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28.02.2017

17:19 Uhr

Mini-Bonds für Anleger

Zu schön um wahr zu sein

VonGertrud Hussla

Ob KTG Agrar, German Pellets oder der Modekonzern Steilmann – seit Start des Börsensegments für Mittelstandsanleihen haben immer neue Pleiten das Segment erschüttert. So schützen sich Anleger vor Reinfällen.

In der Vergangenheit mussten Anleger von Mittelstandsanleihen Verluste hinnehmen. Dabei kann man sich vor ihnen schützen, die Beachtung einiger Regeln vorausgesetzt. dpa

Biogas-Anlage der KTG-Gruppe in Mecklenburg-Vorpommern

In der Vergangenheit mussten Anleger von Mittelstandsanleihen Verluste hinnehmen. Dabei kann man sich vor ihnen schützen, die Beachtung einiger Regeln vorausgesetzt.

DüsseldorfDie Werbung überzeugte. „Vom Feld auf den Teller – In drei Jahren von der Vision zur Realität“, warb Siegried Hofreiter um Anlegergeld für seinen KTG-Agrar-Konzern. Auch bei German Pellets hatten Sparer das Gefühl, das richtige zu tun: „Ein nachhaltiges Investment“, stand groß auf den Werbebroschüren von German Pellets. Die Stories klangen gut, die Zinsen auch: 7,25 Prozent oder gar acht Prozent boten die Emittenten. Über Anleihen sammelten die beiden Unternehmen zusammen rund eine halbe Milliarde Euro ein. Doch dann ging etwas schief. German Pellets, KTG Agrar und viele andere Anbieter von Mittelstandsanleihen sind heute pleite. Das Geld ihrer Anleger ist in großen Teilen verbrannt.

Nach dem Börsengang 2007 nannte der Vorstand von KTG-Agrar seine folgende Anleihe ein „Biowertpapier“. Nach der Pleite ist es nichts mehr wert. AP

Siegfried Hofreiter

Nach dem Börsengang 2007 nannte der Vorstand von KTG-Agrar seine folgende Anleihe ein „Biowertpapier“. Nach der Pleite ist es nichts mehr wert.

Die Anleihen gehörten zu einem Börsensegment, das erst 2010 in Leben gerufen wurde: „Bondm“ hieß es beispielsweise in Stuttgart, „Entry Standard“ in Frankfurt. Es war ein Segment für kleinere und mittlere Unternehmen. Insgesamt 6,2 Milliarden Euro haben kleinere, in Finanznöte geratene Unternehmen seit 2010 über die Börsen eingesammelt. Es wurde eine Katastrophe. Bislang sind bereits rund 30 Prozent des Anleihevolumens ausgefallen. Zwei Milliarden Euro sind damit weitgehend vernichtet. Weitere Pleiten könnten folgen. Bei den 2017 fälligen Anleihen sind zwar viele jetzt schon ausgefallen. Bei den Papieren, die bis 2018 laufen, aber noch nicht. Dort bröckeln die Kurse vieler Bonds schon bedenklich. 

Vor allem Privatanleger wähnten sich mit den Investments in Papiere wie German Pellets, Steilmann oder Scholz auf der sicheren Seite. Schließlich befanden sie sich im geregelten Kapitalmarkt, die Bonds wurden an der Börse gehandelt und mit viel Werbung ihrer Emittenten unter das Volk gebracht. Das Fatale: Ratingagenturen gaben viel zu gute Noten, die Risiken waren nur schwer zu erkennen. Doch es gibt auch bei Geldanlagen wie den Minibonds Wege, ein paar Faustregeln, um sich vor Fehlinvestments zu schützen.

1) Den Zins mit seinem Umfeld vergleichen.

Der Schrotthändler Scholz etwa begab 2014 eine Anleihe zu 8,5 Prozent. Damals rentierten risikofreie deutsche Bundesanleihen zehnjähriger Laufzeit mit etwas über einem Prozent. Experte Ralf Garrn von der Ratingagentur Euler Hermes empfiehlt auch den Vergleich mit Anleihen aus der Branche. Der Stahlkonzern Thyssen bot 2014 eine Anleihe zu 4,4 Prozent. Das war schon deutlich höher als der Zins eines Staatspapiers. Doch der Thyssen-Zins lag immer noch vier Prozentpunkte unter Scholz. Wenn sich ein Unternehmen so teuer verschulden muss, ist das ein Hinweis auf sehr hohes Risiko, wenn nicht sogar auf akute Geldnot.

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2)  Reichen die Gewinne für künftige Zinszahlungen?

Wichtigste Frage: Kann das Unternehmen die Zinsen überhaupt verdienen? Faustregel: Das Ebit (Gewinn vor Steuern und Zinsen) sollte mindestens drei mal so hoch wie die künftigen Zinsdienste sein. Für den Vergleich eignet sich auch der Cashflow. Hier gilt die gleiche Regel. Beide Größen zeigen an, wie liquide ein Unternehmen ist. Bei Anlagen mit erneuerbaren Energien reicht eventuell das 1,2- bis zweifache des Zinsdienstes. Denn hier mindern feste Einspeisevergütungen das Risiko.

3)   Mehrere Jahres-Abschlüsse miteinander vergleichen.

Springen Zahlen wie Kassenbestand, Umsatz, Kosten oder Forderungen wild hin und her? Machen immer neue Sondereffekte die Kennzahlen schwer vergleichbar? Ein Warnzeichen sind wechselnde Firmenstrukturen und ein komplexes Firmengeflecht. Beim klammen Textilriesen Steilmann etwa waren die Jahresabschlüsse kaum vergleichbar, weil er ab 2013 als Großaktionär von Adler die Abschlüsse der Modetochter samt ihres 50 Millionen Euro schweren Kassenbestands mit in die Bilanz einbezogen hat. Es war nicht mehr zu erkennen, dass Steilmann damals unter großer Finanznot litt und seine Kreditlinien bei der Hausbank um 50 Millionen Euro überzogen hatte.

Kommentare (1)

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Frau Edelgard Kah

28.02.2017, 17:58 Uhr

Sehr geehrte Frau Hussla,

ich sehe das Leben deutlich einfacher als Sie. Wenn die EZB den Zins abschafft, dann gibt es keinen mehr. Was dann noch bleibt, ist die Vergütung für Inkaufnahme von Ausfallrisiken.

Ich glaube nicht, dass ein Privatanleger die Ausfallrisiken abschätzen kann. Und zweitens sollte er auch kein Einzelwertrisiko eingehen. Was letzten Endes bleibt, ist ein Fonds mit Hochzinsanleihen.
Auch hier braucht der Anleger bei der Auswahl professionelle Hilfe. Es gibt Ratingagenturen wie z.B. Morningstar, die Fonds untereinander vergleichen und bewerten.

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