Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.10.2016

14:59 Uhr

Prozess vor Düsseldorfer Landgericht

Keine Gewinne, Verdacht auf geschönte Bilanzen

VonJan Schulte

9000 Opfer, 90 Millionen Euro Schaden: Mit einem riesigen Schneeball-System soll Jürgen Schlögel Anleger der Düsseldorfer DM Beteiligungen AG betrogen haben. Auch sein Steuerberater ist angeklagt.

Die Verhandlungen wegen mutmaßlichen Anleger-Betrugs sind bis tief in das Jahr 2017 angesetzt. Es könnten mehr als 100 Zeugen befragt werden. dpa

Landgericht Düsseldorf

Die Verhandlungen wegen mutmaßlichen Anleger-Betrugs sind bis tief in das Jahr 2017 angesetzt. Es könnten mehr als 100 Zeugen befragt werden.

DüsseldorfMit seiner ruhigen, dunklen Stimme klingt Michael Gronemeyer ein bisschen wie der liebe Märchenonkel, der seinem Neffen eine Geschichte vorliest. Allein: Was der Leverkusener da am vergangenen Dienstag vor dem Düsseldorfer Landgericht erzählte, klingt nach allem, aber keinem Märchen. Es geht um mutmaßlichen Betrug. Um 90 Millionen Euro. Um 9.000 Anleger. Sie alle hatten zwischen 2001 und 2006 in sogenannte Inhaberteilschuldverschreibungen der Düsseldorfer DM Beteiligungen AG investiert. Ein Fehler.

Die Wertpapiere funktionierten so ähnlich wie Unternehmensanleihen. Wer der DM Beteiligungen AG sein Geld lieh, sollte es zuzüglich eines jährlichen Zinssatzes von bis zu sieben Prozent nach ein paar Jahren wieder zurückbekommen. Der Haken: „Mit Inhaberteilschuldverschreibungen sind große Risiken verbunden. Geht das Unternehmen in die Insolvenz, kann der Anleger sein ganzes Geld verlieren“, sagt der Finanzexperte Ralf Scherfling von der Verbraucherzentrale NRW. „Solche Wertpapiere sind unserer Meinung nach höchstens für professionelle Anleger geeignet. Unerfahrene Privatanleger sollten da lieber die Finger von lassen.“
9000 Anleger ließen die Finger nicht davon. Nun ist aus ihrem Anlagemodell ein Fall für die Justiz geworden.

Wann Anleger misstrauisch werden sollten

Vorsicht Vermittler

Viele Finanz- und Versicherungsvermittler haben vor allem eines im Sinn: Die eigene Provision. Die Verbraucherzentrale NRW zeigt, wann Anleger misstrauisch werden sollten.

Interessen kennen

Seien Sie sich darüber im Klaren, dass es keine kostenlosen Beratungen gibt. Aufgrund des Provisionsinteresses ist jede „Beratung“ durch eine Bank oder einen Finanzvertrieb in Wirklichkeit ein Verkaufsgespräch.

Gier vermeiden

Lassen Sie sich von den angepriesenen Renditechancen nicht blenden, sondern hinterfragen Sie kritisch auch die mit dem Anlageprodukt verbundenen Risiken.

Heitere Gelassenheit

Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen. Wenn man Ihnen keine Zeit lassen will, um das Angebot nochmals zu überdenken und zu prüfen, dann hat der Anbieter etwas zu verbergen.

Gefährliche Formulierungen

Prüfen Sie das Beratungsprotokoll und achten Sie darauf, dass nicht irgendwelche Formulierungen enthalten sind, mit denen Ihnen im Streitfall die Verantwortung zugeschoben wird – beispielsweise mit Formeln wie „auf ausdrücklichen Wunsch des Kunden“ oder Risikohinweisen, die im Gespräch überhaupt nicht auf den Tisch gebracht worden sind.

Schneller Rücktritt

Nutzen Sie beim Abschluss eines Vertrags in den eigenen vier Wänden die Widerrufsfrist, um das Geschäft nochmals zu überdenken. Zögern Sie im Zweifelsfall nicht, von Ihrem Rücktrittsrecht auch Gebrauch zu machen.

Ausdauer

Unterschreiben Sie niemals einen Vertrag, wenn Sie das Finanzprodukt nicht voll und ganz verstanden haben.

Fürsorge

Helfen Sie mit, ältere Menschen vor Finanzhaien zu schützen, indem Sie innerhalb Ihrer eigenen Familie Aufklärungsarbeit leisten und Ihren Eltern bei ihren Finanzgeschäften Unterstützung anbieten.

Initiative

Machen Sie sich in Finanzfragen nicht von externen Beratern abhängig, sondern eignen Sie sich Grundwissen über die wichtigsten Anlageformen an. Die Verbraucherzentralen bieten hierzu leicht verständliche und praxisnahe Ratgeber.

Strategie

Stellen Sie immer die Finanzplanung an die erste Stelle und entscheiden Sie erst danach, welche Produkte überhaupt infrage kommen. So vermeiden Sie spontane Anlageentscheidungen, die langfristig nicht zu Ihrer Lebensplanung passen. Quelle: Schwarzbuch Banken von der Verbraucherzentrale NRW

Als ehemaliger Vorstand der DM Beteiligungen AG ist Michael Gronemeyer einer von zwei Beschuldigten beim Prozess vor dem Düsseldorfer Landgericht. Doch hauptverantwortlich ist er in den Augen von Staatsanwaltschaft und Gericht nicht. Im Grunde habe Gronemeyer nicht viel mehr gemacht, als die Dokumente unterschrieben, die ihm vorgelegt wurden und habe ansonsten auf Anweisung gehandelt. Deshalb verständigten sich alle Parteien auf eine Strafe von 20 bis 24 Monaten auf Bewährung und über 600 Stunden gemeinnützige Arbeit. Im Gegenzug ließ Gronemeyer sich geständig ein. Er sei vor allem als „Strohmann“ von Jürgen Adolf Schlögel benutzt worden, gibt er zu Protokoll.
Jürgen Adolf Schlögel ist der Gründer der Firma. Dem Anschein nach leitete er sie wohl aus dem Hintergrund, auch wenn Gronemeyer auf dem Papier Vorstand war. Zu den Vorwürfen wollte sich seine Anwältin nicht äußern. Auch Schlögel selbst stehe für Anfragen nicht zur Verfügung. Vermutlich hatten Schlögel und der neben Gronemeyer zweite Beschuldigte beim Düsseldorfer Landgericht, Schlögels Steuerberater, den Plan, mit Inhaberteilschuldverschreibungen Geld zu verdienen, das nie zurückgezahlt werden konnte.

Eigentlich hätte das Geld der Anleger gewinnbringend in andere Unternehmen investiert werden sollen. Doch waren viele dieser Unternehmen nicht rentabel und konnten ohne Fremdkapital durch die DM Beteiligungen AG gar nicht existieren. Eine Anfrage des Handelsblatts zur Rolle des Steuerberaters ließ dessen Anwältin unbeantwortet.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×