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20.04.2015

11:47 Uhr

Nach dem Wölbern-Fonds-Urteil

„Wir mussten mehr als 40 Verfahren führen“

VonGertrud Hussla

In einer beispiellosen Aktion haben die Wölbern-Anleger um ihr Geld gekämpft. Der Wölbern-Fonds-Gesellschafter Christoph Schmidt war ganz vorne mit dabei und berichtet über die Revolte der Anleger.

Der Wölbern-Anleger wehrte sich. Privat

Christoph Schmidt

Der Wölbern-Anleger wehrte sich.

Herr Schmidt, schon 2011 haben Schulte und seine Wölbern Invest Geld aus den Fonds genommen. Warum konnten Sie und die übrigen Anleger das damals nicht stoppen?
Es dauerte eine Zeit, bis wir überhaupt Gewissheit hatten, dass er schon 2011 Gelder veruntreut hat. Entscheidend war die Veröffentlichung der Bilanz 2011 im elektronischen Bundesanzeiger im Oktober 2012. Wir hatten die Entnahmen über das sogenannte „Liquiditätsmanagement“ zuvor schon gerichtlich gestoppt. Mit dieser Erfindung sollten sich ja die Fonds angeblich untereinander Geld leihen.

Mit dem Gerichtsbeschluss zum „Liquiditätsmangement“ hat der Aderlass der Fonds aber nicht aufgehört…
Was wir nicht wussten: Schon vor der offiziellen Einführung des „Liquiditätsmanagement“ waren viele Millionen abgeflossen. Was wir auch nicht wussten: Nach Beendigung des „Liquiditätsmanagements“ kamen Schulte und seine Berater auf den Trick mit den Anleihen. Über wertlose Anleihen der Briefkastenfirma „Wölbern Invest B.V.“ hat er weiter Geld aus den Fonds genommen und damit die Gerichtsurteile völlig unverfroren ins Leere laufen lassen.

So lassen sich Anleger schützen

Der Anwalt

Rechtsanwalt Achim Tiffe hat sich auf den Verbraucherschutz spezialisiert. Er berät Anleger, wenn sie Probleme mit Banken und anderen Finanzdienstleistern haben. Handelsblatt Online schlägt er vor, wie Anleger vor riskanten Anlagen wie beim Krisenunternehmen Prokon wirksam schützen ließen.

1. Lückenloser Schutz

Der Schutz der Verbraucher bei Geldanlagen aller Art sollte gewährleistet sein. Das heißt, dass Finanzdienstleister Privatpersonen keine Genussrechte oder Unternehmensanleihen verkaufen sollen, ohne sie ausreichend über die Risiken dieser Produkte aufzuklären. Vermittlung statt Beratung bei lückenhaften Verbraucherschutz sollte nicht mehr möglich sein.

2. Beratung ist Pflicht

Die Beratung gegenüber Verbrauchern bei riskanten Anlagen wie unternehmerischen Beteiligungen sollte Pflicht sein ohne die Möglichkeit, sie zu umgehen.

3. Beweislastumkehr

Es muss eine Beweislastumkehr für Berater gelten, zum Beispiel dann, wenn mehr als 10 Prozent des vorhandenen liquiden Vermögens in geschlossene Beteiligungen investiert werden. Bislang müssen die Kunden eine mögliche Falschberatung nachweisen.

4. Warnende Hürde

Früher mussten Anleger, die sich in Termingeschäften engagieren wollten eine spezielle Erklärung unterschreiben, die Börsentermingeschäftsfähigkeit. Dabei wurden sie über die Risiken solcher Geschäfte aufgeklärt. Auch heute würde die Einführung einer solchen warnenden Hürde vielen Verbrauchern helfen, die in riskante Geldanlagen einsteigen wollen.

5. Versicherungshaftpflicht für Berater

Nicht alle Vertriebler sind gegen Falschberatung versichert. Eine Pflicht zur ausreichenden Vermögenshaftpflichtversicherung für alle Vermittler und Berater wäre im Interesse der Anleger. Idealerweise würden Finanzprodukte nur über solche Unternehmen vertrieben werden.

6. Bessere Kontrolle

Wichtig wäre auch eine effektive Kontrolle aller Vermittler und Berater durch eine zentrale Aufsichtsbehörde mit entsprechender Ausstattung.

7. Staatshaftung

Um die Verbraucher zu schützen, benötigt es effiziente Behörden. Sie müssten bei Missständen konsequent und schnell einschreiten. Tun sie das nicht, müsste der Staat haften, fordert Tiffe.

8. Finanzmarktwächter

Es müsste einen Finanzmarktwächter geben, der zeitnah Verbraucherprobleme erfasst, aufarbeitet und an Politik und Behörden und Öffentlichkeit weitergeben kann. Laut Koalitionsvertrag könnten Verbraucherschützer damit beauftragt werden.

9. Haftungsbegrenzung

Verbraucher brauchen klare Regeln zum Ausweis von Risiken, die sie auch verstehen. Außerdem sollte es eine gesetzliche Begrenzung der Haftung der Verbraucher auf gezahlte Einlage geben.

Warum haben Sie sich nicht einfach Einblick in die Konten verschafft?
Das konnten wir nur gerichtlich erzwingen. Doch jede gerichtliche Aktion dauert Zeit. Schultes Anwälte haben regelmäßig Anträge auf Fristverlängerung gestellt und den vollen Instanzenweg bis hin zur Zwangsvollstreckung ausgeschöpft. So wurden die Verfahren möglichst lange hingezogen, obwohl in 99 Prozent der Fälle von Vornherein klar war, dass die Position von Schulte völlig aussichtlos sein würde.

Urteil im Wölbern-Prozess: Achteinhalb Jahre Haft für Schulte

Urteil im Wölbern-Prozess

Achteinhalb Jahre Haft für Schulte

Heinrich Maria Schulte, Ex-Chef des Fondshauses Wölbern, hat 150 Millionen Euro veruntreut und soll achteinhalb Jahre ins Gefängnis. Es ist eine der härtesten Strafen, die in deutschen Wirtschaftsprozessen verhängt wurden.

Wie viele Verfahren und Verfügungen hatten Sie damals laufen?
Ich persönlich habe zwölf Gerichtsverfahren geführt. Unsere Initiative hat insgesamt mehr als 40 Verfahren geführt und bis auf zwei alle gewonnen. Bei zehn Fonds haben wir neue Geschäftsführer eingesetzt.

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