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05.04.2016

12:26 Uhr

Panama Papers

Das sind die guten Gründe für Briefkastenfirmen

VonHolger Alich

In der Berichterstattung über Briefkastenfirmen schwingt ein Vorwurf mit: Wer ein solches Unternehmen registriert, führe Unlauteres im Schilde. Das mag zwar in vielen Fällen so sein, doch gilt es bei weitem nicht immer.

Eine beliebte Steueroase ist das mittelamerikanische Land, hier haben viele Briefkastenfirmen ihren Sitz. dpa

Flagge Panamas

Eine beliebte Steueroase ist das mittelamerikanische Land, hier haben viele Briefkastenfirmen ihren Sitz.

ZürichDie Dokumente über mehr als 200.000 Briefkastenfirmen, die von der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca in den vergangenen Jahrzehnten ins Leben gerufen worden sein sollen, bestimmen die Schlagzeilen. Politiker übertreffen sich mit Forderungen, wie solche Geschäftsmodelle zerschlagen werden könnten.

Doch selbst der selten um Scharfzüngigkeit verlegene Finanzminister Nordrhein-Westfalens, Norbert Walter-Borjans, sagte am Dienstagmorgen dem Hörfunksender WDR5, dass zwar bei Briefkastenfirmen unlautere Gründe eine Rolle spielen können. Dass aber in allen Fällen illegitime Gründe zu Grund lägen, könne „man nicht sagen und das sagt ja auch keiner.“

Sollen Briefkastenfirmen verboten werden?

Vor ziemlich genau drei Jahren machte das Journalisten-Netzwerk ICIJ schon einmal Schlagzeilen mit Daten über Offshore-Gesellschaften in Steueroasen. „Offshore-Leaks“ hieß das Projekt, damals waren dem Netzwerk Daten des Singapurer Dienstleisters Portcullis Trustnet zugespielt worden.

Im Zuge dessen wurde enthüllt, dass auch der 2011 verstorbene Industriellen-Erbe Gunter Sachs fünf Trusts in Steueroasen besaß. Die zuständigen Berner Steuerbehörden unternahmen daraufhin gar eine Sonderprüfung von Sachs Steuererklärungen. Das Ergebnis: alles sauber, die in den Trusts enthaltenen Vermögenswerte waren korrekt deklariert.

Könige, Kicker, korrupte Politiker

Putins Umfeld

Aus dem Umfeld des russischen Präsidenten Wladimir Putin sollen bis zu zwei Milliarden Dollar (1,8 Milliarden Euro) über Mossack Fonseca ins Ausland geschafft worden sein. Das Geld kam von Präsidentenberatern und von Banken und Unternehmen mit Kreml-Verbindungen. Der Kreml verurteilte die Enthüllungen als „Informations-Attacke“.

Islands Ministerpräsident

Der isländische Ministerpräsident Sigmundur David Gunnlaugsson könnte über die Affäre stürzen: Noch in dieser Woche muss er sich einem Misstrauensvotum stellen. Gunnlaugsson und seine Frau haben während der Finanzkrise über die Panama-Kanzlei mehrere Millionen Dollar aus Investitionsgeschäften ins Ausland geschleust.

David Camerons und Xi Jingpings familiäre Umfelder

Die Spuren führen auch ins familiäre Umfeld zweier Staatsmänner, die sich besonders mit der Forderung nach Transparenz und Korruptionsbekämpfung profilierten: Der britische Premierminister David Cameron und Chinas Präsident Xi Jingping haben Angehörige, die in Verbindung zu einschlägigen Briefkastenfirmen standen.

Salman, Poroshenko und Sharif

Auch Saudi-Arabiens König Salman, Vertraute des ukrainischen Präsidenten Petro Poroshenko sowie Kinder des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliew und von Pakistans Premierminister Nawaz Sharif sind in den „Panama-Papers“ verzeichnet. Auch sie sollen Briefkastenfirmen betrieben haben.

Drogenbarone und Terrororganisationen

Als Kunden von Mossack Fonseca fanden sich die Staatsmänner in Gesellschaft notorischer Krimineller wieder: Die Kundenkartei verzeichnet Drogenbarone, Geschäftsmänner und Unternehmen mit Verbindungen zu terroristischen Organisationen und einen US-Geschäftsmann, der wegen Geschlechtsverkehrs mit Minderjährigen im Gefängnis saß. Er unterzeichnete den Vertrag mit der Kanzlei in der Zelle.

Lionel Messi

Fußball-Weltstar Lionel Messi und sein Vater legten sich über die Finanzkanzlei eine Strohfirma zu, die den spanischen Steuerbehörden bislang nicht bekannt war. Der frühere Uefa-Boss Michel Platini wandte sich 2007 mit der Bitte an Mossack Fonseca, eine Briefkastenfirma in Panama zu eröffnen.

Banken

Mehr als 500 Banken – unter ihnen renommierte Geldinstitute – arbeiteten seit den 70er Jahren mit Mossack Fonseca zusammen, um Briefkastenfirmen für Kunden zu managen. Die Schweizer Großbank UBS richtete auf diese Weise 1100 Briefkastenfirmen ein, die in London ansässige HSBC mehr als 2300.

Auch Mossack Fonseca wehrt sich gegen pauschale Verdächtigungen, dass es Kunden – oder Kunden von Kunden – vor allem um Steuerbetrug ginge. „Diese Berichte stützen sich auf Vermutungen und Stereotypen“, teilte die Anwaltsfirma in einer vierseitigen Stellungnahme aktuellen Berichten des ICIJ und Dutzenden internationalen Medien mit. Mossack Fonseca sei noch nie im Zusammenhang mit kriminellen Handlungen beschuldigt oder angeklagt worden und werde in ein falsches Licht gerückt.

Tatsächlich gibt es viele legale Gründe für Briefkastenfirmen und Offshore-Gesellschaften. Ein Überblick:

Kommentare (28)

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Account gelöscht!

05.04.2016, 12:39 Uhr

Der Beweggrund, dass man(n) dorthin irgendwann einmal seinen Wohnsitz hin verlegen möchte, fehlt aber in der Aufzählung !

G. Nampf

05.04.2016, 12:46 Uhr

Ich finde es angenehm-positiv, daß das HBO - anstatt nur auf den allgemeinen Medien-Hype aufzuspringen - sich mit den Hintergründen und Fakten zum Thema beschäftigt.

(Ja, Sie haben richtig gelesen: en Lob von MIR im HB-Forum ... , selten, aber es kommt vor :-) )

Account gelöscht!

05.04.2016, 12:47 Uhr

Der Beweggrund, dass man(n) dorthin irgendwann (vielleicht) einmal seinen Wohnsitz als Privatier mit abgeschlossenerer Altersvorsorge hin verlegen möchte, fehlt aber in der Aufzählung !

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