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14.01.2014

11:15 Uhr

OLG-Urteil

Risikokategorien sind nicht anlegergerecht

Bei der Beschreibung von Anlageprodukten werden gerne Risikokategorien verwendet. Doch Begriffe wie „Wachstum“ oder „Chance“ sind nicht anlegergerecht. Darunter könnte jeder etwas anderes verstehen.

Eine anlegergerechte Beratung ist Pflicht für Banken und Berater - der Anleger muss verstehen, was er kauft. dpa

Eine anlegergerechte Beratung ist Pflicht für Banken und Berater - der Anleger muss verstehen, was er kauft.

StuttgartBei der Risikobeschreibung werden Anlageprodukte und Musterdepots gerne in Kategorien wie „Wachstum“ oder „Chance“ eingeordnet. Das sei keine anlegergerechte Beratung, hat nun das Oberlandesgericht Stuttgart geurteilt. Es ist als erstes Obergericht zu diesem anlegerfreundlichen Ergebnis gekommen.

„Das Urteil hat weitreichende Bedeutung“, sagt Peter Gundermann von der Rechtsanwaltsgesellschaft Tilp. Der Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht hatte das Urteil erstritten. „Das Gericht stellt hier eine Falschberatung fest, weil die verwendeten Strategiebegriffe Wachstum und Chance dem Anleger ein zu geringes Risiko suggerierten.“ Das Gericht hat nun entschieden, dass die Risikobegriffe nach dem objektiven Empfängerhorizont des Anlegers ausgelegt werden müssen (Az.: 9 U 52/13).

Was Kunden, Banker und Regierung tun sollten

Handlungsempfehlung für Kunden

Was müssen Privatkunden beachten, damit sie sich für das richtige das richtige Finanzprodukt abschliessen? Elf Vorschläge von Julius Reiter, Professor für Banking & Finance an der FOM-Hochschule für Oekonomie und Management und Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht in der Kanzlei Baum Reiter & Collegen in Düsseldorf.

Verbesserung des Finanzproduktverständnisses

Kunden müssen alle Konsequenzen im Rahmen eines Finanzgeschäfts beurteilen können. Ist dies nicht gegeben, sollten sie auf den Vertragsabschluss verzichten.

Überprüfung der Vertragsdetails

Kunden profitieren bei der Auswahl des geeigneten Finanzprodukts von einer kritischen Prüfung des Vertragswerks. Kunden gewinnen langfristig, wenn sie neben den Chancen und Risiken auch die Gebührenstruktur eines Finanzprodukts kritisch beim Erwerb hinterfragen.

Umgang mit persönlichen Daten

Kunden sollten kritisch hinterfragen, welche Informationen sie dem Finanzberater preisgeben. Weiterhin sollten sie den Umgang mit ihren persönlichen Daten, insbesondere im Internet, restriktiv handhaben. Öffentlich zugängliche personenbezogene Daten können von der Finanzbranche strategisch und in der Beratung verkaufspsychologisch genutzt werden.

Handlungsempfehlung für Banken

Banken sollten für eine erfolgreiches wirtschaften folgende Ratschläge beachten.

Suchmaschinenoptimierung

Suchmaschinen sind im Kaufentscheidungsprozess für Bankkunden eine wichtige Informationsquelle. Eine Suchmaschinenoptimierung erscheint erforderlich, um Kunden entsprechende Informationen zur Verfügung stellen zu können.

Abstimmung des Filial- und Internetangebots

Banken profitieren von einem auf das Kundenbedürfnis ausgerichteten Angebot im Internet. Die Optimierung des Vertriebsweges Internet bei gleichzeitiger Abstimmung mit lokalen Angeboten erscheint sinnvoll.

Optimierung der Vergütungsstruktur

Die Gruppe der Selbstentscheider und der Online-Käufer wächst. 25% der Kunden lassen sich in Banken und bei Finanzdienstleistern beraten, kaufen aber die Finanzprodukte im Anschluss online. Dies steht im Zusammenhang mit gestörtem Vertrauen in die Unabhängigkeit und Kompetenz der Finanzberatung. Entlohnungssysteme im Rahmen der Beratung sollten überprüft und die Qualität der Beratung gegenüber den Kunden deutlicher herausgestellt werden.

Handlungsempfehlung für Gesetzgeber

Juristen sollten die sich nachfolgenden Tipps zu Herzen nehmen.

Reduzierung Vertragskomplexität bei Finanzprodukten

Die Transparenz bei Finanzprodukten ist nicht gegeben. Die Komplexität sollte reduziert und die Transparenz, insbesondere in Bezug auf Kosten und Provisionen, muss erhöht werden. Bei gesetzlicher Verpflichtung der Anbieter zur Offenlegung aller Kosten einer Kapitalanlage in Euro und Cent könnte der Anleger unter Berücksichtigung dieser Kosten von sich aus prüfen, welcher absolute Betrag seiner Anlagesumme überhaupt in die Substanz des Produktes fließt und wie viel „weiche Kosten“ keinem Gegenwert entsprechen.

Unabhängige Beratung fördern

Der Trend zum Selbstentscheider und Online-Kauf bei Finanzprodukten nimmt zu. Dies steht im Zusammenhang mit dem Vertrauensverlust in die Finanzberatung. Ein Fünftel der Befragten kann sich unter Honorarberatung, also unabhängiger Beratung ohne Provisionsvergütung, nichts vorstellen. Es sollte durch den Gesetzgeber ein Berufsbild des Honorarberaters mit qualifizierter Berater-Ausbildung und verbindlichen Qualifikationsanforderungen etabliert werden. Die Verpflichtung für Anbieter, Finanzprodukte als Alternativangebot mit provisionsfreien Nettotarifen anzubieten, könnte den Markt für unabhängige Beratung fördern.

Finanzbildung

Die Finanzbildung sollte als fester Bestandteil in die Schulausbildung integriert werden.

Das OLG hatte nicht nur überprüft, ob die Wortwahl zur Risikobereitschaft des Anlegers passt. Es hatte sich auch damit beschäftigt, ob die Wortwahl zu einer berechtigten Erwartungshaltung des Anlegers führen konnte. Zudem kritisierte das Gericht, dass die Beratung einen vereinfachten Rückschluss auf die Vorteile der Anlageform „Aktien“ gegenüber „Rentenpapieren“ ausgelöst hatte. Der Vorteil sei jedoch nicht wirklich kausal stimmig und für den Anleger verständlich dargelegt worden.

Die Folge für den Anleger, der geklagt hatte: Die beratende Commerzbank muss das verlorene Kapital, rund 44.000 Euro plus Zinsen, vollständig ersetzen. „Die Richter haben keinen Zweifel daran gelassen, dass hier eindeutig eine die Schadensersatzpflicht auslösende Falschberatung vorgelegen hat“, sagt Gundermann. Sein Fazit: „Dieses Urteil macht vielen Anlegern, denen zu riskante und verlustreiche Anlagestrategien vorgeschlagen werden, Hoffnung.“

Das OLG lies die Revision zum Bundesgerichtshof nicht zu, das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig.

Von

ksh

Kommentare (3)

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divedeep

14.01.2014, 11:55 Uhr

Ob dieses Urteil geeignet ist die Aktienkultur in Deutschland zu fördern darf bezweifelt werden. Schon heute ist der bürokratische Aufwand beid er Eröffnung eines Wertpapierdepots erheblich. Wenn die Banken zu befürchte haben, dass Anleger nur noch die Gewinne einstreichen, Verluste aber wegen angeblicher Falschberatung zurückfordern können, wird dieser kaum abnehmen.

verkehrteWelt

14.01.2014, 12:56 Uhr

schöne Werbung :-D Kein Fondsmanager kann sagen wie lange der Anleger im Zweifelsfalle auf seinen Einstandskurs warten muss wenn es nach unten geht. Das ist schlicht anders formulierte Augenwischerei um den Anschein eines neuartigen optimalen Ansatzes zu geben.

KWB

14.01.2014, 13:02 Uhr

Natürlich ist diese Semantik aus den Marketingabteilungen leicht schwachsinnig. Aber es geht ja ums verkaufen und nicht um die Aufklärung. Die politisch erzwungene Ausrichtung auf Beratung ist kompletter Unsinn und Beleg dafür, dass das grösste Übel die Politik ist, die mit ihrem Unverstand solche Verhältnisse provoziert. Es ist doch so als verpflichte man einen Bratwurstverkäufer dazu, vor der Übergabe der heissen Wurst den Kunden ein Beratungsformular unterschreiben zu lassen, dass er über die Gesundheitsgefahren von Fett und Fleisch aufgeklärt hat. Die Verwirrung um eine Risikozuordnung ist komplett.

Letztlich kann man nur umstellen von einem mathematischen auf einen sozialen Risikobegriff: Risiko als Differenz zwischen Information und Erwartung. Hier haut das Gericht in die richtige Kerbe. Aber wer hat die Kerbe geschaffen? Und wer kann und will die Verhältnisse ändern? Meine Antwort: weder Banken noch Politik, weil beide profitieren. Die Finanzminister von unaufgeklärten, teilunmündigen Bürgern und die Banken von deren Brieftaschen.

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