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04.04.2012

10:01 Uhr

Streitfall des Tages

Wann Mieter lügen dürfen

VonCatrin Gesellensetter

Reich, Nichtraucher, kinderlos – so sieht für viele Eigentümer der ideale Mieter aus. Doch was tun Interessenten, die diesem Profil nicht entsprechen? Müssen sie bei der Selbstauskunft stets die Wahrheit sagen?

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

 

Der Fall

Die Vertreterin der Hausverwaltung ist ein fleischgewordenes Klischee. Sehr blond, sehr schlank, sehr braungebrannt entsteigt sie ihrem BMW-Cabrio – und mustert ihr Gegenüber schon beim ersten Händeschütteln mit abschätzigem Blick.

Kein Zweifel: Diese Frau nimmt die Mission „Mietercheck“ ausgesprochen ernst. Karen Tiehme, seit Monaten verzweifelt auf Wohnungssuche, wird alle Register ziehen müssen, wenn sie bei ihr einen guten Eindruck hinterlassen und die Dachgeschosswohnung im Münchener Stadtteil Bogenhausen tatsächlich bekommen will. Vorsorglich hat die Physiotherapeutin deshalb schon einmal ein Empfehlungsschreiben ihres letzten Vermieters sowie eine Bestätigung ihres Arbeitgebers über ihren aktuellen Monatsverdienst mitgebracht.

Ihre Hoffnung, damit bei der Vermieter-Vertreterin zu punkten, erfüllt sich allerdings nicht. Stattdessen setzt diese zu einer wahren Inquisition an: Familienstand, Kinderwunsch, Koch- und Rauchverhalten, Freundeskreis – kaum ein Lebensbereich ist vor ihren Fragen sicher. Die mitgebrachten Unterlagen hingegen beeindrucken die Dame nicht im Geringsten. Um die Wohnung zu bekommen, müsse Thieme schon ihren gesamten Arbeitsvertrag mitbringen, eine Schufa-Auskunft vorlegen und natürlich die höchstmögliche Kaution bezahlen.

Thieme geht das entschieden zu weit. Doch welche Wahl hat sie? Sie will die Wohnung unbedingt – und gehorcht.

Wann Mieter schwindeln dürfen – und wie

Sind Sie schwanger?

Diese Frage muss niemand wahrheitsgemäß beantworten. Ein „Nein“, das nicht den Tatsachen entspricht, macht allerdings nur wenig Sinn, wenn der kugelrunde Bauch dem Vermieter schon förmlich ins Auge springt.

Wollen Sie Kinder?

Auch hier können Mietinteressenten getrost mit „Nein“ antworten, selbst wenn sie insgeheim von einer Großfamilie träumen. Der Eigentümer hat keine Handhabe, gegen einen Mieter vorzugehen, der kinderlos in die Wohnung eingezogen ist und sich wenig später vermehrt.

Sind sie Mitglied in einem Mieterverein?

Die Antwort auf diese Frage sollte in jedem Fall „Nein“ lauten.

Sind sie Mitglied einer politischen Partei?

Hier darf nach Lust und Laune gelogen werden. Ist der Vermieter bekennender Veganer und Fahrradfahrer, kommt ein grünes Parteibuch sicher gut. Ansonsten empfiehlt sich politische Neutralität – sie schadet meist am wenigsten.

Kochen Sie gerne?

Selbst wer allabendlich ein Vier-Gänge-Menü fabriziert, muss das an dieser Stelle nicht einräumen. Gegen ein „gelegentliches Spiegelei“ wird allerdings niemand etwas haben.

Haben Sie häufig Besuch?

Oft ist diese Frage der Angst geschuldet, der Mieter könne regelmäßig ausschweifende Partys feiern. Die ideale Antwort daher: „Ich gehe lieber aus – dann muss ich nicht aufräumen.“

Welche Musikrichtung bevorzugen Sie?

Die zielführendste Antwort lautet: „Klassik“. Regelmäßige Besuche beim Heavy-Metal-Festival in Wacken hingegen tun nichts zur Sache.

Die Gegenseite

Was aus Sicht der Mieter an Schikane grenzt, ist für die Eigentümervereinigung Haus und Grund vor allem eines: eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme. Die Angst, sich einen Betrüger in die eigene Wohnung zu holen, ist bei Vermietern allgegenwärtig. "Wir wollen nicht den Mietern zeigen, wo der Hammer hängt, sondern gegen Betrüger vorgehen", sagt der Generalsekretär des Verbandes, Andreas Stücke.

Sein Verband schätzt den jährlichen Gesamtschaden durch sogenannte Mietnomaden auf etwa 400 Millionen Euro. Angesichts dieser Summen sei es durchaus nachvollziehbar, dass Eigentümer bei der Mieterwahl nichts dem Zufall überlassen wollten.

Die Relevanz

Valide Zahlen, wie viele sogenannte Mietnomaden in Deutschland ihr Unwesen treiben sind schwer zu bekommen; Haus & Grund spricht von 15 000 Fällen, der Deutsche Mieterbund von 1000. Fakt ist jedoch: Eigentümer, die betroffen sind, bleiben oft auf horrenden Kosten sitzen. Schäden im fünfstelligen Bereich sind keine Seltenheit.

Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten, das das Bundesbauministerium im vergangenen Jahr in Auftrag gegeben hat. Zugleich veröffentlichte das Ministerium einen Katalog von Ratschlägen, wie sich Vermieter vor Betrügern schützen können. Kernaussage: Wer im Vorfeld des Vertragsschlusses umfangreiche Informationen über den Mietinteressenten einholt, minimiert das Risiko, auf einen Mietnomaden hereinzufallen.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

04.04.2012, 10:38 Uhr

Und wie wäre eine Bonitätsprüfung beim Vermieter?
Schließlich möchte ich als Mieter ja auch wissen, mit wem ich mich da einlasse. Vielleicht läuft gegen den Vermieter ein Insolvenzverfahren, so daß ich mich als Mieter mit einer kostensparenden Heuschrecke abgeben muß?

Mir hatte eine Vermieterin ein Haus vermietet, an dem sie, wie ich im Nachhinein erfuhr, nur ein Nießbrauchrecht hatte. Wir hatten mit ihr die schriftliche Vereinbarung, daß ich das Haus kaufen kann. Ich renovierte also im Vertrauen auf unsere Vereinbarung das Haus auf meine Kosten und als ich es kaufen wollte, durfte ich in die Röhre gucken. Das Haus gehörte ihrem Sohn, der in Australien wohnte und bei ihr war nichts zu holen. Die getroffene Vereinbarung war nichtig. Tja, dumm gelaufen und ca. 150.000,-EUR versenkt. Als wir die Mietzahlungen einstellten, wurden wir verklagt. Der Amtsrichter - ein Nachbar von ihr - trennte kurzerhand das Verfahren in ein Räumungsverfahren und ein Schadensersatzverfahren auf.
Letztlich verglichen wir uns im Schadensersatzverfahren auf einen Bruchteil unserer Kosten, allerdings erst in der II. Instanz. Aber schon damals wurde viel über Mietnomaden geredet. Aber über betrügerische Vermieter wird kaum diskutiert.

Account gelöscht!

04.04.2012, 10:40 Uhr

Wenn man sich erst einmal einen Mietbetrüger eingefangen hat ist es zu spät. Sogar ein nach Monaten/Jahren mühsam erstrittens Urteil bringt nichts, solange der Vermieter nicht 3.000,-€ für einen professionellen Umzug des Mietbetrügers vorschießt. Die Finanzierung einer Wohnung als Altersvorsorge ist somit geplatzt. An der Börse kann man sein Geld stressfreier verlieren.

Account gelöscht!

04.04.2012, 11:02 Uhr

..ein Blick ins Grundbuch und eine den Renovierungskosten entsprechende Dienstbarkeit hätte hier im Vorfeld Abhilfe geschaffen... ...und bei einer solchen Summe wäre ein Vorkaufsrecht sowie eine vertragliche Vereinbarung geboten gewesen...

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