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16.04.2016

12:10 Uhr

Steuererklärung in Estland

Ein Blick, ein Klick – fertig

Für seine Einkommenssteuer greift in Estland kaum ein Bürger mehr zu Kugelschreiber und Papierformularen. Einfach und unbürokratisch erledigt sich die Erklärung online – fast von selbst.

Auf dieser Website müssen sich Esten einloggen, wenn sie ihre Steuererklärung abgeben wollen. dpa

Elektronische Steuererklärung in Estland

Auf dieser Website müssen sich Esten einloggen, wenn sie ihre Steuererklärung abgeben wollen.

TallinnFür viele Deutsche sorgt allein der Gedanke an die Steuererklärung für Anspannung. Für Esten hingegen ist die alljährliche Angabe ihrer Einkommens- und Vermögenslage kein Behörden-Horror, den sie am liebsten wochenlang aufschieben. Die 1,3 Millionen Einwohner des Baltenstaats erledigen das flink am eigenen Computer. Umständlicher Papierkram mit komplizierten Formularen und langwieriges Jonglieren mit Zahlen sind Geschichte.

Ein Klick öffnet ein zentrales Internetportal der Steuerbehörde mit geschütztem Zugang. Dort kann die Erklärung innerhalb weniger Minuten online abgegeben werden – sie steht am Jahresende vorausgefüllt im Netz. Die nötigen Daten werden dazu vom Finanzamt automatisch bei Arbeitgeber, Banken und anderen Behörden abgerufen. Auch abzugsfähige Ausgaben wie Kreditzinsen oder Versicherungsbeträge werden direkt an das System übermittelt.

Nach seiner Einwahl muss der Bürger sie nur noch einmal überprüfen, eventuelle Änderungen vornehmen und sie dann mit seiner digitalen Unterschrift freigeben. Ein Blick, ein Klick – fertig. Der Rückkanal funktioniert ebenfalls flott: Reicht der Steuerzahler die Erklärung digital ein, erhält er die Rückzahlung nach Angaben der Steuerbehörde binnen fünf Tagen auf sein Konto.

Diese Belege gehören zur Steuererklärung - und diese nicht

Mantelbogen
  • Zuwendungsnachweise wie z.B. Spendenbescheinigungen
  • Nachweis der Behinderung im Erstjahr bzw. bei Änderung
Zu Anlage G, S, L - Einkünfte aus Gewerbe, Selbstständigkeit, Landwirtschaft
  • Unterlagen über die Gewinnermittlung (aber auch nur, falls nicht elektronisch übermittelt)
Zu Anlage KAP - Kapitalerträge
  • Steuerbescheinigung über anrechenbare Kapitalertragsteuer, nur wenn eine Überprüfung des Steuereinbehalts für bestimmte Kapitalerträge oder die Günstigerprüfung beantragt wird
  • Steuerbescheinigung über Kapitalerträge, für die keine Kirchensteuer einbehalten wurde, obwohl eine Kirchensteuerpflicht besteht
  • Bescheinigung über anrechenbare ausländische Steuern
Zur Anlage N - Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit
  • Lohnsteuerkarte (in der Regel nicht mehr nötig, da Daten elektronisch übermittelt)
Zur Anlage VL - Vermögenswirksame Leistungen
  • Bescheinigung über vermögenswirksame Leistungen
Zur Anlage Unterhalt
  • Nachweis der Unterhaltsbedürftigkeit
Nicht benötigte Belege

Die meisten Quittungen und Bescheinigungen müssen nur auf Nachfrage dem Finanzamt vorgelegt werden, dazu gehören zum Beispiel Nachweise über Ausgaben für:

  • Arbeitsmittel
  • Beiträge an Berufsverbände
  • Beitragsbestätigungen für Versicherungen
  • Kontogebühren
  • Kinderbetreuung
  • haushaltsnahe Dienstleistungen

Die einzelnen Ausgabenposten können aber vom Finanzamt geprüft werden und müssen dann nachträglich belegt werden.

„Es ist so viel einfacher“, schwärmt Staatspräsident Toomas Hendrik Ilves. Für 2015 haben 96 Prozent aller Esten so ihre Steuer eingereicht. Durchschnittlich dauerte das drei bis fünf Minuten, meint die Steuerbehörde in Tallinn. Der in Deutschland so prestigevolle Beruf des Steuerberaters ist in Estland deshalb nahezu unbekannt.

Eingeführt wurde die elektronische Steuererklärung bereits 2000, seit vergangenem Jahr sind nun auch Ein-Klick-Erklärungen möglich. Das technische Rückgrat dafür bildet die sogenannte X-Road – ein dezentrales System, über das alle Behörden miteinander verbunden sind. Es ermöglicht den Austausch und Abgleich von Informationen zwischen verschiedenen Datenbanken.

Begleitet wird die Infrastruktur von der entsprechenden Gesetzgebung. So wurde festgelegt, dass der Staat die Daten von Bürgern nur einmal erfassen darf und die für digitalen Behördengänge notwendigen Informationen aus den Datenbanken kommen sollen. Estland ist dadurch eine hochgradig vernetzte Gesellschaft, und nahezu alles kann mit ein paar Mausklicks über das Internet erledigt werden.

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