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30.03.2012

08:39 Uhr

Streitfall des Tages

Wann der Wechsel in der privaten Krankenversicherung teuer wird

VonBettina Blaß

Spezielle Internetvermittler raten privat Krankenversicherte zu einem Wechsel des Tarifs. Kunden zahlen dabei aber häufig drauf. Wann Versicherte wechseln sollten - und welche Angebote sie lieber ablehnen sollten.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall


Diese Angebot erscheint verlockend: Der 68-jährige Mann aus Kiel soll künftig bei der Krankenversicherung bis zu 1.560 Euro im Jahr sparen. Das hat für ihn ein Unternehmen ausgerechnet, das sich darauf spezialisiert hat, Privatversicherten zu helfen, in einen günstigeren Tarif zu wechseln. Der Kieler ist misstrauisch und bittet den Bund der Versicherten, den Vorschlag zu prüfen.

Das Ergebnis: Das Unternehmen hatte dem Versicherten einen Tarif vorgeschlagen, der geschlossen werden sollte. Der wäre zwar günstiger gewesen, als sein derzeitiger Tarif, aber die Frage lautet: Wie lange noch? Timo Voss, der beim Bund der Versicherten (BdV) auf den Tarifwechsel bei der privaten Krankenversicherung (PKV) spezialisiert ist, erklärt das Problem: “Wird von einer Gesellschaft ein Tarif geschlossen, kommen dort keine neuen Versicherten mehr hinein".

Was Wechselwillige wissen sollten

Wechselrecht

Nach Paragraf 204 Versicherungsvertragsgesetz haben in der privaten Krankenversicherung Versicherte einen Anspruch auf einen Tarifwechsel.

Tarifsuche

Erste Hinweise dafür, dass es einen neuen und günstigeren Tarif geben könnte, bietet die Homepage des Versicherungsunternehmen. Wird dort der eigene Tarifname oder die -nummer nicht mehr genannt, könnte das ein Hinweis auf einen neuen Tarif sein.

Kontakt

Wechselwillige sollten Kontakt zu ihrer Krankenversicherung aufnehmen. Wer telefonisch keine Antwort auf eine Frage zu den Tarifen erhält, sollte schriftlich per Einschreiben nachfragen. Wer Mitglied beim Bund der Versicherten ist, kann dessen Hilfe in Anspruch nehmen.

Leistungscheck

Wer in einen günstigeren Tarif wechseln möchte, sollte darauf achten, wie sich die Leistungen unterscheiden: Wie hoch ist der Selbstbehalt in beiden Tarifen? Ist im neuen Tarif all das eingeschlossen, was dem Versicherten wichtig ist?

Versicherungsberater

Wechselwillige, die einen Berater einschalten, sollten im Vorfeld klären, wie hoch sein Honorar sein wird, und was er dafür tut. Dem Versicherten sollte möglichst mehr als eine Option vorgeschlagen werden, und diese sollten an sein individuelles Risikoprofil angepasst sein.

Basistarif

Unter bestimmten Voraussetzungen können privat Versicherte auch in den Basis-Tarif ihrer Versicherung wechseln, allerdings darf das nicht mit dem Wechsel in einen neueren, günstigeren Tarif verwechselt werden.

Omdudsmann

Bei Problemen mit der privaten Krankenversicherung ist der Ombudsmann Ansprechpartner.

Das hat drei Folgen: Erstens vermehrt sich die Zahl der Versicherten nicht mehr, so dass die Ausgaben nicht von mehreren getragen werden können. Zweitens gibt es vermehrt Abgänge, da einige Versicherte aus diesem Tarif wechseln, versicherungspflichtig in der Gesetzlichen werden und andere sterben. Drittens steigt das Alter der in diesem Tarif Versicherten - und im Regelfall damit auch die Krankheiten.

Das heißt die Ausgaben steigen und der Tarif wird teurer.“ Heißt: Hätte der Versicherte das Angebot des spezialisierten Unternehmens angenommen, hätte er zwar jetzt gespart, aber auf Dauer hätte der Tarif vermutlich die Höhe seines jetzigen überstiegen.

Grundsätzlich wäre das nicht so dramatisch, da der Versicherte erneut wechseln könnte. Aber: der Wechsel in den geschlossenen Tarif würde ihn auch noch Geld kosten, und zwar nicht zu knapp: Das spezialisierte Unternehmen bekäme nämlich bei Vertragsabschluss acht Mal die monatliche Ersparnis plus die Mehrwertsteuer, also rund 1.130 Euro vom Versicherten. Würde er dann nach neun Monaten durch seinen ersten Wechsel endlich sparen, könnte schon der zweite notwendig werden.

 

Der Streitfall des Tages: Wie Versicherer Kunden in teure Tarife jagen

Der Streitfall des Tages

Wie Versicherer Kunden in teure Tarife jagen

Wer in der privaten Krankenversicherung in einen günstigeren Tarif wechseln will, wird oft schlecht beraten. Die Folge sind überteuerte Beiträge und schlechte Leistungen. Was PKV-Versicherte wissen sollten.

Warum Tarifwechsel sinnvoll sein können

Die Beiträge für private Krankenversicherungen steigen. Bei dem Versicherten aus Kiel beispielsweise von 398 Euro im Monat im Jahr 2011 auf 441 Euro monatlich im Jahr 2012, also um mehr als zehn Prozent.

Viele privat Versicherte können und wollen die steigenden Beiträge jedoch nicht mehr zahlen, und ein Wechsel in die Gesetzliche ist oft nicht möglich. Laut Paragraf 204 Versicherungsvertragsgesetz haben sie jedoch die Möglichkeit, bei ihrer Versicherung den Tarif zu wechseln.

Wie die Privaten kalkulieren

Polster gegen Beitragssprünge

Um die Prämien halbwegs stabil zu halten, verlangen private Versicherer von ihren Kunden am Anfang der Versicherungszeit mehr, als deren Versorgung voraussichtlich kostet. Das so gesparte Geld legen sie an. Als Polster für die Zukunft. Ein sinnvoller Ansatz. Dennoch verdoppeln sich die Kosten für den privaten Gesundheitsschutz im Schnitt alle zwölf Jahre, fast zweimal schneller als im gesetzlichen System.

Jedes Extra kostet extra

Was Privatversicherte für ihren Gesundheitsschutz ausgeben müssen, ist von Fall zu Fall verschieden Im Gegensatz zu Kassenpatienten, die dem gesetzlichen Leistungskatalog unterworfen sind, können sie selbst bestimmen, welche Leistungen sie versichern wollen. Dabei gilt: Je umfangreicher die Versorgung, desto teurer auch die monatliche Prämie.

Auch kleine Malaisen treiben den Preis

Während die Kassen jeden Interessenten ohne Wenn und Aber bei sich aufnehmen müssen, kalkulieren die Privaten streng nach Risiko. Sie unterziehen potenzielle Kunden einem detaillierten Gesundheitscheck. Wer dabei schlecht abschneidet, etwa, weil er Allergiker ist oder zu hohen Blutdruck hat, zahlt empfindliche Risiko-Aufschläge – oder wird sogar ganz abgelehnt.

Jungsein ist billig, Altsein teuer

Nicht nur der persönliche Gesundheitszustand, auch der Geburtsjahrgang der Versicherten hat Einfluss auf die Kosten Hintergrund: Mit steigendem Alter wächst auch die Wahrscheinlichkeit, das eine oder andere kostspielige Wehwehchen zu entwickeln, für dessen Behandlung die Assekuranz bezahlen muss.

Sonderfall Basistarif

Für Versicherte, die mit ihren Gesundheitskosten überfordert sind, hat die Branche einen speziellen Tarif geschaffen, den Basistarif. Er bricht mit dem Prinzip der Privaten, Prämien an den tatsächlichen Risiken auszurichten. Stattdessen sind die Beiträge per Gesetz in auf den Höchstbeitrag im gesetzlichen System gedeckelt. Aktuelle sind das rund 593 Euro pro Monat.

Neuere, jüngere Tarife, die von den Krankenversicherungen aufgelegt werden, sind oft günstiger. „Bei einem Wechsel kann es zu Leistungsreduzierungen kommen, finanziell gesehen kann das allerdings eine Alternative sein“, sagt Verbraucherschützer Voss.

Das Problem: „Viele Versicherungen wollen ihre Kunden von diesem Wechsel abhalten. Schließlich bedeutet er für sie Arbeit und im Anschluss geringere Prämien“, erklärt Voss. Darum machen sie ihre Kunden nicht immer auf ihr Recht aufmerksam.

Streitfall des Tages: Warum Krankenkassen Leistungen nicht anbieten dürfen

Streitfall des Tages

Warum Krankenkassen Leistungen nicht anbieten dürfen

Eigentlich dürfen Krankenkassen seit Anfang des Jahres bessere Leistungen anbieten. Doch zum Ärger vieler Kassen, lehnt das Bundesversicherungsamt viele Zusatzleistungen ab. Worauf Versicherte verzichten müssen.

In einigen Fällen antworten sie nicht einmal auf deren Anfragen - selbst, wenn diese per Einschreiben geschickt werden, wie der BdV weiß. Hinzu kommt, dass der Laie nicht so einfach die Unterschiede zweier Tarife erkennen kann, und außerdem jeder Versicherte anders ist: „Es gibt Kunden, denen ist die Übernahme der Kosten für den Heilpraktiker wichtig, während sie anderen völlig egal ist. Ein zweiter möchte Zahnersatz besser abgesichert haben als ein Dritter“, erklärt Timo Voss. Und darum sei es notwendig, dass man nicht nur den Computer arbeiten lässt, sondern auch in Handarbeit die Tarife mit dem Risikoprofil abgleicht.

Wenn die Tarifoptimierung durch den Berater gut läuft, spart der Versicherte. Michael V. beispielsweise hatte vor seiner Tarifoptimierung jährliche Kosten für den Krankenversicherungsbeitrag und den Selbstbehalt von 10.876 Euro. Das Team von Beitragsoptimierung24.de, einem weiteren Marktteilnehmer, fand für ihn einen Tarif, der rund 4.000 Euro jährlich kostete. Ersparnis: gut 6.000 Euro - erstaunlicherweise ohne Leistungsminderung.

Welche Kasse ist die richtige?

Kriterien

Der Gesetzgeber lässt kaum einen Preiswettbewerb und nur einen eingeschränkten Leistungswettbewerb unter den gesetzlichen Krankenkassen zu. Die Versicherten sollten deshalb zumindest die vorhandenen Möglichkeiten nutzen. Folgende Kriterien können bei der Wahl der richtigen Kasse wichtig sein.

Zusatzbeitrag

Für die Kassen gilt ein einheitlich-vorgegebener Beitragssatz vom sozialversicherungspflichtigen Einkommen. Eine Handvoll Kassen, die damit nicht zurecht kommen, erhoben zeitweise einen monatlichen Zusatzbeitrag von zumeist acht Euro im Monat. Die meisten Kassen schafften die ungeliebte Einnahmeform jedoch wieder ab.

Beitragsrückzahlung

Einige Kassen stehen finanziell so gut da, dass sie ihren Mitgliedern Beiträge zurückzahlen. Das kann sich jedoch von Jahr zu Jahr ändern.

Service

Freundlichkeit der Kassenmitarbeiter und gute Erreichbarkeit sind nach Umfragen für viele Kassenmitglieder wichtige Kriterien. Die AOK´s, die IKK-Classic und die großen Ersatzkrankenkassen wie die Barmer-GEK, DAK-Gesundheit und Techniker haben bundesweit die meisten Geschäftsstellen.

Wichtiger ist jedoch für die meisten Versicherten eine gute telefonische Erreichbarkeit und eine schnelle Reaktion auf Anfragen, was sich aber wie die Freundlichkeit der Mitarbeiter nicht exakt messen lässt. Über die Servicezeiten informieren in der Regel die Internetauftritte der Kassen.

Wahltarife

Kassen bieten für ihre Versicherten Spar- und Selbstbehaltsmodelle als Wahltarife an. Damit soll ein kostenbewusstes Verhalten gefördert werden. So kann beispielsweise bei Nichtinanspruchnahme bestimmter Leistungen ein Teil der Beiträge rückerstattet werden, auch können die Versicherten die Kostentransparenz von Ärzten wünschen, analog privater Krankenversicherung ein Kostenerstattung von Arztrechnung wählen.

Im Vergleich zu privaten Krankenversicherungen sind die Beitragsersparnisse jedoch gering, bei der Erstattung von Arztrechnungen stellen sich die Kassenmitglieder sogar oft schlechter, weil sie einen höheren Aufwand haben.

Bonusprogramme

Kassen zahlen ihren Versicherten für die Teilnahme an bestimmten Maßnahmen, etwa von Präventivkurse, weitergehende Vorsorgeuntersuchungen, Schutzimpfungen oder Sportkurse finanzielle Anreize.

Zusatzversicherungen

Gesetzliche Krankenkassen haben häufig mit privaten Krankenversicherer Kooperationen abgeschlossen und bieten deren private Zusatz- und Ergänzungs-Policen für stationäre Unterbringung oder Zahnleistungen zu einem Sondertarif an. Doch oft sind die Policen am Markt günstig erhältlich, ohne dass sich die Versicherten an den Kooperationspartner der Kasse binden müssen.

Innovative Leistungen

Zu den Krankenkassen, die vom neuen Gesetz Gebrauch machen und innovative Leistungen anbieten dürfen oder anbieten wollen, gehören unter anderem die Techniker Krankenkasse (Osteopathie), HEK (zusätzliche Vorsorge für Kinder und Schwangere), Siemens BKK (Heilpraktiker-Behandlungen/Osteopathie, BKK Henschel Plus (Heilpraktiker-Leistungen) und die BKK Wirtschaft & Finanzen.

„Das klingt unglaubwürdig“, sagt Harald Leissl, Vorstand des Unternehmens. „Unser Kunde war jedoch in einem Tarif mit schlechter Risikostruktur, also mit vielen Kranken. Jetzt ist er in einem Tarif mit vielen Gesunden und zahlt dort deutlich weniger.“

Allerdings: “Dass ein Kunde 6.000 Euro einsparen kann, ist eher selten“, räumt Leissl ein. Im Schnitt sparten die Kunden etwa 2.500 Euro nach einer Tarifoptimierung, ein Wert, den auch der BdV nennt: „Die durchschnittliche Ersparnis beim Tarifwechsel liegt zwischen 1.500 und 2.500 Euro im Jahr, also bei etwa 125 bis 200 Euro im Monat.“

 

Kommentare (8)

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thowe

30.03.2012, 09:59 Uhr

Der Verfasser und der Mensch vom Bund der Versicherten haben leider keine Ahnung von der Kalkulation einer PKV! Bitte mehr Fachkompetenz bei solchen Artikeln!

Account gelöscht!

30.03.2012, 10:44 Uhr

Geld für den Versicherungsberater sparen und selber machen. Niemand, der die Materie kennt wird verantwortlich solch einen Vorschlag machen. Der Vergleich, bzw. die Bewertung von Versicherungsbedingungen auf Vergleichbarkeit mit einem anderen Tarif erfordert umfangreiche juristische Kenntnisse und dazu umfangreiche Kenntnisse in Medizin, deren Anwendung und deren Kosten.

Daran scheitern Leute, die täglich mit der PKV zu tun haben. Und nun soll also der Laie das selbst beurteilen können???

Ich wünschte mir, dass derjenige, der solch einen Ratschlag gibt in die Haftung genommen wird, wenn der Laie bei der Auswahl des alternativen Tarifes "danebenliegt".

Mal ein simples Beispiel: Im alten Tarif steht "Logopädie ist versichert", im neuen Tarif steht "Logopäde ist versichert". Ist das jetzt gleich oder ist "Logopädie" besser oder der "Logopäde" besser?

Lassen wir doch ein paar Kommentare zur Frage machen, gerne löse ich das in einem späteren Kommentar auf.

Grüße aus Ulm
Harald Leissl

zock

30.03.2012, 11:10 Uhr

Ich würde meinen im einen Fall ist die Tätigkeit (Logopädie) versichert, im anderen Fall die Person (Logopäde). Ich würde auf eine Verschlechterung zu meinen Ungunsten tippen.

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