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28.01.2016

16:54 Uhr

Kleingeld unerwünscht

„Bargeld ist aufwendig und teuer“

VonBert Losse
Quelle:WirtschaftsWoche

Kleve will 1- und 2-Cent-Stücke abschaffen. Das ergebe wirtschaftlich Sinn, sagt Franz-Josef Arndt. Für den Geschäftsführer des Bankenverbands Nordrhein-Westfalen ist Bargeld eine Mentalitätsfrage.

Bezahlen mit Kleinstgeld wie 1- und 2-Cent-Münzen? In Kleve soll das bald nicht mehr nötig sein. dpa

Euro-Cent-Münzen

Bezahlen mit Kleinstgeld wie 1- und 2-Cent-Münzen? In Kleve soll das bald nicht mehr nötig sein.

Ab Februar soll in Kleve kaufmännisch gerundet werden. Die Händler in der Kleinstadt am Niederrhein waren zu sehr genervt von den kleinen Münzen. Wird die Stadt damit Vorreiter für eine Entwicklung, die in vielen anderen Ländern schon Realität ist? Oder stellen sich die Händler nur an? Die Debatte um den Sinn oder Unsinn von Bargeld ist wieder entfacht.

Herr Arndt, in Kleve sollen ab Februar die 1- und 2-Cent-Münzen aus den Geschäften verschwinden und die Preise stattdessen auf- oder abgerundet werden. Finden Sie das als Bankenvertreter gut oder schlecht?
Zunächst einmal: Münzen, auch kleine Münzen, sind in Deutschland gesetzliches Zahlungsmittel. Händler dürfen die Annahme bis zu einem gewissen Umfang nicht verweigern. Die Aktion in Kleve baut darauf, dass die Kunden freiwillig mitziehen und die Auf- und Abrundung akzeptieren. Mal sehen, ob das klappt. Unabhängig davon macht es betriebswirtschaftlich durchaus Sinn, den Bargeldumlauf zu reduzieren.

Franz-Josef Arndt, Geschäftsführer beim Bankenverband Nordrhein-Westfalen. PR

Kleingeld unerwünscht

Franz-Josef Arndt, Geschäftsführer beim Bankenverband Nordrhein-Westfalen.

Warum?
Das Handling von Bargeld ist für Banken und Handel sehr aufwendig, auch deshalb ist die Annahme größerer Bargeldsummen bei vielen Banken mit einer Gebühr verbunden. Allerdings geht es hier auch um eine kulturelle Frage: Die Deutschen mögen das Bargeld. Fast 80 Prozent der geschäftlichen Transaktionen und über 50 Prozent des Bezahlvolumens werden in Deutschland noch immer mit Bargeld abgewickelt. Auch wenn es für die Wirtschaft am besten wäre, den kompletten Zahlungsverkehr bargeldlos abzuwickeln: Die Präferenzen der Verbraucher können wir nicht ignorieren.

Diese Länder fahren Kampagnen gegen Bargeld

Dänemark

In ein Regierungsprogramm zur Konjunkturankurbelung hat die dänische Regierung den Plan geschrieben, für kleine Geschäfte, Tankstellen und Restaurants den bisherigen gesetzlichen Annahmezwang für Bargeld aufzuheben. Begründet wird das mit den Kosten, die das Zählen und Bearbeiten des Bargelds mit sich bringt. In den nordischen Ländern hat das elektronische Bezahlen das Zahlen mit Bargeld bereits weitgehend verdrängt.

Frankreich

Ab September 2015 wird für Bürger, die in Frankreich leben, die Bargeldzahlungsgrenze auf 1.000 Euro (bis dahin 3.000 Euro) begrenzt. Für ausländische Bürger liegt die Grenze – um den Tourismus nicht zu stark zu beeinträchtigen ‒ bei 10.000 Euro (bisher 15.000 Euro). Quelle: Buch „Bargeldverbot“, S. 27

Belgien

Seit Januar 2014 hat sich die zulässige Bargeldsumme für Waren und Dienstleistungen von 5.000 Euro auf 3.000 Euro verringert.

Spanien

Barzahlungen von über 2.500 Euro sind nach einem Gesetz vom 30. Oktober 2012 verboten, wenn eine der Parteien professionell oder gewerblich tätig ist. Es dient angeblich dem Kampf gegen Steuerbetrug.

Italien

Barzahlungen von mehr als 1.000 Euro sind in Italien seit Anfang 2012 verboten (Direktive zur Nachvollziehbarkeit von Finanzierungen, vor der Barzahlung mit hohen Beträgen wird gewarnt).

Griechenland

Ab Jahresanfang 2011 sind Geschäfte mit einer Barzahlung von 1.500 Euro und mehr illegal, wenn zumindest ein Partner gewerblich aktiv ist.

Schweden

Kampagne zur Bargeldabschaffung „Bargeldfrei jetzt!“ (Kontantfritt Nu), getragen von der Gewerkschaft für Finanzdienstleister „Finansförbundet“ und „Svensk Handel“ mit Sprüchen wie „Bargeld braucht nur noch deine Oma ‒ und der Bankräuber“ oder „Bargeld ist das Blut in den Adern der Kriminalität“.

Der Trend zu bargeldlosem Bezahlen, wie etwa in Skandinavien, macht also vor Deutschland Halt?
Nein. Er braucht nur länger, um sich durchzusetzen. Die Banken werden weiter massiv in bargeldlose Technologien investieren. In Zukunft dürfte die Bedeutung des Bargelds daher auch in Deutschland zurückgehen. Statistiken der Bundesbank zeigen, dass diese Entwicklung – wenn auch langsam – bereits eingesetzt hat. 2008 wurden bei uns 82,5 Prozent aller Transaktionen in bar bezahlt, 2014 waren es nur noch 79,1 Prozent. Es werden auch zunehmend größere Volumina per Karte bezahlt.

Cent-Münzen unerwünscht: Kleve kämpft gegen das Kleingeld

Cent-Münzen unerwünscht

Kleve kämpft gegen das Kleingeld

Die Kleinstadt hat genug von Cent-Münzen. Ab Februar wollen sie Händler nicht mehr annehmen. Kann das funktionieren?

Mal ganz praktisch gefragt: Wofür braucht man Ein- und Zwei-Cent-Münzen? Davon kann man sich nichts kaufen.
Stimmt. Aber sie erleichtern es dem Handel, zu Marketingzwecken so genannte Schwellenpreise einzusetzen, die auf 98 oder 99 Cent enden. Ich bin daher nicht ganz sicher, ob Experimente wie jetzt in Kleve von Erfolg gekrönt sein werden. Womöglich haben gerade große Händler kein Interesse an der Abschaffung der kleinen Münzen, weil sie dann auf Schwellenpreise verzichten müssten. Ein Preis von 9,99 Euro macht keinen Sinn, wenn ohnehin auf zehn Euro aufgerundet wird.

Es gibt noch ein anderes Argument. Kritiker sagen: Bargeld bedeutet Freiheit. Wer das Bargeld abschafft, erhöht die staatliche Kontrolle über die Menschen.
Auch das scheint mir eine Mentalitätsfrage zu sein. In Skandinavien, wo man zum Teil sogar bei Straßenhändlern mit Karte bezahlt, können die Menschen mit diesem Argument wenig anfangen. In Deutschland ist der Stellenwert des Datenschutzes gerade gegenüber staatlichen Stellen deutlich ausgeprägter, auch stößt der „gläserne Kunde“ auf mancherlei Widerstände.

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