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21.06.2012

08:00 Uhr

Kleingedrucktes

Wer am meisten Kauderwelsch verbreitet

Egal ob Geldanlage, Versicherungen, Medizin oder Mobilfunk - Verbraucher sind oft völlig überfordert und verstehen gar nichts mehr. Sie wünschen sich verständlichere Erklärungen, ergab eine Umfrage.

Wo kommt's her, was ist drin? Verbraucher finden die Informationen auf Lebensmittelpackungen oft unverständlich. dpa-tmn

Wo kommt's her, was ist drin? Verbraucher finden die Informationen auf Lebensmittelpackungen oft unverständlich.

BerlinOb es die Inhaltsstoffe auf dem Joghurtbecher sind, oder die Geschäftsbedingungen einer Versicherung: Wer sich für das Kleingedruckte interessiert, stößt heutzutage schnell an seine Grenzen. Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa befand, dass vor allem ältere Menschen über 60 sich häufig überfordert fühlen. Vor allem Beipackzettel und Erläuterungen von Versicherern zu ihren Produkten sind für die Befragten ein Buch mit sieben Siegeln. Ironie des Schicksals, dass die Studie ausgerechnet von der Ergo-Versicherung in Auftrag gegeben wurde.

Insgesamt 2600 volljährige Bürger befragte Forsa Ende vergangenen Jahres dazu, was sie den Produktinfos entnehmen können. Ob Geldanlagen, Lebensmittel, Medizin, Mobilfunk, Steuern, Strom oder Versicherungen - die Meinungsforscher interessierten sich für die unterschiedlichsten Bereiche. Sie sammelten haufenweise Klagen über das heute gängige Produkt-Kauderwelsch und Wortungetüme wie "Obliegenheitsverletzung", "Beitragserhaltungsgarantie" oder "Thrombozytenaggregationshemmer".

Hier verstehen Verbraucher oft nur noch Bahnhof

Wie verständlich sind die Informationen?

Die Forsa-Forscher haben gefragt: „Wie schätzen Sie das ein: Wie verständlich sind die folgenden Informationen: Kann das jeder verstehen oder nur wer sich damit schon beschäftigt hat oder muss man dafür fast schon Experte sein?“

Platz 1 - Steuererklärung

Formulare und die dazugehörigen Erläuterungen vom Finanzamt für die Steuererklärung liegen in puncto Unverständlichkeit ganz vorne: 35 Prozent der Befragten sagen: "Das verstehen fast nur Experten." Nur fünf Prozent sind der Meinung "Das kann jeder verstehen." 55 Prozent gaben an "Das versteht nur, wer sich schon damit beschäftigt hat".

Platz 2 - Versicherungen

Das dürfte Ergo, den Auftraggeber der Studie, nicht freuen: Nur fünf Prozent der Befragten gaben bei Produktinformationen von Versicherungen an: "Das kann jeder verstehen." 28 Prozent waren der Meinung "Das verstehen fast nur Experten." Die übrigen 65 Prozent gaben an "Das versteht nur, wer sich schon damit beschäftigt hat". Das führt zu Platz zwei der Unverständlichkeiten.

Platz 3 - Banken

Verständnisprobleme gibt es auch bei Produktinformationen von Banken. 31 Prozent der Befragten sagen: "Das verstehen fast nur Experten." Nur sechs Prozent sind der Meinung "Das kann jeder verstehen." Die übrigen 61 Prozent gaben an "Das versteht nur, wer sich schon damit beschäftigt hat".

Platz 4 - Mobilfunkanbieter

Bei Produktinformationen von Mobilfunkanbietern sieht es in Sachen Verständlichkeit auch schlecht aus. "Das kann jeder verstehen" sagen gerade mal elf Prozent. 68 Prozent gaben an "Das versteht nur, wer sich schon damit beschäftigt hat" und 18 Prozent sagen: "Das verstehen fast nur Experten."

Platz 5 - Stromanbieter

Auch bei den Produktinformationen von Stromanbietern ist das Unverständnis der Befragten groß: Nur 15 Prozent geben an "Das kann jeder verstehen". Eine Mehrheit von 68 Prozent sagt: "Das versteht nur, wer sich schon damit beschäftigt hat" und 13 Prozent sind der Meinung "Das verstehen fast nur Experten."

Platz 6 - Lebensmittel

Informationen auf Lebensmittelpackungen schneiden in puncto Verständlichkeit vergleichsweise gut ab: 26 Prozent der Befragten sagen: "Das kann jeder verstehen". Mehr als Hälfte der Befragten sagen jedoch "Das versteht nur, wer sich schon damit beschäftigt hat" und 18 gaben an "Das verstehen fast nur Experten".

Platz 7 - Arzneimittel

Über Beipackzettel von Arzneimitteln sagen immerhin 35 Prozent der Befragten "Das kann jeder verstehen“. 44 Prozent der Befragten sagten allerdings: "Das versteht nur, wer sich schon damit beschäftigt hat" und 22 Prozent gaben sogar an: "Das verstehen fast nur Experten."

"Jedem dritten Bürger begegnen im Alltag häufig schwer verständliche Informationen", lautet das kritische Fazit von Forsa-Geschäftsführer Joachim Koschnicke. Probleme haben vor allem Ältere: Rund 40 Prozent der Studienteilnehmer über 60 gaben in der Studie an, häufig oder sehr häufig mit "schwer verständlichen Informationen" im Alltag konfrontiert zu sein. Und das in einer Zeit, in der die Politik den Bürgern immer mehr Eigenverantwortung überträgt und Unternehmen die Kunden immer mehr selbst erledigen lassen - vom Fahrkartenkauf per Computer bis zum Onlinebanking und Einkauf im Internet.

Ganz oben auf der Liste der Unverständlichkeiten steht - wenig überraschend - die Steuererklärung: "Verlustrücktrag nach 2009" - das seien Sachen, "wo es mir den Schweiß auf die Stirn treibt", zitiert die Studie eine 49-jährige Freiberuflerin. Nur fünf bis sechs Prozent der Befragten konnten die Formulare verstehen, etwa ein Drittel hält diese für reines Experten-Chinesisch.

Kommentare (1)

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entewmarla

21.06.2012, 12:20 Uhr

Hier ein Beispiel dafüf, wie "transparent" RWE folgenden Satz für die die Garpreisfindung verklausuliert:
"Lieber Kunde, Du hast den für Dich ungünstigsten Preis zu entrichten" heisst in der RWE-Sprache:
" ** Die Abrechnung erfolgt nach der Preisstufe 1, es sei denn, der Endpreis der Preisstufe 1 unterschreitet den Endbetrag des Mindestpreises. In diesem Fall wird der Mindestpreis abgerechnet. Der Endpreis (netto) berechnet sich aus dem Verbrauchspreis (netto) multipliziert mit der Verbrauchsmenge zzgl. Grundpreis (netto).".
Gefunden auf der RWE Internet-Präsenz.
Telefonisch nachgfragt bei RWE: Oh, da muss ich erst mal unseren Anwalt fragen - die Geschäftsleitung weiss es auch nicht!

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