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11.02.2015

11:29 Uhr

Steuerhinterziehung

„Jetzt noch zu schweigen ist Wahnsinn“

VonKatharina Schneider

Kleine Sünden bestraft das Finanzamt sofort – für größere gibt es Swiss Leaks, Steuer-CDs und den Informationsaustausch. Zwei Anwälte erklären, für wen eine Selbstanzeige noch lohnt und was Geschäftsführer wissen müssen.

Das Risiko entdeckt zu werden, steigt. Getty Images

Steuern hinterzogen?

Das Risiko entdeckt zu werden, steigt.

Seit Jahresanfang gelten verschärfte Bedingungen für eine strafbefreiende Selbstanzeige. Zu den wichtigsten Änderungen gehören eine verlängerte Offenlegungsfrist und höhere Strafzuschläge. Auch der internationale Informationsaustausch zwischen Behörden macht Steuersündern das Leben schwer. Ein zusätzliches Risiko sind veröffentlichte Kundendaten à la Swiss Leaks. Bernulph von Crailsheim, Rechtsanwalt und Steuerberater, und Sascha Kuhn, Strafrechtsexperte von der internationalen Rechtsanwaltskanzlei Simmons & Simmons, erklären, was Betroffene jetzt noch tun können.

Herr von Crailsheim, Herr Kuhn, haben Sie sich vom Last-minute-Ansturm der reuigen Steuerhinterzieher erholt?
Kuhn: Zum Jahresende haben sich die Anfragen tatsächlich massiv gehäuft. Eine hat uns sogar noch ganz kurz vor Silvester erreicht. Seit Anfang dieses Jahres sind die Anfragen aber quasi auf Null zurückgegangen.

Haben die jüngsten Ermittlungen gegen Kunden einer HSBC-Tochter in der Schweiz das noch einmal geändert?
von Crailsheim: Nein, denn es gab in den vergangenen Jahren schon einige pressebekannte Ermittlungswellen – wer eine Selbstanzeige abgeben wollte, hat dies aber bereits spätestens bis Ende 2014 gemacht.

Steuerhinterziehung quer durch die Gesellschaft

Nebeneinkünfte verheimlichen

Insbesondere Empfänger von Sozialleistungen wie Hartz IV können in die Versuchung geraten, Steuern und Abgaben zu sparen, indem sie Nebeneinkünfte nicht erklären.

Werbungskosten überhöhen

Eine typische Art des Steuernsparens bei Angestellten ist das Aufblasen der Werbungskosten, denn dies drückt die Steuerlast.

Schwarzarbeit

Sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber versuchen immer wieder Steuern zu sparen, indem sie ihre Tätigkeit nicht offiziell anmelden.

Konten im Ausland

Wer hohe Einnahmen hat, muss nach deutschem Steuerrecht auch viel abgeben. Gerne wird deshalb versucht, am deutschen Fiskus vorbei Geld auf Konten ins Ausland zu schaffen.

Wahl des Produktionsstandorts

Die Produktion an einen Standort zu verlegen, wo die steuerlichen Rahmenbedingungen günstig sind, ist legitim. Illegal wird es dann, wenn dort nur eine Briefkastenfirma eingerichtet wird.

Die Rede ist von mehr als 2100 Personen mit Bezug zu Deutschland, die Steuern hinterzogen haben könnten. Haben diese jetzt noch eine Chance auf eine strafbefreiende Selbstanzeige?
Kuhn: Häufig dürfte hier die Tat schon entdeckt sein, sodass eine Selbstanzeige keine strafbefreiende Wirkung mehr entfalten kann. Allerdings kann sich eine verspätete Selbstanzeige auf das Strafmaß positiv auswirken.

Deutschlandweit haben sich 2014 etwa 38.500 Steuerhinterzieher selbst angezeigt. Welche Rolle hat dabei das neue Gesetz gespielt?
von Crailsheim: Die Änderungen machen die ganze Sache komplizierter, denn straffrei bleibt jetzt nur noch, wer seine Steuererklärungen für die vergangenen zehn Kalenderjahre korrigiert. Gerade bei Privatpersonen ist die Dokumentenlage oft recht desolat, im Vergleich zu Unternehmen haben sie noch größere Schwierigkeiten, sich lückenlos zu erklären. Hinzu kommen die Strafzuschläge. Sie werden schon ab einem hinterzogenen Betrag von 25.000 Euro fällig – und nicht mehr erst ab 50.000 Euro – und wurden auf zehn bis 20 Prozent erhöht. Viele Betroffene haben deshalb schnell noch die alte Rechtslage genutzt.

Seit 2011 Partner im Bereich Konfliktlösung und Compliance bei Simmons & Simmons.

Sascha Kuhn

Seit 2011 Partner im Bereich Konfliktlösung und Compliance bei Simmons & Simmons.

Lohnt sich eine Selbstanzeige jetzt trotzdem noch?
von Crailsheim: Wer ein Strafverfahren vermeiden möchte, sollte sich auch heute noch selbst anzeigen – obwohl es schwieriger und teurer geworden ist. Es gibt aber immer einige Unbelehrbare, die auch jetzt noch darauf pokern, dass sie nicht entdeckt werden. Jetzt noch zu schweigen ist Wahnsinn.

Für eine Verschärfung sorgt nicht nur das neue Steuergesetz, sondern auch der internationale Informationsaustausch über Kapitaleinkünfte.
Kuhn: Das ist eine gravierende Veränderung. Das Risiko, entdeckt zu werden, ist enorm gestiegen, denn die wichtigsten Länder haben sich bereits dem Austausch angeschlossen. Das Problem für die Finanzverwaltung wird künftig nur sein, diese riesigen Datenmengen auszuwerten – im Prinzip kann sie aber nahezu jedes versteckte Konto entdecken.

Kommentare (7)

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Herr Manfred Zimmer

11.02.2015, 13:07 Uhr

Weshalb berichten die Medien nicht auch über die Konten von Regierungsstellen und über die "schwarzen Konten" zur Durchführung verdeckter Operationen?

Frau Annette Bollmohr

11.02.2015, 14:10 Uhr

Also, ich finds gut, dass die Zeiten wo Steuerhinterziehung, Korruption, Geldwäsche, und ähnliche Krebsgeschwüre der Gesellschaft diskret unter Mitgliedern der vermeintlich "besseren Kreise" geregelt wurden langsam vorbei sind.
Ist immerhin ein Anfang, dass diese ganzen Sauereien jetzt so peu à peu ans Licht kommen und den unverbesserlichen Egoisten, die da dachten: "Mir kann keiner und mich können sie alle" so richtig Feuer unterm Hintern gemacht wird.
Verdient haben sie sich's ja redlich.
Und um den ganzen Dreck wegmachen zu können, muss man (= die Öffentlichkeit) ihn ja erstmal sehen.
Mehr Transparenz kann für eine Gesellschaft (egal wo und welche) jedenfalls nur von Vorteil sein.

Frau Annette Bollmohr

11.02.2015, 14:12 Uhr

Ah ja, und nochwas:
Wenn uns unsere (Steuer-)Gesetze nicht passen, dann müssen wir sie halt ändern.
Einfach unterlaufen geht jedenfalls gar nicht.

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