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02.12.2013

15:25 Uhr

Sparverträge

Verbraucherzentrale klagt gegen Sparkasse Ulm

Die Sparkasse Ulm sorgt mächtig für Wirbel, denn sie hat Kunden mit der Kündigung hochverzinster Sparverträge gedroht. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat nun Klage gegen das Geldinstitut eingereicht.

Die Zentrale der Sparkasse in Ulm vor dem Südturm des Ulmer Münsters: Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg verklagt die Sparkasse. dpa

Die Zentrale der Sparkasse in Ulm vor dem Südturm des Ulmer Münsters: Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg verklagt die Sparkasse.

UlmDie Konditionen klingen für manchen Anleger heute wie aus einer guten alten Welt: „Mit der totalen Flexibilität für den Kunden“ bewarb die Sparkasse Ulm den Sparvertrag Scala zwischen 1993 und 2005. Für eine Laufzeit von bis zu 25 Jahren konnte der Kunde die monatliche Sparrate auf bis zu 2500 Euro erhöhen und erhielt zusätzlich zum Grund- einen Bonuszins von bis zu 3,5 Prozent.

Was einst als solide Anlage gedacht war, bringt die Sparkasse Ulm angesichts des aktuellen Zinsniveaus allerdings in große Bedrängnis: Weil sie die Verträge kaum noch bedienen kann, bemüht sich das Institut derzeit, ihre Kunden mit Alternativangeboten aus dem Vertrag zu locken. Das hat Verbraucherschützer auf den Plan gerufen. Beim Landgericht Ulm liegt eine Unterlassungsklage vor.

„Für die meisten bedeutet das eine Schlechterstellung in Bezug auf die Zinsen und auf die Laufzeit“, beurteilt Niels Nauhauser, Finanzexperte der baden-württembergischen Verbraucherzentrale, das Angebot. Denn „jetzt haben wir die Phase erreicht, wo der Vertrag für die Kunden interessant wird“.

Die Tricks der Berater

Verkaufstalent

Gute Vermittler kennen ihr Geschäft. Aus Schulungen und langjähriger Erfahrung wissen sie, wie sich der Kunde zum Abschluss bringen lässt. Die Verbraucherzentrale NRW nennt die wichtigsten Psychotricks der Verkäufer.

Der Ton macht die Musik

Verkaufstermine werden als „kostenlose Rentenberatung“ oder „objektive Finanzanalyse“ betitelt. Das soll nach Angaben der Verbraucherschützer Kunden Seriosität und Unverbindlichkeit suggerieren. In der Praxis geht es bei solchen Terminen jedoch weniger um eine echte Beratung, sondern um den Vertrieb vorgegebener Produkte.

Nicht abzuwimmeln

Verkäufer sind bei der Terminvergabe immer flexibel. Wenn der Kunde aus Höflichkeit wegen Zeitmangel, absagt, steht der Berater auch nach Feierabend parat. Wenn kein Interesse besteht, erwähnen Verkäufer gerne, dass der Kunde das doch erst nach einem Gespräch beurteilen könnte. Kunden erhalten so häufig Besuch den sie eigentlich gar nicht haben möchten. Bei guten Verkäufern liegt die Abschlussquote nach einem Gespräch bei mehr als 50 Prozent.

Einlullen

Kein Verkäufer fällt mit der Tür ins Haus. Vor dem Verkaufsgespräch gibt es immer einen Small Talk, der das Eis brechen oder wie es die Verbraucherschützer formulieren den „Kunden einlullen“ soll. Der Kunde soll sich wohlfühlen und dann ein Angebot erhalten, dass er auch wegen dem guten Verhältnis zum Berater nur schwer ablehnen kann. Viele Kunden empfinden es immer noch als unhöflich, wohlmeinende Angebote zurückzuweisen oder um die Konditionen zu feilschen.

Die Verpackung machtʼs (I)

Viele Verkäufer nennen ihre Produkte nicht beim Namen. Private Rentenpolicen auf Basis von Lebensversicherungen werden zum „Renten-Sorglos-Paket“ und gebührenträchtige Dachfonds zum „Rendite-Investment-Plan“. „Im Verkäuferdeutsch wimmelt es von Plänen, Investments und Paketen“, erklären die Verbraucherschützer. Kunden sollten aber immer wissen, welches Produkt sie abgeschlossen haben, und welche Vor- und Nachteile die Produktklasse hat.

Die Verpackung machtʼs (II)

Viele Fremdwörter verschleiern ebenfalls das Produkt. Laut Verbraucherzentrale verwirren vor allem Anglizismen die Kunden wie etwa „Performance“, „Securities“ oder „Top-down-Strategie“. Kunden sollten nur abschließen, was sie verstehen. Niemand sollte sich schämen nachzufragen.

Rechentricks

Auch wenn man kein Rechenkünstler sein muss, um diesen Trick zu durchscheuen: Oft wirkt er trotzdem. Versicherungen kosten, 9,90 und nicht 10,00 Euro. Abgerechnet wird im Monat und nicht pro Jahr, wenn die Gesamtrechnung 118,80 Euro betragen würde. Die Verbraucherzentrale entdeckte auch Rechnungsbeträge, die auf den Tag heruntergebrochen werden. Bei Guthabenzinsen werden dagegen gerne möglichst lange Zeiträume gewählt. Kunden sollten immer von den Kosten oder Renditen pro Jahr ausgehen.

Tempo

Wer aufs Tempo drückt, hat laut Verbraucherschützern „etwas zu verbergen“. Kein Kunde sollte sich deshalb unter Zeitdruck setzen lassen. Es ist durchaus üblich, das Produkt vor einem Abschluss einige Tage zu prüfen.

Der gute alte Geheimtipp

Noch immer fallen Kunden darauf herein: Angeblich unbekannte Geldanlageprodukte, die immense Renditen versprechen. Wer weiß, ob es sie jemals gegeben hat. Heutzutage gibt es solche Produkte jedenfalls nicht mehr. Finanznachrichten verbreiten sich live auf der ganzen Welt, Tausende Profis und Kleinanleger machen Jagd auf Profit. „Verborgenes Wissen existiert praktisch nicht“ schreiben die Verbraucherschützer. Und Insiderwissen ist strafbar.

Gier

Traumrenditen sind rar und nur durch hohe Risikobereitschaft zu erzielen. Der Mär von dem todsicheren Geschäft, das alle Beteiligten reich macht, sollte niemand mehr glauben.

Kontaktpflege

Gute Verkäufer leben von ihren Kontakten. Sie tummeln sich in den entsprechenden Vereinen oder Peer Groups. Damit nicht genug: Einige Vertriebe halten die Mitarbeiter an, auch Freunde und Familienangehörige zu werben. Kunden sollten privates und geschäftliches immer trennen.

Quelle: Schwarzbuch Banken von der Verbraucherzentrale NRW

In den neuen Konditionen bietet die Sparkasse für eine Laufzeit von maximal sieben Jahren Zinsen zwischen 2,0 und 3,75 Prozent. Doch teils gibt es keine monatlichen Einzahlungsmöglichkeiten, die Verfügung über das Guthaben ist nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Bis zum 15. Dezember haben die 20 000 Scala-Sparer Zeit sich für eine der Alternativen zu entscheiden. Das hat bereits mehr als die Hälfte getan.

Was sonst passiert? „Die Existenz als solche ist nicht in Gefahr“, sagt der Ulmer Sparkassen-Sprecher Boris Fazzini. Würde das Institut die bisherigen Verträge aber erfüllen, müsste es die Kreditvergabe einschränken. Auf der anderen Seite investiert die Sparkasse derzeit 80 Millionen Euro in zwei Neubauten in der Ulmer Innenstadt.

Kommentare (5)

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Gast

02.12.2013, 16:07 Uhr

Die Verbraucherzentralen würden durch die hohen Belastungen die Sparkasse eher Pleite gehen lassen und somit das gesamte Geld der Anleger risikieren, nur um sich wieder zur Schau zu stellen.
Wie viele "Kunden" von den Verbraucherzentralen schon falsch beraten sind, sollte mal ausgewertet werden. Da wird einem geraten einen Riestersparplan zu kündigen oder einen Bausparvertrag mit hohen Zinsen. Das ist eine Frechheit, da man sich als Unabhängig darstellt und dann noch so eien Müll mitunter erzählt.

Politinteresse

02.12.2013, 16:44 Uhr

Wenn "das habe ich vorher nicht gewusst" oder "das hätte man sich vorher nicht denken können" bei der Bank auch von Kundenseite bei Vertragseinhaltungsschwierigkeiten akzeptiert wird, dann darf die Ulmer SpaKa gerne nun anpassen. Aber nur dann.

Wollen wir das jetzt so machen, oder würde das nicht einen großen Teil der Gewinne kosten.

Account gelöscht!

02.12.2013, 16:44 Uhr

Haben Sie mal versucht das ganze mit Moral und gesunden Menschenverstand zu sehen. Als es der Bank gutging war es kein Problem solche ANgebote zu unterbreiten, jetzt bei dem sehr niedrigen Zins tauchen die Schwierigkeiten auf. Vielleicht sollte die Sparkasse mal darüber nachdenken bei den Vorstandgehältern zu sparen (macht aber aber sicherlich nicht, lieber wird bei den Angestellten gekürzt) oder der Neubau wirklich sein mußte, oder ob man weniger Dividende ausschüttet.
Aber vermutlich haben Sie nicht darüber nachgedacht.
Bin selber bei einer Bank und uns legt man stattdessen neue Verträge mit schlechteren Konditionen vor, so sieht die Wirklichkeit aus.

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