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23.01.2014

11:22 Uhr

Prokon-Gründer

Das Ende eines Gurus

VonLisa Hegemann, Jens Hagen

Jahrelang zog Carsten Rodbertus mit einem windigen Geschäftsmodell für Ökostrom durch die Lande. Nun hat Prokon Insolvenz angemeldet. Die Verantwortung trägt ein schillernder Weltverbesserer, den seine Jünger anhimmeln.

Bild aus besseren Tagen: Carsten Rodbertus (links), Geschäftsführer von Prokon, erhält ein Geschenk. Prokon

Bild aus besseren Tagen: Carsten Rodbertus (links), Geschäftsführer von Prokon, erhält ein Geschenk.

DüsseldorfDie Prokon-Veranstaltung gleicht einem spirituellen Treffen. Im ersten Stock eines Wiesbadener Hotels sitzen rund 150 Personen und lauschen gebannt dem Mann mit den langen, grauen Haaren, geflochten zu einem langen Zopf.

Der Redner predigt seine ganz eigene Form der Spiritualität. Sie gründet auf grünen Energien und hohen Renditen. Mit ruhiger Stimme verspricht er eine sichere Anlage, eine Alternative zu den Banken, eine grüne Zukunftsvision. Das war vor rund zwei Jahren.

Der Redner damals: Carsten Rodbertus, Gründer und Inhaber des Windanlagen-Finanzierers Prokon und passionierter Barfußläufer. Mit rotem Hemd, schwarzem Jackett und Jeans präsentierte er sich als Gegenentwurf zu gierigen Banken und großen Konzernen. Er sah aus wie ein in die Jahre gekommener Hippie. Wie einer, dem man sein Geld guten Gewissens anvertrauen konnte. Er wirkte nicht wie jemand, der dieses Geld irgendwann nicht mehr zurückzahlen könnte.

So lassen sich Anleger schützen

Der Anwalt

Rechtsanwalt Achim Tiffe hat sich auf den Verbraucherschutz spezialisiert. Er berät Anleger, wenn sie Probleme mit Banken und anderen Finanzdienstleistern haben. Handelsblatt Online schlägt er vor, wie Anleger vor riskanten Anlagen wie beim Krisenunternehmen Prokon wirksam schützen ließen.

1. Lückenloser Schutz

Der Schutz der Verbraucher bei Geldanlagen aller Art sollte gewährleistet sein. Das heißt, dass Finanzdienstleister Privatpersonen keine Genussrechte oder Unternehmensanleihen verkaufen sollen, ohne sie ausreichend über die Risiken dieser Produkte aufzuklären. Vermittlung statt Beratung bei lückenhaften Verbraucherschutz sollte nicht mehr möglich sein.

2. Beratung ist Pflicht

Die Beratung gegenüber Verbrauchern bei riskanten Anlagen wie unternehmerischen Beteiligungen sollte Pflicht sein ohne die Möglichkeit, sie zu umgehen.

3. Beweislastumkehr

Es muss eine Beweislastumkehr für Berater gelten, zum Beispiel dann, wenn mehr als 10 Prozent des vorhandenen liquiden Vermögens in geschlossene Beteiligungen investiert werden. Bislang müssen die Kunden eine mögliche Falschberatung nachweisen.

4. Warnende Hürde

Früher mussten Anleger, die sich in Termingeschäften engagieren wollten eine spezielle Erklärung unterschreiben, die Börsentermingeschäftsfähigkeit. Dabei wurden sie über die Risiken solcher Geschäfte aufgeklärt. Auch heute würde die Einführung einer solchen warnenden Hürde vielen Verbrauchern helfen, die in riskante Geldanlagen einsteigen wollen.

5. Versicherungshaftpflicht für Berater

Nicht alle Vertriebler sind gegen Falschberatung versichert. Eine Pflicht zur ausreichenden Vermögenshaftpflichtversicherung für alle Vermittler und Berater wäre im Interesse der Anleger. Idealerweise würden Finanzprodukte nur über solche Unternehmen vertrieben werden.

6. Bessere Kontrolle

Wichtig wäre auch eine effektive Kontrolle aller Vermittler und Berater durch eine zentrale Aufsichtsbehörde mit entsprechender Ausstattung.

7. Staatshaftung

Um die Verbraucher zu schützen, benötigt es effiziente Behörden. Sie müssten bei Missständen konsequent und schnell einschreiten. Tun sie das nicht, müsste der Staat haften, fordert Tiffe.

8. Finanzmarktwächter

Es müsste einen Finanzmarktwächter geben, der zeitnah Verbraucherprobleme erfasst, aufarbeitet und an Politik und Behörden und Öffentlichkeit weitergeben kann. Laut Koalitionsvertrag könnten Verbraucherschützer damit beauftragt werden.

9. Haftungsbegrenzung

Verbraucher brauchen klare Regeln zum Ausweis von Risiken, die sie auch verstehen. Außerdem sollte es eine gesetzliche Begrenzung der Haftung der Verbraucher auf gezahlte Einlage geben.

Doch genau dieses Szenario ist eingetreten: Prokon hat am Mittwoch Insolvenz angemeldet. Die Anleger bangen um knapp 1,4 Milliarden Euro, die sie in das Unternehmen aus Itzehoe investiert haben. Besonders Kleinanleger sind betroffen, sie halten den Großteil der sogenannten Genussrechte des Konzerns.

Es gehörte zum Weltbild ihres Gurus Rodbertus, das ein Unternehmen ohne böse Banker und Börsenzocker gedeihen sollte. Die kleinen Männer und Frauen sollten den Traum von der grünen Energie in Eigenregie finanzieren. Die Folge war eine ungesunde Kreditstruktur, über die sich Finanzprofis nur wundern konnten.

Das Amtsgericht Itzehoe machte jetzt erst einmal Schluss mit allen Träumen von der bürgerfinanzierten Energiewende und leitete gestern im nüchternen Amtsdeutsch das Insolvenzeröffnungsverfahren ein: „Maßnahmen der Zwangsvollstreckung einschließlich der Vollziehung eines Arrestes oder einer einstweiligen Verfügung gegen den Schuldner werden untersagt, soweit nicht unbewegliche Gegenstände betroffen sind“, erklärt das Gericht. „Bereits begonnene Maßnahmen werden einstweilen eingestellt“.

Kommentare (17)

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Account gelöscht!

23.01.2014, 11:46 Uhr

Es ist bezeichnend, wenn grüne Gutmenschen über angeblich gierige Banken und Spekulanten herziehen, gleichzeitig aber in ein Investment gehen, dass 8% verspricht. Das zeigt nichts anderes als dass auch diese Bessermenschen nur nach dem Mehr streben, was im Grunde sehr vorteilhaft für die Menschheit ist, von diesen Leuten aber eigentlich verdammt wird. Rendite mit gutem Gewissen sozusagen. Und am Ende dann auch noch nach Verbraucherschutz rufen. Noch nie was von Chance-/Risikoverhältnis gehört.

Account gelöscht!

23.01.2014, 11:56 Uhr

Hallo,

dieses Posting ist für jetzt und für die Zukunft.

Wenn Ihnen jemand > 8% verspricht, können Sie fast immer davon ausgehen, dass es so endet wie in diesem Fall.

Sonst wären ja schliesslich alle reich. Es funktioniert einfach nicht.
Die Gier sorgt nur dafür, dass solche Projekte immer wieder beim Menschen Gehör finden.

Ich rede jetzt nicht von Aktien etc. Bei soliden Werten wie Basf, VW, etc. sind auch mal 50% drin, natürlich auch nach unten. ABER: Insolvent werden diese Unternehmen wohl nicht gehen. Es bleibt also immer das Kapital erhalten. Und dort gibt es sogar auch eine Dividende von 1 bis 7%.

VG
Marvel

holger29

23.01.2014, 11:56 Uhr

Ich hatte vor ein paar Jahren die umweltschädliche aber ökoreligiös korrekte Windstromerzeugung analysiert und war dann zu dem Schluss gekommen, dass diese bei einer 5% Finanzierung innerhalb des Subventionsrahmens wirtschaftlich ist, volkswirtschaftlich beträgt der Wert von Windstrom <0.

Die Prokon Prospekte mit dem Versprechen von 8% Zinsen hatten mich sehr irritiert.

Holger29

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