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11.11.2014

15:21 Uhr

Nach Verbraucherbeschwerde

Volksbank kündigt unbequemem Kunden das Girokonto

Die Verbraucherzentrale sammelt Reaktionen auf ein BGH-Urteil, wonach unrechtmäßig erhobene Bearbeitungsgebühren zurückverlangt werden können. Eine Volksbank reagierte darauf mit der „dreistesten aller Reaktionen“.

Filiale einer Volksbank (Symbolbild): Die Volksbank Zuffenhausen kündigte einem Kunden, weil er Bearbeitungsgebühren zurückforderte. picture alliance / ZB

Filiale einer Volksbank (Symbolbild): Die Volksbank Zuffenhausen kündigte einem Kunden, weil er Bearbeitungsgebühren zurückforderte.

StuttgartAls Reaktion auf die Forderung eines Kunden, unzulässig erhobene Bearbeitungsgebühren zurückzuzahlen, hat die Volksbank Zuffenhausen diesem Kunden nach Angaben der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg (VZ-BW) gekündigt. Die Verbraucherzentrale sammelt derzeit Reaktionen auf das Urteil des Bundesgerichtshofs, wonach Banken unzulässig erhobene Gebühren beim Abschluss eines Verbraucherkredits seit Ende Oktober 2004 zurückerstatten müssen.

Manche Geldinstitute reagieren demnach gar nicht auf Beschwerden, manche behaupten, das Urteil sei nicht anwendbar, weil das Entgelt individuell vereinbart worden sei, manche erstatten die Bearbeitungsgebühren tatsächlich, manche nur zuzüglich Verzugszinsen.

Fakten zum Dispozins

Was sind Dispo- und Überziehungszinsen?

Dispo- und Überziehungszinsen werden fällig, wenn ein Bankkunde kein Geld mehr auf dem Girokonto hat, es aber weiter belastet wird und ins Minus rutscht. Zunächst gewährt die Bank in der Regel einen Dispositionskredit – kurz: Dispokredit oder Dispo. Dieser ermöglicht eine begrenzte Überziehung. Limit sind oft zwei oder drei Monatsgehälter. Für Überziehungen in diesem Rahmen gilt der Dispozinssatz. Wird das Konto über diesen Rahmen hinaus überzogen, fallen bei den meisten Banken Überziehungszinsen an. Diese liegen oft noch mehrere Prozentpunkte höher.

Wo erfahren Bankkunden, wie hoch ihre Dispozinsen sind?

Banken sollten darüber unter anderem mit Aushängen in ihren Filialen oder auf ihren Internetseiten informieren. Laut Stiftung Warentest machen aber einige Banken ein Geheimnis aus der Höhe des Dispozinses und lüften dieses erst im Kundengespräch. Eine Informationsquelle ist für Kunden der Kontoauszug, wenn fällige Zinsen abgerechnet werden, etwa zum Ende eines Quartals. Dann müssen die Konditionen auf den Kontoauszügen abgedruckt werden. Um die Dispozinsen verschiedener Institute zu vergleichen, gibt es Internetseiten wie test.de/dispo, fmh.de oder biallo.de.

Wie hoch sind die Dispozinsen derzeit?

Nach Angaben von „Finanztest“ lag der durchschnittliche Dispozinssatz Anfang August 2014 bei 10,65 Prozent. Die Differenz zwischen dem günstigsten (4,9 Prozent) und dem höchsten Dispozinssatz (14,25 Prozent) betrug demnach jedoch fast zehn Prozentpunkte.

Was sind die Vor- und Nachteile von Dispokrediten?

Vorteil ist, dass eingeräumte Dispokredite nicht erst beantragt werden müssen, sondern sofort verfügbar sind. Die Zinszahlungen verringern sich zudem mit jedem Zahlungseingang auf dem Girokonto; es gibt keine festen monatlichen Raten zur Rückzahlung. Nachteil ist die Zinshöhe. Außerdem können Banken Dispokredite kurzfristig kündigen und zurückfordern, etwa wenn sie Zweifel an der Zahlungsfähigkeit eines Kunden bekommen.

Wie können Bankkunden hohe Dispozinsen umgehen?

Verbraucher können mit ihrem Institut vereinbaren, dass ein Konto nicht überzogen werden darf. Finanzexperten raten aber dazu, zumindest einen Dispo-Rahmen von 500 Euro einzurichten. So ist es möglich, dass regelmäßig fällige Beträge wie Telefonrechnungen auch etwa während einer Urlaubsreise abgebucht werden können. Dadurch lassen sich unter Umständen teure Mahngebühren sparen, welche die Kosten für Dispozinsen übersteigen können. Bankkunden können daneben mit ihren Instituten auch über die Höhe des Dispozinssatzes verhandeln. Zudem gibt es spezielle Girokonto-Typen wie Kinderkonten, die als reine Guthabenkonten angeboten werden und nicht überzogen werden können. Die jungen Bankkunden können somit nicht ins Minus rutschen.

Gibt es Alternativen zum Dispokredit?

Bei größeren Ausgaben raten Verbraucherschützer davon ab, das Girokonto dauerhaft zu überziehen. Sie empfehlen einen Raten- oder Abrufkredit mit niedrigeren Zinsen. Ratenkredite sind Darlehen über eine bestimmte Summe und einen bestimmten Zinssatz, die in einem festen Zeitraum zurückgezahlt werden. Abrufkredite funktionieren ähnlich wie Dispokredite mit einem Kreditrahmen, jedoch muss meist monatlich ein bestimmter Betrag zurückgezahlt werden.

Die „dreisteste aller Reaktionen“ aber sei die Kündigung der Geschäftsbeziehung, kritisierte Finanzexperte Niels Nauhauser von der VZ-BW am Dienstag. Bemerkenswert in diesem bislang einmaligen Fall sei zudem, dass der zuständige Schlichter den Anspruch des Kunden bejaht hatte. Nauhauser kündigte an, das Verhalten der Banken weiter im Auge zu behalten.

Der BGH hatte Ende Oktober geurteilt, dass Bankkunden die beim Abschluss eines Verbraucherkredits erhobenen Bearbeitungsgebühren rückwirkend ab Ende Oktober 2004 zurückfordern können. Verbraucherschützer empfehlen allen betroffenen Kunden, ihre Forderungen umgehend per Musterbrief zu erheben.

Sollten Banken auf Zeit spielen oder sich weigern, solle der sogenannte Ombudsmann der Banken eingeschaltet werden, um die drohende Verjährung zum Jahresende zu hemmen.

Von

afp

Kommentare (12)

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G. Nampf

11.11.2014, 16:46 Uhr

Ombudsleute werden auch von den Banken bezahlt, deswegen urteilen sie meist im Sinne der Banken. Dies wurde von einem Verbrauchemagazin (ARD, Sendetermin und Name ist mir entfallen; ich kann mir nicht alles merken) bestätigt.

Also gleich die Verbraucherzentrale oder einen Anwalt einschalten.

Herr Marcel Jokel

11.11.2014, 17:23 Uhr

Warum sollte ich die Verbraucherzentrale einschalten? Das bringt gar nichts. Was die Bank hier macht ist kein vernünfiges verhalten auf eine geschaffene Rechtslage wenn es so vorgefallen ist wie hier beschrieben. Ich vermute aber das da mehr hinter stecken wird und der Kunde schon mehr Meinungsverschiedenheiten mit der Bank gehabt haben wird.

Herr Naj Kiezle

11.11.2014, 18:24 Uhr

Bei uns in der Filiale schlagen reihenweise Kunden auf, die entweder nicht in der Lage sind, ihre Kredite der Vergangenheit irgendwie zu benennen (Kontonummer, Datum der Aufnahme, Kredithöhe) oder falls sie dies doch können, überhaupt nie Bearbeitungsgebühren gezahlt haben. Wenn es irgendwas an Geld gibt, einfach mal probieren. Ist ja nur die böse Bank / Sparkasse. Selbstredend wurde alte Kreditverträge von den Kunden weggeschmissen, die jetzt natürlich von der Bank kostenfrei nacherstellt werden sollen, damit danach erfolgreich erstattet bzw. geklagt werden kann. Weil mir diese Kunden so lieb sind, mach ich das natürlich mit freundlichem Lächeln bei ner schönen Tasse Kaffee.

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