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15.05.2012

14:41 Uhr

Streitfall des Tages

Vom richtigen Umgang mit gottlosen Vorgesetzten

VonCatrin Gesellensetter

Religion ist Privatsache? Von wegen. Immer häufiger klagen Arbeitnehmer, weil ihr Chef sie bei der Ausübung ihres Glaubens behindert. Wann Beten im Büro erlaubt ist – und welche Exerzitien in die Freizeit gehören.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.


Der Fall

Zugegeben. Es ist ein gewisses Wagnis, die Position des Oberkellners in einem oberbayerischen Spezialitätenrestaurant ausgerechnet mit einem Ostfriesen zu besetzen. Doch die Zeugnisse von Manno Borcherts waren einfach zu gut, als dass man den erfahrenen Kellner hätte ablehnen können. Außerdem macht Borcherts in seinem Lodenjanker eine hervorragende Figur, die Gäste schätzen seine zuvorkommende Art – und auch mit dem übrigen Personal kommt der Zugereiste bestens zu Recht.

Einziges Problem: Borcherts ist überzeugter Atheist und weigert sich beharrlich, die Kundschaft statt mit einem beherzten „Moin“ mit dem ortüblichen „Grüß Gott“ zu begrüßen. Mehrfache Ermahnungen der Geschäftsleitung blieben bislang ohne Erfolg. Inzwischen überlegt die Führung des Gourmettempels sogar, sich von ihrem Vorzeigekellner wieder zu trennen. Zu Recht?

Die Relevanz

Mögen die großen Kirchen auch die fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft beklagen: Im Bereich des Arbeitsrechts beobachten Experten eher einen gegenläufigen Trend. In schöner Regelmäßigkeit müssen die Arbeitsgerichte darüber entscheiden, ob und in welchem Ausmaß Unternehmen auf die religiösen Gefühle ihrer Mitarbeiter Rücksicht nehmen müssen.

Mal wollen muslimische Beschäftigte mit Kopftuch zur Arbeit erscheinen (BAG, Az. 2 AZR 472/01), andere pochen auf regelmäßige Gebetspausen (LAG Hamm, Az. 5 Sa 1782/01) oder ein alkoholfreies Arbeitsumfeld BAG, Az. 8 Az.: 2 AZR 636/09).

Was Religionsanhänger im Job akzeptieren müssen

Reine Kopfsache

Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes müssen im Hinblick auf ihre religiöse Betätigung oft strengere Auflagen akzeptieren, als Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft. Das Bundesarbeitsgericht bestätigte deshalb Abmahnung einer Erzieherin aus Baden-Württemberg, die im Kindergarten ihr Kopftuch nicht ablegen wollte (2 AZR 593/09). Dagegen sah das höchste deutsche Arbeitsgericht im Jahr 2002 bei einer muslimischen Verkäuferin aus Hessen keinen Kündigungsgrund darin, dass diese während der Arbeit ihr Kopftuch anbehalten wollte (2 AZR 472/01).

Verbotene Tarnkappen

Nicht nur klassische Kopftüchern können gegen das Gebot religiöser Zurückhaltung am (öffentlichen) Arbeitsplatz verstoßen: Eine Sozialpädagogin, die dauerhaft „eine rosafarbene Baskenmütze mit Strickbund“ trägt, „die ihr Haar, den Haaransatz und die Ohren komplett bedeckt“, bekundet damit ebenfalls eine religiöse Überzeugung und muss mit entsprechenden Sanktionen rechnen (LAG Düsseldorf, Az. 12 Ca 175/07).

Gebetszeiten im Schichtbetrieb

Ein Arbeitgeber ist nicht verpflichtet, grundgesetzlich geschützte Gebetspausen des muslimischen Arbeitnehmers während der Arbeitszeit hinzunehmen, wenn hierdurch betriebliche Störungen verursacht werden (LAG Hamm, Az. 5 Sa 1782/01).

Kirche ist nicht gleich Kirche

Beamten können in der Regel zwar Sonderurlaub für die Teilnahme am Deutschen Evangelischen Kirchentag oder am Deutschen Katholikentag verlangen. Einen Anspruch auf die Gewährung von Sonderurlaub für die Teilnahme am Bezirkskongress der Zeugen Jehovas hingegen scheidet aus, weil diese, anders als die Kirchentage über den religiösen Charakter hinaus keine besondere gesellschaftliche Bedeutung habe (OVG Rheinland-Pfalz, Az.: 10 A 10042/09).

Lästerliche Künste

Ein Orchestermusiker, der sich in seiner persönlichen Lebensführung einer religiös geprägten Lebensweise verschrieben und durch sein nach außen tätiges Engagement seine besondere Nähe zum christlichen Glauben unter Beweis gestellt hat, kann die musikalische Mitwirkung an einer zumindest in Teilen blasphemischen Troubadour-Inszenierung verweigern (LAG Düsseldorf, Az. 9 Sa 794/92)

Der Experte

„Die Bereitschaft, Glaubensfragen in den betrieblichen Alltag zu tragen und sogar darüber zu prozessieren, hat in den vergangenen Jahren zugenommen“, sagt Oliver Grimm, Partner der Anwaltskanzlei Taylor Wessing in München. „Während die Menschen früher eher defensiv waren und Vorgaben seitens des Arbeitgebers nicht hinterfragten, zeige sich inzwischen ein größeres Selbstbewusstsein, die eigenen Weltanschauungen auch am Arbeitsplatz ausleben zu wollen.

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Das allerdings sei nicht immer leicht. „Zwar können sich Arbeitnehmer auch im beruflichen Kontext auf das Grundrecht der Religionsfreiheit berufen und verlangen, dass ihr Arbeitgeber auf ihren Glauben Rücksicht nimmt“, so der Experte. Andererseits hätten Arbeitgeber das Recht, den Geschäftsbetrieb nach ihren Vorstellungen zu gestallten und darauf zu bestehen, dass ihre Angestellten grundsätzlich entsprechend den Weisungen ihrer Vorgesetzen agieren.

Kommentare (1)

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bfs

15.05.2012, 17:50 Uhr

Watt mutt,dat mutt>>MOIN<< Fred FRENZEL(Mitteldithmarschen)

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