Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.08.2012

06:44 Uhr

Libor-Klagen

Anwälte machen Privatanlegern wenig Hoffnung

Auf die Banken, die in den Libor-Skandal verwickelt sind, rollt eine Klagewelle zu. Auch Privatanleger sind zu Schaden gekommen, allerdings dürfte es für sie schwierig werden, an ihr Geld zu kommen.

Passanten gehen im Finanzdistrikt in London dapd

Passanten gehen im Finanzdistrikt in London

FrankfurtDie Juristen scharren schon mit den Hufen - mit der angeblichen Manipulation der Banken-Referenzzinsen könnte eine Klagewelle auf die Geldhäuser zurollen. Doch selbst die auf Prozesse gegen Banken spezialisierten Anlegeranwälte machen Privatanlegern und Häuslebauern wenig Hoffnung auf einen Geldregen. "Das ist kein Selbstläufer", räumt Klaus Nieding von der Frankfurter Kanzlei Nieding + Barth ein. "Das ist eine schwierige Geschichte." So groß der Profit für die Banken selbst gewesen sein mag, so klein sind die Schäden beim einzelnen Kläger. Und selbst wenn der Libor-Zins nachweislich manipuliert wurde, muss der Kunde bei Schadenersatzklagen erst belegen, dass ihm wirklich ein Schaden entstanden ist, und zwar nur durch die Tricksereien.

"Das Problem für Privatanleger ist es schon, den Schaden zu beziffern", sagt Jürgen Kurz von der Anlegerschutzvereinigung DSW. "Wir raten erst einmal abzuwarten, wie sich die Beweislage entwickelt." Schließlich verjährten die Ansprüche erst drei Jahre nach Bekanntwerden der Affäre. Kreditnehmer sind auf den ersten Blick ohnehin kaum betroffen, auch wenn ihre variablen Darlehen sich nach dem Libor richten - denn die Zinsen wurden nach bisherigen Erkenntnissen nach unten manipuliert.

Aber auch Tages- oder Termingeld-Zinsen waren mitunter an Libor oder Euribor geknüpft. Doch selbst wer eine Million Euro auf einem solchen Konto angelegt hat, hat bei einer Veränderung um 0,01 Prozent nur 100 Euro verloren - über ein ganzes Jahr. "Da werden sie niemanden finden, der seine Bank dafür verklagt", räumt Jochen Weck von Rössner Rechtsanwälte in München ein. "Da hat sich auch bei uns bislang keiner gemeldet", sagt Nieding.

Mehr Futter für die Anwälte geben komplizierter konstruierte Produkte wie Bonus-Zertifikate oder Derivate wie Zinsswaps her. Hier kann es einen großen Unterschied machen, ob der Euribor bei 1,50 oder 1,51 Prozent liegt. Denn das kann entscheiden, ob der Käufer einen Bonus erhält oder nicht oder - noch extremer - ob die Zinswette an die Bank geht oder an ihn. "Da sind schon ambitioniertere Privatanleger betroffen", sagt Anlegerschützer Kurz. In der Mehrheit sind aber institutionelle Investoren wie Fondsgesellschaften, Versicherer und reiche Familien, wie Nieding beim Blick auf seine Kundenkartei sagt.

Auf diese Fälle stürzen sich denn auch die Anwälte. "Wenn da alle klagen, die bei uns angefragt haben, sind etwa 600 Klagen zu erwarten, die zusammen dreistellige Millionenbeträge umfassen können", sagt Nieding. Weck schätzt das Volumen möglicher Klagen in Deutschland sogar auf Milliardensummen.

Mit einfachen Klagen auf Schadenersatz sind solche Beträge aber kaum erreichbar. Deshalb schielen viele Juristen auf eine Rückabwicklung der jeweiligen Verträge. "Das kann sich beim derzeit niedrigen Zinssatz schon lohnen, wenn man vor einigen Jahren Kredite zu sechs oder acht Prozent abgeschlossen hat", sagt Nieding. Doch die Argumentation vor Gericht macht das nicht einfacher: Denn der Kläger muss dann nachweisen, dass er nie einen etwa vom Libor abhängigen Kredit abgeschlossen hätte, wenn er von Manipulationen gewusst hätte. Anders gesagt: Seine Bank habe versäumt, ihn aufzuklären, dass dem Libor nicht zu trauen sei.

Worum es beim Libor-Skandal geht

Was ist der Interbankenmarkt?

Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, war nach der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

Was ist der Libor?

Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen etwa von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

Warum ist das nicht früher aufgefallen?

Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

Welche Folge hat das für Privatkunden?

Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Deshalb suchen viele Investoren auf die USA. Dort haben sich mehrere Fondsgesellschaften aus Deutschland - unter anderem die der Privatbank Metzler - Sammelklagen gegen die verdächtigten Banken angeschlossen. Das erleichtert die Vorbereitung, denn in diesen Fällen ermittelt die US-Justiz dann von Amts wegen. "Aber das oberste US-Bundesgericht hat die Zuständigkeit für Klagen aus dem Ausland zuletzt stark eingeschränkt", gibt Anlegeranwalt Nieding zu bedenken. Wer als Anleger nicht in den USA aktiv war, hat dort kaum Chancen.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×