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17.06.2015

14:28 Uhr

Prokon gegen EnBW

Anleger im Zwiespalt

VonGertrud Hussla

Die 75.000 Anleger des insolventen Windparkkonzerns Prokon müssen sich jetzt festlegen: Wollen sie die Windparks als Genossen weiterführen? Oder einem Verkauf an den Versorger EnBW zustimmen? Was zu bedenken ist.

Windparks in Brandenburg: EnbW bietet für Prokon nur einen Schnäppchenpreis. dpa

Windenergie in Brandenburg

Windparks in Brandenburg: EnbW bietet für Prokon nur einen Schnäppchenpreis.

DüsseldorfEs sind nur noch wenige Tage Zeit. Die 75.000 Anleger des insolventen Windparkbetreibers Prokon müssen sich jetzt erklären. Wollen Sie als Genossen am Unternehmen beteiligt bleiben? Dann muss der Insolvenzverwalter bis Freitag, 26. Juni ihre verbindliche Zustimmung in Händen haben. Oder wollen sie ein Angebot des Energieversorgers EnBW annehmen, der Prokon kaufen und den Anlegern einen Teil ihres Einsatzes sofort in bar ausbezahlen will? Dann stimmen sie auf der Gläubigerversammlung am 2. Juli für dieses Modell.

Tausende Anleger, allen voran der Anlegerverein „Freunde von Prokon“ möchten Prokon weiterführen. Andere aber wollen nach dem Drama der letzten zwei Jahre nichts mehr mit Prokon zu tun haben. Vor allem die Älteren wollen Kasse machen. Hans-Heinrich Bade etwa ist 77 und ist eigentlich für das Genossenschaftsmodell. Doch er fürchtet, dass er bald Bargeld braucht, falls er und seine Frau ins Heim umziehen müssen. Soll er nicht doch lieber für den Verkauf von Prokon an EnBW stimmen? Es ist ähnlich wie bei einer Erbengemeinschaft. Ein paar Erben möchten das Haus im Familienbesitz lassen. Die anderen aber möchten es lieber verkaufen und Cash sehen.

Hans-Heinrich Bade, 77,  kann nicht mehr 15 Jahre auf sein Geld warten. Thomas Einberger für Handelsblatt

Die Freunde von Prokon e.V.

Hans-Heinrich Bade, 77, kann nicht mehr 15 Jahre auf sein Geld warten.

Um im Bild zu bleiben: Bei Prokon gibt es einen Weg, das Haus zu behalten und die anderen, die lieber nichts mehr mit Prokon zu tun haben möchten, auszubezahlen. Denn zu Prokon gehört nicht nur das Kerngeschäft mit den Windparks. Firmengründer Rodbertus hat auch viel Anlegergeld als Kredit in ein Holzpalettenwerk, HIT Torgau gesteckt. Das Palettenwerk im sächsischen Torgau wiederum hat in rumänische Wälder investiert. Und es sind sonst noch ein paar Werte da. Knapp 270 Millionen Euro sind all diese Randgeschäfte und Forderungen wert.

So als würde zu einem Erbe nicht nur das Haus gehören, sondern auch noch weitere Liegenschaften. Allen steht das gleiche zu. Es müssen jedoch genügend Erben bereit sein, das Haus zu übernehmen, dann können sie mit dem Erlös der übrigen Liegenschaften die anderen Erben ausbezahlen.

So lassen sich Anleger schützen

Der Anwalt

Rechtsanwalt Achim Tiffe hat sich auf den Verbraucherschutz spezialisiert. Er berät Anleger, wenn sie Probleme mit Banken und anderen Finanzdienstleistern haben. Handelsblatt Online schlägt er vor, wie Anleger vor riskanten Anlagen wie beim Krisenunternehmen Prokon wirksam schützen ließen.

1. Lückenloser Schutz

Der Schutz der Verbraucher bei Geldanlagen aller Art sollte gewährleistet sein. Das heißt, dass Finanzdienstleister Privatpersonen keine Genussrechte oder Unternehmensanleihen verkaufen sollen, ohne sie ausreichend über die Risiken dieser Produkte aufzuklären. Vermittlung statt Beratung bei lückenhaften Verbraucherschutz sollte nicht mehr möglich sein.

2. Beratung ist Pflicht

Die Beratung gegenüber Verbrauchern bei riskanten Anlagen wie unternehmerischen Beteiligungen sollte Pflicht sein ohne die Möglichkeit, sie zu umgehen.

3. Beweislastumkehr

Es muss eine Beweislastumkehr für Berater gelten, zum Beispiel dann, wenn mehr als 10 Prozent des vorhandenen liquiden Vermögens in geschlossene Beteiligungen investiert werden. Bislang müssen die Kunden eine mögliche Falschberatung nachweisen.

4. Warnende Hürde

Früher mussten Anleger, die sich in Termingeschäften engagieren wollten eine spezielle Erklärung unterschreiben, die Börsentermingeschäftsfähigkeit. Dabei wurden sie über die Risiken solcher Geschäfte aufgeklärt. Auch heute würde die Einführung einer solchen warnenden Hürde vielen Verbrauchern helfen, die in riskante Geldanlagen einsteigen wollen.

5. Versicherungshaftpflicht für Berater

Nicht alle Vertriebler sind gegen Falschberatung versichert. Eine Pflicht zur ausreichenden Vermögenshaftpflichtversicherung für alle Vermittler und Berater wäre im Interesse der Anleger. Idealerweise würden Finanzprodukte nur über solche Unternehmen vertrieben werden.

6. Bessere Kontrolle

Wichtig wäre auch eine effektive Kontrolle aller Vermittler und Berater durch eine zentrale Aufsichtsbehörde mit entsprechender Ausstattung.

7. Staatshaftung

Um die Verbraucher zu schützen, benötigt es effiziente Behörden. Sie müssten bei Missständen konsequent und schnell einschreiten. Tun sie das nicht, müsste der Staat haften, fordert Tiffe.

8. Finanzmarktwächter

Es müsste einen Finanzmarktwächter geben, der zeitnah Verbraucherprobleme erfasst, aufarbeitet und an Politik und Behörden und Öffentlichkeit weitergeben kann. Laut Koalitionsvertrag könnten Verbraucherschützer damit beauftragt werden.

9. Haftungsbegrenzung

Verbraucher brauchen klare Regeln zum Ausweis von Risiken, die sie auch verstehen. Außerdem sollte es eine gesetzliche Begrenzung der Haftung der Verbraucher auf gezahlte Einlage geben.

In Zahlen sieht das bei Prokon so aus: 1,4 Milliarden Euro Genussrechtskapital haben die Prokonanleger ursprünglich in den Windparkbetreiber investiert. Für 660 Millionen Euro aus dem gezeichneten Genussrechtskapital muss der Insolvenzverwalter eine verbindliche Zustimmung der Anleger haben, dass sie Genossen werden möchten und damit einen Teil ihrer Insolvenz-Quote im Unternehmen lassen wollen. Dann würden die Erlöse aus den Randgeschäften reichen, um die übrigen Gläubiger auszubezahlen.

Anleger Bade war zunächst geneigt, für den Verkauf von Prokon an EnBW zu stimmen. Bargeld lacht. Sollte EnBW Prokon kaufen und die Anleger sofort ausbezahlen, sehen sie noch in diesem Jahr 34,1 Prozent ihres Einsatzes wieder. Hans-Heinrich Bade hat 20 000 Euro investiert. Er bekäme sofort 6820 Euro ausbezahlt. Der Rest seiner Quote, 18,1 Prozent, käme aus den Randgeschäften. Es wird ein paar Jahre dauern, bis alles abgewickelt ist. Er würde dann etappenweise weitere 18,1 Prozent oder 3620 Euro zugewiesen bekommen.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

17.06.2015, 15:55 Uhr

Ich weis gar nicht, was ENBW mit dieser Pleitefirma Prokon will. ENBW soll lieber zur Besinnung kommen und ihre Geschäfte im Ausland auf- bzw. ausbauen. Mit der Energiewende = EEG ist marktwirtschtlich kein positives Ergebnis mehr zu erzielen. Und ewig wird der Staat die EEG-Subventionstöpfe nicht offen halten können. Fällt das EEG, dann fällte die ganze markfreindliche EE-Blase in sich zusammen. Und das wird kommen!

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