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21.01.2014

10:38 Uhr

Prokon-Anleger im Interview

„Eine Insolvenz wäre Selbstmord“

VonJens Hagen

Obwohl Verluste drohen, stehen einige Anleger unverbesserlich zu Prokon. Ein Gründer der „Freunde von Prokon“ erklärt, warum Anleger verzichten sollten und was die Chefs hinter verschlossenen Türen versprechen.

Website: Die „Freunde von Prokon“ sollen mehr als 5000 Anleger vertreten, die unkritische Haltung zum Management von Prokon ist auffällig. Handelsblatt Online empfiehlt die Organisation nicht als Interessenvertretung.

Website: Die „Freunde von Prokon“ sollen mehr als 5000 Anleger vertreten, die unkritische Haltung zum Management von Prokon ist auffällig. Handelsblatt Online empfiehlt die Organisation nicht als Interessenvertretung.

Herr Siegel, Sie haben mit anderen Anlegern die Organisation „Freunde von Prokon“ ins Leben gerufen. Was macht das Unternehmen eigentlich so reizvoll?
Der Reiz des Unternehmens ist, dass es von Banken unabhängig ist. Es gibt bei vielen Genussrechteinhabern von Prokon eine extreme Unzufriedenheit mit dem Bankensystem. Sie haben uns geschrieben, dass sie bei den klassischen Banken Geld verloren haben und nun Alternativen suchen. Bei Prokon haben Anleger in reale Werte investiert. Reale Werte, hinter denen man auch inhaltlich stehen kann, weil sie die so dringend notwendige Energiewende voranbringen.

Prokon ringt mit der Insolvenz. Rund 75.000 Anleger müssen damit rechnen, zumindest einen Teil ihres Vermögens zu verlieren. Welche Reaktionen erhalten Sie von den Anlegern?
Die Genussrechteinhaber schreiben uns mit großer Begeisterung und setzen sich für den Erhalt von Prokon ein. Es gibt eine riesige Unterstützung, unsere Organisation umfasst bereits über 5000 Freunde, täglich werden es mehr. Sie möchten sich konstruktiv an einer Rettung des Unternehmens beteiligen. Dabei sind viele auch bereit, für eine gewisse Zeit auf die Verzinsung zu verzichten.

Wolfgang Siegel ist Psychologe und einer der Gründer der „Freunde von Prokon“.

Wolfgang Siegel ist Psychologe und einer der Gründer der „Freunde von Prokon“.

Erstaunlich. In den E-Mails an die Handelsblatt-Redaktion melden sich vor allem schockierte Anleger, die wissen wollen, wie sie möglichst schnell an ihr Geld kommen oder zumindest mögliche Verluste begrenzen können.
Dann unterscheiden sich vielleicht Ihre Leser von den Genussrechtinhabern, die sich bei Freunde von Prokon melden. Wir würden natürlich am liebsten alle überzeugen, dass sie sich mit einer planmäßigen Rückzahlung ohne Verluste einverstanden erklären. Beraten Sie sie richtig, dass ihr Geld bei einer gestreckten Auszahlung erhalten bleibt.

So lassen sich Anleger schützen

Der Anwalt

Rechtsanwalt Achim Tiffe hat sich auf den Verbraucherschutz spezialisiert. Er berät Anleger, wenn sie Probleme mit Banken und anderen Finanzdienstleistern haben. Handelsblatt Online schlägt er vor, wie Anleger vor riskanten Anlagen wie beim Krisenunternehmen Prokon wirksam schützen ließen.

1. Lückenloser Schutz

Der Schutz der Verbraucher bei Geldanlagen aller Art sollte gewährleistet sein. Das heißt, dass Finanzdienstleister Privatpersonen keine Genussrechte oder Unternehmensanleihen verkaufen sollen, ohne sie ausreichend über die Risiken dieser Produkte aufzuklären. Vermittlung statt Beratung bei lückenhaften Verbraucherschutz sollte nicht mehr möglich sein.

2. Beratung ist Pflicht

Die Beratung gegenüber Verbrauchern bei riskanten Anlagen wie unternehmerischen Beteiligungen sollte Pflicht sein ohne die Möglichkeit, sie zu umgehen.

3. Beweislastumkehr

Es muss eine Beweislastumkehr für Berater gelten, zum Beispiel dann, wenn mehr als 10 Prozent des vorhandenen liquiden Vermögens in geschlossene Beteiligungen investiert werden. Bislang müssen die Kunden eine mögliche Falschberatung nachweisen.

4. Warnende Hürde

Früher mussten Anleger, die sich in Termingeschäften engagieren wollten eine spezielle Erklärung unterschreiben, die Börsentermingeschäftsfähigkeit. Dabei wurden sie über die Risiken solcher Geschäfte aufgeklärt. Auch heute würde die Einführung einer solchen warnenden Hürde vielen Verbrauchern helfen, die in riskante Geldanlagen einsteigen wollen.

5. Versicherungshaftpflicht für Berater

Nicht alle Vertriebler sind gegen Falschberatung versichert. Eine Pflicht zur ausreichenden Vermögenshaftpflichtversicherung für alle Vermittler und Berater wäre im Interesse der Anleger. Idealerweise würden Finanzprodukte nur über solche Unternehmen vertrieben werden.

6. Bessere Kontrolle

Wichtig wäre auch eine effektive Kontrolle aller Vermittler und Berater durch eine zentrale Aufsichtsbehörde mit entsprechender Ausstattung.

7. Staatshaftung

Um die Verbraucher zu schützen, benötigt es effiziente Behörden. Sie müssten bei Missständen konsequent und schnell einschreiten. Tun sie das nicht, müsste der Staat haften, fordert Tiffe.

8. Finanzmarktwächter

Es müsste einen Finanzmarktwächter geben, der zeitnah Verbraucherprobleme erfasst, aufarbeitet und an Politik und Behörden und Öffentlichkeit weitergeben kann. Laut Koalitionsvertrag könnten Verbraucherschützer damit beauftragt werden.

9. Haftungsbegrenzung

Verbraucher brauchen klare Regeln zum Ausweis von Risiken, die sie auch verstehen. Außerdem sollte es eine gesetzliche Begrenzung der Haftung der Verbraucher auf gezahlte Einlage geben.

Wieviel haben Sie eigentlich bei Prokon investiert?
Ich bin seit über sechs Jahren dabei und habe inzwischen einen niedrigen sechsstelligen Euro-Betrag investiert. Dazu kommen Beteiligungen aus meinem persönlichen Umfeld. Bislang habe ich jedes Jahr acht Prozent erzielt. Das ist sehr erfreulich. In mageren Zeiten habe ich nichts dagegen, wenn die Ausschüttung sinkt.

Wann hatte Ihr Verein das letzte Mal Kontakt mit dem geschäftsführenden Gesellschafter Carsten Rodbertus?
Auf unserem ersten Organisationstreffen vom 28. Dezember bis 30. Dezember 2013 standen uns Herr Rodbertus und der Vertriebschef Rüdiger Gronau am 29. Dezember ausführlich Rede und Antwort. Es war eine angenehme und sehr offene Atmosphäre. Außerdem hat Herr Rodbertus der Arbeitsgruppe unserer Wirtschaftsfachleute am 11. Januar 2014 seine Sicht der Lage dargestellt und sich den kritischen Fragen gestellt.

Kommentare (39)

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Transparenz

21.01.2014, 11:24 Uhr

Ein kleiner Hinweis:
Prokon beschäftigt keine 1.306 Mitarbeiter.
Wie ich erst gestern gesehen habe, gehört Prokon der Bereich Biomasse gar nicht, sondern hat dem Unternehmen Hit Holz Torgau lediglich ein Darlehen gegeben.
Damit sind diese 650 Mitarbeiter herauszurechnen.
Hit Holz weist auf seiner Internet-Seite selbst darauf hin, dass Prokon nur Darlehensgeber ist und ansonsten selbständig ist. Sehr transparent ...
Sehr


Hit Holz weist auf seiner Internet-Seite auf diesen Sachverah

ColorfulColorado

21.01.2014, 11:25 Uhr

Rattenfänger, Rattenfänger spiele mir ein Lied.
Sollen die Prokonjünger doch mit Ihrem Geld machen was sie wollen. Wer an 7% Rendite glaubt, dem ist nicht zu helfen.

kimbolo

21.01.2014, 11:42 Uhr

Abgesehen davon, dass Prokon Fehler gemacht hat, steht hinter dem akuten Problem doch maßgeblich die simple Logik, dass Anleger durch Medien-"Recherchen" so lange verunsichert wurden, bis sie in großer Zahl ihr investiertes Kapital meinten "retten" zu müssen. Auch ohne einer Verschwörungstheorie das Wort reden zu wollen, ist dieser Ursache-Wirkungs-Zusammenhang unleugbar!!

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