Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.02.2012

11:37 Uhr

Streitfall des Tages

Dürfen Kleinstgewerkschaften das Land lahmlegen?

VonCatrin Gesellensetter

Auf dem Frankfurter Flughafen streiken die Vorfeldlotsen. Tausende Fluggäste sitzen fest. Für die Wirtschaft geht der Schaden in die Millionen. Ist das Streikrecht in seiner aktuellen Form noch zeitgemäß?

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall

Und wieder bleiben die Maschinen am Boden. Am Frankfurter Flughafen müssen sich Passagiere und Airlines noch bis Ende der Woche auf Verspätungen und Flugausfälle einstellen: Der Grund: 200 Mitarbeiter auf dem Vorfeld, vertreten durch die Gewerkschaft der Flugsicherung (GDF) haben ihre Arbeit niedergelegt und streiken – für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen.

Der Schaden, der durch den Arbeitskampf entsteht, ist immens. Durch den Streik sind nach Angaben von Fraport teils bis zu 30 Prozent Flüge ausgefallen. Der Umsatzverlust geht schon jetzt in die Millionen.

Die Relevanz

Seit einigen Jahren – spätestens aber seit dem Mammut-Streik der Lokführer Gewerkschaft GDL im Sommer 2007 – gehört es zum tarifpolitischen Alltag, dass Klein- und Kleinstgewerkschaften für ihre Forderungen in den Ausstand treten. Neben der GDL pochten in der jüngeren Vergangenheit vor allem die Pilotenvereinigung Cockpit, die Ärztevertretung Marburger Bund, die Flugbegleitergewerkschaft UFO und immer wieder auch GDF auf die ihre Rechte ihrer Mitarbeiter. Und auf eigene Tarifverträge.

Die mächtigsten Klein-Gewerkschaften

Marburger Bund

Der Marburger Bund ist die Gewerkschaft angestellter und verbeamteter Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Er zählt nach eigenen Angaben rund 108 000 Mitglieder. Anders als viele andere Spartengewerkschaften kann der Marburger Bund auf eine lange Tradition verweisen. Er wurde bereits im Jahr 1947 gegründet

UFO

Die Unabhängige Flugbegleiter Organisation e.V. (UFO) gibt es seit 1992. Sie wurde vor allem aus Unzu¬frieden¬heit über die großen Gewerk¬schaf¬ten gegründet, von denen sich die Flugbegleiter nicht ausreichend vertreten sahen. Inzwischen hat UFO nach eigenen Angaben über 10 000 Mitglieder.

Cockpit

Die Vereinigung Cockpit ist der Verband der Verkehrsflugzeugführer und Flugingenieure in Deutschland – gemeinhin wird sie jedoch als Piloten-Gewerkschaft bezeichnet. Sie vertritt die Interessen von rund 8200 Cockpitbesatzungsmitgliedern aus allen deutschen Airlines und kümmert sich zudem um die Belange von Verkehrshubschrauberführern.

GDL

Die Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer vertritt, wie der Name schon sagt, die Belange der deutschen Eisenbahnfahrer. Sie zählt an die 34 000 Mitglieder. Anders als die Verkehrsgewerkschaft GdBA und die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (Transnet), die sich im Jahr 2010 zur Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) zusammengeschlossen haben, beharrt die GDL weiter auf ihrer Eigenständigkeit. Weitere Konflikte sind programmiert.

GDF

Die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) wurde im Jahre 2004 gegründet, weil sich die Angehörigen des Berufsstandes (z.B. Fluglotsen und Vorfeldlotsen) von den etablierten Gewerkschaften nicht ausreichend vertreten sagen. Sie organisiert den aktuellen Streik der Vorfeldlotsen am Frankfurter Flughafen.

Der Experte

Für die Wirtschaft werden die kampflustigen Berufsgruppen zunehmend zum Problem. „Spartengewerkschaften können bereits durch die Mobilisierung einer geringen Mitgliederzahl einen Betrieb lahm legen, damit einen exorbitant hohen Schaden verursachen, und dass, ohne selbst finanzielle Opfer bringen zu müssen“, kritisiert Robert von Steinau-Steinrück, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei Luther in Berlin. Und die Zahl der Streiks könnte sogar noch steigen. „Mittelfristig ist zu erwarten, dass sich immer mehr Berufsstände gewerkschaftlich organisieren und versuchen werden, ihre Rechte per Arbeitskampf durchzusetzen“, warnt der Experte. „Mit dem Anspruch der Verfassung, wonach Gewerkschaften die Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen zu wahren und zu fördern haben, ist das kaum noch zu vereinbaren.“

Die Gegenseite

Auf Seiten der GDF sieht man das naturgemäß anders. Man fühlt sich missverstanden und – unter anderem durch die kritische Berichterstattung in der Presse – diffamiert. „Wir sind überzeugt von der Redlichkeit unserer Anliegen“, lautet die Kernaussage der Gewerkschaftsfunktionäre Markus Siebers und Dirk Vogelsang. Auch egoistische Motive weist die Gewerkschaft weit von sich „Wir sind solidarisch“, beteuern sie, „nämlich mit unseren Frankfurter Vorfeldkollegen, die unsere volle Unterstützung verdienen.“

Kommentare (24)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

22.02.2012, 11:43 Uhr

Gegenfrage: Dürfen Arbeitgeber Mitarbeiter entlassen und diese Jobs über Sklavenhändler zu Dumpinglöhnen wieder besetzen?

Dieser Streik ist die Antwort der Arbeitnehmer auf Sklavenhandel, Outsourcing und Lohndumping der Arbeitgener.

Die DGB-Gewerkschaften sind oft nur Handlanger der Unternehmen. Sie müssten sich viel mehr für ALLE Arbeitnehmer einsetzen, nicht nur für tarifgebundene Stammbelegschaften! Im Interesse der Arbeitnehmer sollte der DBG diese Gewerkschaften unterstützen!

Account gelöscht!

22.02.2012, 12:01 Uhr

Das ist eine Perversion des Streikrechts in Deutschland und gehoert schleunigst korrigiert.

Leopold

22.02.2012, 12:04 Uhr

NEIN
Es muss die Relation der Streikenden zu den Betroffenen stimmen. Es passiert immer häufiger, dass wichtige Kerngruppen ihre eigene Gewerkschaft aufmachen und überproportionalen Schaden anrichten durch ihre überzogenen Forderungen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×