes

Hat jemand ein Jahreseinkommen von 50.000 Euro brutto und Abzüge von 20.000 Euro für Steuern, Versicherungen und ähnlichem, so wäre der Tagessatz 82 Euro (gerechnet: 30.000:365).

Anzahl der Tagessätze

Bei einer Hinterziehung von 10.000 Euro werden in der Regel 365 Tagessätze verhängt. Das bedeutet im Beispielsfall 365x82 = 29.930 Euro. Die Geldstrafe läge also bei rund 30.000 Euro.

Verhältnis zur hinterzogenen Steuer

Bei hohen Einkommen kann laut Experten die Strafe durchaus höher als die hinterzogene Steuer sein. Schließlich soll sich Steuerhinterziehung ja nicht lohnen.

20.000 Euro hinterzogen

Bei 20.000 Euro kommt man zu rund 440 Tagessätzen. Die Strafe läge im Beispielsfall dann 36.080 Euro.

Regionale Unterschiede

Es ist bekannt, dass in den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich streng bestraft wird. Eine interne Tabelle weist dies nach. Insofern gelten die hier genannten Strafrahmen nicht absolut, sondern sind lediglich Faustregeln.

Schwere Vergehen

Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofes (Az. 1 StR 525/11) ist die Chance, auch bei schweren Steuervergehen um eine Haftstrafe herumzukommen, deutlich gesunken. Die Karlsruher Richter haben mit ihrer Entscheidung ein Urteil des Landgerichts Augsburg kassiert, das einen Unternehmer wegen 1,1 Millionen Euro hinterzogener Steuern nur zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt hatte. Dieses Strafmaß sei zu gering, entschied der BGH. Das Urteil liegt im Trend, glaubt Martin Wulf von der auf Steuerstrafrecht spezialisierten Kanzlei Streck Mack Schwedhelm: „In der Tendenz ziehen die Sanktionen an“, sagt der Jurist.

Wird es für Steuerberater künftig schwieriger, die Steuerlast ihrer Mandanten zu senken?
Klarstellungen und Vereinfachungen wären absolut wünschenswert, aber bisher gibt es den klaren Trend, dass das Steuersystem immer komplexer wird. Ein Grund dafür ist, dass wir versuchen, mit Gesetzen Einzelfallgerechtigkeit zu erzeugen. Doch ein allgemeines Gesetz kann nie zu einer gerechten Lösung für alle führen. Deshalb werden zusätzliche Gesetze beschlossen, Verordnungen erlassen und schließlich gibt es Verwaltungsanweisungen. Das führt zu einer unfassbaren Komplexität.

Und dadurch gibt es eher mehr Gestaltungsmöglichkeiten?
Auf jeden Fall, denn vieles wird dadurch zur Auslegungssache. Wenn man geschickt argumentiert und die richtigen Paragraphen des Steuerrechts mit den Verordnungen und Verwaltungsanweisungen kombiniert, tun sich viele Sparmöglichkeiten auf.

Kommentare (11)

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S.Lietze

16.09.2013, 16:03 Uhr

...und wie steht es mit der Steuerbehörde?

Teilen Sie ihre Meinung und ihre Erfahrung mit uns, der Abteilung für Wirtschaftspsychologie an der Universität Wien- wie? Einfach ~20 Minute investieren und hier:

http://ww3.unipark.de/uc/Uni_Wien/67e5/

an unserer Studie über Vertrauen in und Macht der Steuerbehörden teilnehmen. Uns interessiert Ihre Meinung!

Vielen Dank an dieser Stelle auch allen bisherigen Teilnehmern!

Stefanie Lietze

Numismatiker

16.09.2013, 16:14 Uhr

„Große fängt man, Kleine lässt man laufen“

In Hessen gibt (oder gab?) es eine Direktive an die Finanzbehörden, bei Großverdienern doch bitteschön nicht so genau hinzusehen.

Und eifrige Finanzbeamte, die sich daran nicht halten wollten, wurden per psychologisches Gutachten kaltgestellt.

inquisitor

16.09.2013, 16:41 Uhr

gegen die ganze steuerwust - eingebrockt von der cdu/csu/spd/fdp/grüne- hilft nur eines:

anders wählen: da gab es mal "so einen professor aus heidelberg", wie der schröder mal so abschätzig diesen herrn kirchhoff mal genannt hat.

der mit friedrich merz eine steuerreform durchführen wollte. was daraus geworden ist wissen alle die hier in deutschland steuern bezahlen NICHTS

der herr kirchhoff ist ja die jahre nicht untätig gewesen und soweit mir bekannt, auch weiterhin gutachterlich und mit vorschlägen tätig.

wer etwas ändern will, an diesem -so gewollten- murks- und unübersehbaren steuergelumps- gesetzen

sollte sich überlegen die andere richtung also die afd zu wählen.

der profi kirchhoff wäre sicher bereit, ein neues steuerrecht auf die beine zu stellen. was wünschenswert wäre.

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