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12.03.2012

10:24 Uhr

Streitfall des Tages

Kassenpatienten zahlen Millionen für ein Foto

VonCatrin Gesellensetter

Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte gilt als eines der teuersten IT-Projekte Europas. Kassen und Regierung feiern das Projekt als wegweisend. Doch ist die neue Karte das viele Geld tatsächlich wert?

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.


Der Fall

Seit zwei Wochen ist Julia Schäpe stolze Besitzerin zweier Versicherungskärtchen. Beide sind von der Techniker Krankenkasse ausgestellt. Beide bewirken, dass sie beim Arzt nach Maßgabe des gesetzlichen Leistungskatalogs behandelt wird. Der einzige Unterschied: Eine Karte ziert ein briefmarkengroßes Foto, die andere, ältere, kommt ohne Lichtbild aus.

Julia Schäpe gehört zu jenen zehn Prozent der rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten, denen ihre Kasse bereits ein Exemplar der neuen, elektronischen Gesundheitskarte (eGK) zugeschickt hat. Dass sie ein wahres Wunderwerk der Technik in ihrem Geldbeutel herumträgt, davon allerdings merkt Schäpe bislang noch nichts.

Zwar sollen die Karte mittelfristig mit diversen Patientendaten bespielt und dadurch die medizinische Versorgung in Deutschland revolutioniert werden. Aktuell jedoch sind nicht einmal alle Praxen in der Lage, die neue Karte einzulesen. Oft fehlt noch die erforderliche Technik – und das alte Modell kommt wieder zum Einsatz.

Die Relevanz

Ebenso wie Julia Schäpe sollen Kassenpatienten statt ihrer alten Versicherungskarte schon bald ein Modell mit eingebautem Mikroprozessor und fast unbegrenzten Möglichkeiten erhalten. Ob Allergien, Notfalldaten oder vorangegangene Befunde – in der schönen, neuen Gesundheitswelt lassen sich relevanten Daten für Ärzte und Patienten abrufbar machen. Doppel- und Fehlbehandlungen? Kaum noch möglich. Die Kosten des Medizinbetriebs sinken, Transparenz und Effizienz steigen.

Getrieben von dieser Vision beschlossen die Spitzenorganisationen des Gesundheitswesens im Jahr 2002 die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte. Ein Jahr später goss man das Vorhaben in Gesetzesform, 2005 gründete man die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik), die für Einführung und Betrieb der Gesundheitskarte verantwortlich zeichnet.

Was die Karte irgendwann leisten soll

Mobile Krankenakte

Nicht nur die Verwaltungsdaten, auch Informationen für den Notfall, Patientenverfügungen, Organspendeerklärungen, Arzneimittel- und Impfdokumentationen sowie eine elektronische Patientenakte sollen künftig – mit Einverständnis des Patienten – über dessen eGK abrufbar sein.

Datenschutz für Fortgeschrittene

Beim Auslesen von medizinischen Daten soll in Zukunft ein sogenanntes Zwei-Schlüssel-Prinzip gelten: Erst wenn die Karte im Terminal steckt, der Arzt sich durch einen speziellen Heilberufsausweis identifiziert und der Patient seine persönliche Identifikationsnummer (PIN) eingegeben hat, können medizinische Daten entschlüsselt und ausgelesen werden.

Eine Ausnahme bildet lediglich der Notfalldatensatz. Die hier hinterlegten Daten können, so die Planung, durch Arzt oder Rettungsassistenten mit entsprechendem Ausweis auch ohne Unterstützung des Betroffenen einsehen.

Kassenwechsel

Jeder Versicherte behält seine Versichertennummer ein Leben lang. Bei einem Wechsel der Krankenkasse erhält der Kunde daher nur eine neue elektronische Versichertenkarte und eine neue Geheimzahl, die Nummer hingegen bleibt. Die gespeicherten Daten und Informationen des Versicherten gehen also nicht verloren und können auf die neue Karte übertragen werden.

Arztbrief 2.0

Der Aufbau der neuen telematischen Infrastruktur soll die Kommunikation von Arzt zu Arzt verbessern und dafür sorgen, dass Befunde und andere Informationen sicher elektronisch übermittelt werden.

Elektronische Rezepte

Praxistaugliche und sichere Lösungen mit denen das Papier-Rezept durch die elektronische Version abgelöst werden könnte, sind bislang noch nicht ersichtlich.

Eine schwere Aufgabe. Jahrelang stritten Krankenkassen, Ärzte, Apotheker und Kliniken über die Kosten und den Datenschutz. Die Ausgabe des Wunderplastiks, ursprünglich für 2006 geplant, musste immer wieder verschoben werden.

Nun allerdings wird es ernst: Nach zehn Jahren Dauerzwist hat der Gesetzgeber verfügt, dass die Kassen bis Ende des Jahres zumindest 70 Prozent der Versicherten mit der neuen Karte versorgt haben müssen. Die restlichen 30 Prozent folgen im kommenden Jahr.

Kommentare (17)

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12.03.2012, 10:45 Uhr


Grundsätzlich sollte jede Karte mit einem Foto versehen werden und hierbei auch längstens alle 3 Jahre aktualisiert werden, um bei Vorlage der Karte das Foto gegen die Person zu prüfen und Mißbrauch auszuschließen. Schließlich werden genügend Karten gehandelt und über den Mißbrauch Milliarden verschwendet.

Die Speicherung von Daten auf der Karte sollte unterbunden werden. Angesichts der Schlampereien im öffentlichen Dienst und bei den Krankenkassen grenzt das schon an vorsätzlichen Datenmißbrauch.

Account gelöscht!

12.03.2012, 11:06 Uhr

Foto ist unnütz und die Daten sind wie fast alle Daten die von uns erhoben werden nur angeblich sicher. Eine Sauerei auf Kosten der Beitragszahler! Der Mehrwert der verkauft wird ist nicht vorhanden! Zum Glück bin ich privat versichert...

Account gelöscht!

12.03.2012, 11:19 Uhr

Warum soll ich alle drei JAhre ein neues Bild machen lassen und einsenden?? Genau für diese Zwecke bietet sich der Personalausweis doch super an - In Verbindung mit der "normalen" Krankenkassenkarte kann jederzeit die Legitimation überprüft, und Mißbracuh vorgebeugt werden. Dummerweise scheint an einer solch simplen Umsetzung keiner genug zu verdienen???

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