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24.02.2015

14:46 Uhr

Krankmeldung und Arbeitsrecht

Wann der Chef Detektive schicken kann

VonJens Hagen

Die Grippewelle grassiert in Deutschland. Mitarbeiter mit hohen Fehlzeiten können beim Chef in Ungnade fallen. Ein Anwalt erklärt, wann Vorgesetzte Blaumacher mit Detektiven und Video-Beweisen entlarven dürfen.

Im Visier des Detektivs: Arbeitgeber dürfen Mitarbeiter nicht ohne begründeten Verdacht überwachen lassen. dpa

Überwachung von Mitarbeiterin

Im Visier des Detektivs: Arbeitgeber dürfen Mitarbeiter nicht ohne begründeten Verdacht überwachen lassen.

Herr Spielberger, ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes (BAG) sorgte in der vergangenen Woche für Furore. Wann darf der Chef kranken Mitarbeiter nachstellen?
Die Entscheidung des BAG zur Videoüberwachung ist von besonderem Interesse, weil die Videoaufnahmen nicht im Betrieb selbst, sondern im öffentlichen Raum gemacht wurden. Der Arbeitgeber ging dabei davon aus, dass dies rechtlich einwandfrei wäre. Die Erfurter Richter sahen das wie das Landesarbeitsgericht (LAG) Hamm in der Vorinstanz anders.

Was bedeutet das Urteil für die Praxis?
Das Urteil schränkt den Handlungsspielraum für Unternehmen ein. Dabei geht es nicht nur um die Frage der Videoüberwachung, sondern auch darum, ob davon losgelöst eine Überwachung durch Detektive rechtmäßig ist. Arbeitgeber können bei einem objektiv nicht greifbaren, aber subjektiv empfundenen Verdacht nicht mehr ohne Weiteres Ermittlungsmaßnahmen außerhalb des Betriebs einleiten.

Partner bei der Kanzlei Reed Smith LLP.

Marc Spielberger,

Partner bei der Kanzlei Reed Smith LLP.

Wann ist eine Überwachung rechtens?
Bevor der Arbeitgeber außerhalb des Betriebs einen Detektiv engagiert und Videoaufnahmen oder ähnliche Observationsmaßnahmen in Auftrag gibt, muss ein auf konkreten Tatsachen gestützter Verdacht vorliegen.

Wann liegen konkrete Tatsachen vor?
Dabei kommt es natürlich immer auf den Einzelfall an. Im Fall, den das BAG beurteilte, ging es um Zweifel an mehreren Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Der Arbeitgeber hatte hier allerdings keine konkreten Tatsachen, sondern nur ein ungutes Gefühl, dass etwas nicht stimmen könnte und vermutete ein Krankfeiern. Das wollte er überprüfen lassen. So einfach geht es in solchen Fällen in Zukunft nicht.

Was bei der Arbeit stresst

Verantwortung

Was sorgt im Büro für Stress? Der Personaldienstleister Robert Half hat im höheren Management nach den wichtigsten Gründen gefragt. Dabei gaben 18 Prozent der Befragten zu viel Verantwortung oder ständiges an die-Arbeit-denken auch in der Freizeit als Grund für Stress bei der Arbeit an. Nur in Tschechien können die Beschäftigten außerhalb des Arbeitsplatzes schwerer abschalten - dort gaben 28 Prozent an, dauernd an die Arbeit denken zu müssen. Auf der anderen Seite der Skala ist Luxemburg: nur fünf Prozent haben dort dieses Problem.

Stressfrei

Keinen Stress haben dagegen nur sieben Prozent der deutschen Befragten. Genauso niedrig ist der Anteil derer, die ihren aktuellen Job nicht mögen.

Druck von oben

Unangemessener Druck vom Chef nannten 27 Prozent der Befragten hierzulande als Stressgrund. In Brasilien sind es dagegen 44 Prozent.

Chefqualitäten

Wenn der Chef sich eher um sein Handicap kümmert, statt ordentlich zu führen: 28 Prozent der Befragten sind mit der Managementfähigkeit des Chefs unglücklich. Das Unvermögen des führenden Managers, das zu Stress führt, scheint in Luxemburg relativ unbekannt zu sein - nur 11 Prozent der Befragten sind dort mit den Befragten unglücklich, in Dubai sind es gar neun Prozent.

Büroklatsch

Dass unangenehme Kollegen oder fieser Büroklatsch zu Stress führen kann, ist allgemein bekannt. Dementsprechend führen auch 31 Prozent der Befragten das als Stressgrund an - der Anteil derer, die das ähnlich sehen, liegen in allen anderen Ländern fast gleich hoch - außer in Brasilien: 60 Prozent der Befragten geben unangenehme Kollegen und fiesen Büroklatsch als Stressgrund an.

Unterbesetzung

Ein weitere Stressgrund: personelle Unterbesetzung. 41 Prozent der Befragten sehen das als wichtigen Grund für Stress bei der Arbeit an - ein Wert, der fast in allen Ländern ähnlich ist.

Arbeitsbelastung

Doch am problematischsten, laut der Studie: die hohe Arbeitsbelastung. 51 Prozent der Befragten gaben dies als Stressgrund an. Deutschland liegt damit im Schnitt, auch in den anderen elf Ländern ist ein ähnlich hoher Anteil der gleichen Meinung.

Wann dürfen Arbeitgeber einen Detektiv einschalten?
Allein die Vorlage mehrerer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen von verschiedenen Ärzten ist nach dem BAG-Urteil jedenfalls kein ausreichend konkreter Verdacht. Auch nicht eine Veränderung im Krankheitsbild. Das heißt in der Praxis, der Arbeitgeber muss darüber hinausgehende Tatsachen vorliegen haben, aus denen er einen Zweifel ableiten kann.

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Die Zahl der Krankmeldungen steigt. Arbeitgeber beauftragen Detektive, um Blaumacher zu entlarven. Einer davon verrät, wie er observiert, wann Mitarbeiter den Job riskieren und warum Chefs Fälle konstruieren möchten.

Geben Sie uns ein Beispiel?
Das könnten zum Beispiel Aussagen von Kollegen sein, man habe den Arbeitnehmer zufällig privat beim Hausbau oder Fußballspielen gesehen, obwohl der Arbeitnehmer wegen eines Rückenleidens krankgeschrieben ist. Dann liegt ein Verdachtsmoment vor. Solange aber nur die spekulative Vermutung vorliegt, ein Krankfeiern könnte gegeben sein, reicht das nicht mehr.

Was droht Chefs, die ohne einen solchen konkreten Verdacht aktiv werden?
Dem Arbeitgeber droht wie im Fall des BAG ein Schmerzensgeld. Die Observation ist rechtswidrig. Außerdem besteht die mögliche Folge, dass das Beweismaterial in einem Prozess wegen einem Beweisverwertungsverbot nicht verwendet werden kann.

Wie können Chefs Belege für eine Observation sammeln?
Wenn Zweifel an der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bestehen, kann der Arbeitgeber etwa den medizinischen Dienst der Krankenversicherung einschalten, der eine gutachtliche Stellungnahme erstellt.

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