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01.12.2011

12:41 Uhr

Streitfall des Tages

Wann Eltern für ihre Kinder haften

VonRenate Reckziegel

Wenn Kinder etwas anstellen, sollten sich Eltern nicht auf ihren Versicherer verlassen. Im Ernstfall droht Ärger mit Nachbarn und Freunden. Wann Eltern in Regress genommen werden.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.



Der Fall


James Reinhardt hatte sein Auto auf dem Parkplatz des Tennisclubs geparkt, saß aber noch am Steuer, um Unterlagen durchzusehen. Da rumste es. Und dann flossen Kindertränen.

Der Fünfjährige war mit seinem Fahrrad gegen den Kühler geprallt. Anscheinend mit Karacho. Die Kratzer im Lack des Kombi illustrierten das eindrücklich. „Die Versicherung des Vaters zahlte nicht“, so James Reinhardt, der mit so einer Absage überhaupt nicht gerechnet hatte.

Der Grund: Für Schäden, die Kinder unter sieben Jahren anrichten, kommt die Privathaftpflicht der Eltern in der Regel nicht auf. James Reinhardt blieb auf seinen Reparaturkosten von 400 Euro sitzen.


Der Experte


Kinder sind über die Privathaftpflicht der Eltern eigentlich automatisch mitversichert. Doch mit der Zusage „Das zahlt bestimmt meine Versicherung“ sollten Eltern trotzdem vorsichtig sein. „Bei kleinen Kindern ist die Gefahr groß, dass die Haftpflicht nichts übernimmt und Geschädigte auf ihren Kosten sitzen bleiben", sagt Makler Frank Lasch.

Den Grund dafür liefert das Bürgerliche Gesetzbuch, erläutert der Offenburger Versicherungsmakler: Kinder unter sieben Jahren sind laut Gesetz „deliktunfähig“, können also für Schäden, die sie anderen zufügen, nicht haftbar gemacht werden. Im Straßenverkehr gilt das sogar bis zum zehnten Geburtstag. Eine gesetzliche Regelung mit kuriosen versicherungstechnischen Folgen: Wo niemand haftbar ist, greift auch keine Haftpflichtversicherung.

Streitfall des Tages: Wann Kinder für ihre Eltern zahlen müssen

Streitfall des Tages

Wann Kinder für ihre Eltern zahlen müssen

In Deutschland haften Kinder für ihre Eltern. Auch wenn Familien tief zerstritten sind, sind Kinder zum Unterhalt verpflichtet. Wofür der Nachwuchs zahlen muss und welche Forderungen unrechtmäßig sind.

Zum Schadensersatz können höchstens die Eltern herangezogen werden, wenn sie ihre Aufsichtspflicht verletzt haben, ergänzt Bianca Boss vom Bund der Versicherten. Denn die Verletzung der Aufsichtspflicht ist mit der Versicherung abgedeckt. Nach der Erfahrung von Boss stehen die Gerichte allerdings auf dem Standpunkt, dass die Aufsicht über Kinder nur in wenigen Fällen vernachlässigt ist. Will heißen: Bei juristischen Auseinandersetzungen stehen die Chancen für Geschädigte schlecht.

Um solche Konflikte zu vermeiden, lautet der Tipp von Bianca Boss: „Viele Versicherer bieten in ihren Bedingungen eine zusätzliche Klausel für deliktunfähige Kinder an.“ Der Bund der Versicherten empfiehlt so einen Baustein in jedem Fall – schon allein deshalb, weil Kinder immer mal wieder Unfug machen können. Bianca Boss: „Bei guten und günstigen Gesellschaften ist dieser Einschluss mittlerweile beitragsfrei mitversichert.“

Sinnvolle Leistungen bei Privathaftpflicht-Policen

Vermögensschäden

Sie fällen Ihre viel zu große Tanne. Leider fällt sie in die Garageneinfahrt des Nachbarn. Dieser muss sich ein Taxi zum Flughafen nehmen und verpasst letztendlich auch noch den gebuchten Flug. Die Taxikosten sowie Umbuchungskosten des Fluges übernimmt Ihre Privathaftpflichtversicherung. Vermögensschäden sollten mindestens mit einer Versicherungssumme von 100.000 Euro abgesichert sein.

Ausfalldeckung

Wenn Ihnen von einem Dritten Schaden zugefügt wird, aber von diesem nicht oder nur teilweise ersetzt wird, springt der eigene Privathaftpflichtversicherer ein, wenn eine Ausfalldeckung vereinbart ist. Es werden jedoch nur Schäden anerkannt, für die ein rechtskräftiges Urteil besteht und die eine festgelegte Mindesthöhe erreichen. Diese Ersatzleistung sollte ab einem Schaden von 2500 Euro gelten.

Deliktunfähigkeit bei Kindern

Mitversichert sein sollten Schäden durch minderjährige Kinder bis zu sieben Jahren mindestens bis 20.000 Euro Schadenssumme. Hilfreich wäre es zudem, wenn die durch Kinder bis zehn Jahren im Straßenverkehr verursachten Schäden versichert wären.

Tagesmutter

Die unentgeltliche Tätigkeit als Tagesmutter und die sich daraus ergebende Aufsichtspflicht sollte mitversichert sein. Achten Sie darauf, für wie viele Kinder die Mitversicherung gilt. Wünschenswert wäre die Mitversicherung von vier Kindern. Üben Sie die Tätigkeit gewerblich aus, benötigen Sie eine separate Berufshaftpflichtversicherung.

Öltank

Der Öltank (bis zu einem Gesamtfassungsvermögen von 5000 Litern) in einem selbstbewohnten Ein- oder Zweifamilienhaus sollte im Versicherungsschutz eingeschlossen sein.

Mietsachschäden

Ersatzansprüche wegen Schäden an fremden Sachen, die Sie gemietet, gepachtet oder geliehen haben, sind grundsätzlich ausgeschlossen. Anbieter kommen jedoch trotzdem oft für Schäden an privat gemieteten Räumen auf. Mietsachschäden sollten mindestens mit einer Versicherungssumme von 500.000 Euro mitversichert sein.

Schlüssel

Wer fremde, private Schlüssel (auch zu zentralen Schließanlagen) verliert, sollte das bis zu einer bestimmten Höhe mitversichert haben. Sinnvoll wären mindestens 20.000 Euro für fremde, private Schlüssel und bis 20.000 Euro für die zentrale Schließanlage der Haus- und Wohnungstür.

Bausumme

Kleinere Bauvorhaben zum Beispiel An- oder Umbauten sollten über die Privathaftpflichtversicherung mitversichert sein. Beachten Sie bitte die vereinbarten Bausummen-Begrenzungen. Gut ist, wenn sie bei mindestens 60.000 Euro liegt.

Gefälligkeitsschäden

Sie gießen beim Nachbarn während des Urlaubes die Blumen oder Sie helfen Bekannten beim Umzug. Laut Rechtsprechung ist der Schadenverursacher für Schäden, die aus Gefälligkeiten entstehen, in bestimmten Fällen nicht ersatzpflichtig. Auf der sicheren Seite sind Sie, wenn Ihr Vertrag den Einschluss solcher Gefälligkeitsschäden vorsieht. Dies sollte in Bezug auf Schadensersatz bis 10.000 Euro der Fall sein.

Eheähnliche Lebensgemeinschaften

Bei eheähnlichen Lebensgemeinschaften und Lebenspartnern nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz sollten die Lebensgefährten über die Privathaftpflichtversicherung mitversichert sein – vor allem im Hinblick auf mögliche Regressansprüche von Sozialversicherungsträgern (etwa die gesetzliche Krankenkasse). Das ist beispielsweise wichtig, falls der Lebensgefährte des Versicherten einem Dritten Schaden zufügt und für die Behandlungskosten aufkommen muss.

Allmählichkeitsschäden

Haftpflichtansprüche aus Sachschäden, die durch allmähliche Einwirkung von Temperaturen, Gasen oder etwa Dämpfen entstehen, sollten mitversichert sein.

Häusliche Abwässer

Schäden durch häusliche Abwässer sollten eingeschlossen sein.

Ehrenamt

Engagieren Sie sich freiwillig und unentgeltlich in der Alten- und Krankenpflege oder bei Kirchen- und Jugendarbeiten? Dann sollte Ihr Vertrag eine solche Klausel für die Mitversicherung von ehrenamtliche Tätigkeiten vorsehen.

Versicherungsombudsmann

Nur wenn Ihr Versicherer Mitglied des Versicherungsombudsmann e. V. ist, können Sie sich zur Schlichtung eines Streitfalls an ihn wenden.

Internetschäden

Die Übermittlung und Bereitstellung elektronischer Daten, etwa durch E-Mail oder im Internet, ist mit Risiken verbunden, die zur Haftung führen können. Ein guter Vertrag sollte das berücksichtigen. Quelle: Bund der Versicherten

Nach Auskunft des Analysehauses Morgen & Morgen haben fast alle Gesellschaften mindestens einen Tarif im Angebot, bei dem deliktunfähige Kinder ohne Mehrbeitrag mitversichert sind – aber meist handelt es sich dabei um sogenannte Komforttarife, Basistarife bieten das in der Regel nicht. Bei zusätzlichen Bausteinen belaufen sich die Kosten – je nach versicherter Summe – auf 5 bis 15 Euro.

Kommentare (6)

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Berger

01.12.2011, 14:11 Uhr

Entgegen der Überschrift ergibt sich aus dem Artikel, dass gerade keine Lücke im Versicherungsschutz besteht und Eltern deswegen auch nicht befürchten müssen, auf dem Schaden sitzen zu bleiben. Immer wenn sie haften (Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit einmal ausgenommen), besteht grundsätzlich auch Versicherungsschutz. Wenn Versicherungen weitere Risiken übernehmen, mag das zwar dem nachbarschaftlichen Verhältnis dienen, wird langfristig aber regelmäßig mit höheren Prämien erkauft.

Matthias Berger
Rechtsanwalt
Fachanwalt für Versicherungsrecht

Account gelöscht!

01.12.2011, 15:04 Uhr

Wer lesen kann ist klar im Vorteil: nicht die Eltern bleiben im Zweifel auf dem Schaden sitzten - sondern die Geschädigten. Das ist ja wohl ein kleiner Unterschied.

danke_dir...

01.12.2011, 15:28 Uhr

Lieber Michel, wer einfach daher redet, der sollte sich juristisch auch auskennen. "Der Haftpflichtschutz versagt bei Kleinkindern." Eben nicht. Deckung bietet die PHV, nur die Haftung wird versagt. Die Abwehr unberechtigter Ansprüche ist auch eine Leistung der PHV. Damit versagt der Versicherungsschutz eben NICHT! Der Versicherer macht das, was er soll: Prüfen des Anspruchs und Abwehr dieser Ansprüche für den Versicherungsnehmer (passive Rechtsschutzfunktion).

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