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12.07.2011

12:30 Uhr

Streitfall des Tages

Warum Bahnkunden trotz Reservierung stehen müssen

VonDörte Jochims

„Sitzplatzreservierung - Ihre Garantie für komfortables Reisen“, heißt es bei der Bahn. Von wegen Garantie: Kunden haben kein Recht auf einen Platz und müssen bei Pannen stundenlang stehen. Wie die Bahn Kunden vergrault.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall


Es ist Mitte Juni, als Marianne K. mit ihrem zweijährigen Sohn zum Urlaub an die Nordsee aufbricht. Das Kind liebt Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Denn hier gibt es immer viel zu sehen. Das Gepäck haben sie aufgegeben und Fensterplätze Wochen vorher reserviert.

In Köln steigen beide in den IC 2310, der um 9 Uhr 10 den Bahnhof verlässt. Es ist die einzige durchgehende Zugverbindung, die das Ruhrgebiet mit dem beliebtesten Erholungsgebiet der Rheinländer verbindet. Für die junge Familie beginnt in der Domstadt eine Reise, die sie so schnell nicht vergessen werden.

Der Zug hält in umgekehrter Wagenreihung. Gewarnt werden die Fahrgäste nicht. Mit allem, was beide für den Tag brauchen, kämpft sich die Mutter mühsam durch die endlose Wagenreihe. Das Gepäck muss die Mutter weit entfernt und unbeobachtet zurücklassen. Der Kinderwagen passt nur zusammengeklappt durch die Reihen und ein helfender Schaffner ist nicht in Sicht.

Der Streitfall des Tages: Wenn der Schaffner Jagd auf „Schwarzfahrer“ macht

Der Streitfall des Tages

Wenn der Schaffner Jagd auf „Schwarzfahrer“ macht

Falsch gelöste oder fehlende Tickets sorgen beim Bahnfahren immer wieder für Ärger. Selbst auf dem stillen Örtchen lauern Schaffner den Reisenden auf. Wann Kunden zu Schwarzfahrern werden und wie sie sich wehren können.

Auf dem Weg durch den Zug wird die Frau allmählich nervös: Warum kommen sie nicht zu ihren Sitzplätzen? Eine Durchsage sorgt für Klarheit: Der Waggon, in dem sie die reserviert hatten, fährt nicht mit. Alle Plätze, an denen sie vorbeikommen, sind besetzt oder reserviert. Es ist Urlaubszeit, deshalb empfiehlt die Bahn eine Reservierung. Auch das Mutter-Kind-Abteil ist voll.

In ihrer Not wendet sich die Frau sich an einen Zugbegleiter, der auch nicht helfen kann. Schließlich lässt sich die Reisende erschöpft mit dem mittlerweile laut weinenden Kind auf einen einzelnen freien Sitz nieder. Stundenlang sitzt das Kind auf ihrem Schoß. Trotz aller Unbill hat die Familie Glück: Andere Fahrgäste müssen trotz Platzkarte vier bis sechs Stunden stehen.

Was die Bahn bei Verspätungen zahlt

Rechtliche Grundlage

Wer bei Verspätungen eine Entschädigung in Anspruch nehmen möchte, kann sich auf die so genannten Fahrgastrechte im Eisenbahnverkehr berufen, die Entschädigungen gesetzlich geregelt.

Moderate Verspätungen

Bei einer Verspätung von 60 Minuten können Bahnkunden den vollen Fahrpreis für den Teil verlangen, den sie nicht zurückgelegt haben. Wenn die Fahrt nach dem ursprünglichen Reiseplan keinen Sinn mehr macht, kann der gesamte Fahrpreis erstattet werden.

Lange Verspätungen

Ab 60 Minuten Verspätung beträgt die Mindestentschädigung 25 Prozent des Fahrkartenpreises. Ab 120 Minuten fallen 50 Prozent an. Die Verspätung muss am Ziel der Reise vorliegen. Die Bahnkunden können sich die Entschädigung auch in bar ausbezahlen lassen. Die Eisenbahnunternehmen dürften einen Mindestbetrag festlegen, bei dessen Unterschreiten keine Entschädigung gezahlt wird. Diese liegt bei vier Euro.

Sonderfall Sprinter

Wer einen ICE-Sprinter gebucht hat, hat bereits ab einer Verspätung von 30 Minuten Anspruch auf Rückzahlung des ICE-Sprinter-Aufpreises.

Übernachtungskosten

Ab einer Verspätung von 60 Minuten können Hilfsleistungen in Anspruch genommen werden. Wenn wegen der Verspätung eine Übernachtung erforderlich wird, muss das Unternehmern eine Hotelübernachtung oder eine Unterkunft anbieten. Dabei übernehmen die Eisenbahn-Gesellschaften "angemessene Übernachtungskosten". Ein Luxushotel ist also nicht drin.

Bus- und Taxikosten

Bei einer zu erwartenden Verspätung am Zielort von mindestens 60 Minuten und einer planmäßigen Ankunftszeit zwischen 0 und 5 Uhr, hat der Fahrgast das Recht, ein anderes Verkehrsmittel zu nutzen wie zum Beispiel Bus oder Taxi. Die Kosten hierfür werden bis maximal 80 EUR erstattet. Wenn sich fünf Fahrgäste ein Taxi teilen, übernimmt die Bahn Kosten von insgesamt 400 Euro.

Streik und höhere Gewalt

Achtung: Die Eisenbahn-Gesellschaften müssen keine Entschädigung bezahlen, wenn die Verspätung auf höhere Gewalt zurückgeht. Dazu gehört zum Beispiel ein Sturm oder ein unvorhergesehener Streik.

Was Kunden beachten sollten

Kunden wenden sich an das Servicecenter Fahrgastrechte, eine gemeinsame Servicestelle der Deutschen Bahn sowie 44 Privatbahnen. Dort müssen sie die Fahrkarte und das "Fahrgastrechte-Formular" einreichen. Die Verspätung muss dabei nicht gesondert vorab bestätigt worden sein. Für das Einreichen von Belegen gilt eine Frist von zwölf Monaten. Wer dagegen direkt bei den Servicecentern die Entschädigung geltend machen möchte, muss sich die Verspätung vom Bahnpersonal bestätigen lassen. Wird eine Übernachtung notwendig, fragen die Kunden beim Service Point im Bahnhof nach. Auch bei Verspätungen, die unterhalb von 60 Minuten liegen oder anderen Kritikpunkten, können sich Kunden beschweren und auf eine Kulanzregelung hoffen. Servicecenter Fahrgastrechte, 60647 Frankfurt am Main, www.fahrgastrechte.info.

Kommentare (5)

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12.07.2011, 11:54 Uhr

Und schon weiß ich doch wieder, warum ich alles, was nur geht, mit dem Auto bestreite...

FlinkFlinkerFlinc

12.07.2011, 13:16 Uhr

U- und S-Bahnen in Ballungsgebieten sind alternativlos. Aber gerade die Bahn ist ein Anachronismus. In wenigen Jahren werden nur noch Güter über Gleise rollen. Reisen wird billiger und unkomplizierter werden: hier ein Blick in die Zukunft: http://www.flinc.org/de/

Account gelöscht!

12.07.2011, 13:30 Uhr

Wenn ein Unternehmen sich solche Mühe gibt, seine Kunden abzuwimmeln, dann sollte man seinen Wünschen folgen.

Mit dieser Chaos-Forma mache ich schon seit Jahren nur noch im Notfall Geschäfte: Lieber mit der S-Bahn rumärgern, als in der Stadt keinen Parkplatz finden. Die Zeiten, da ich mit der Bahn jedes Jahr viele 1000 km fuhr, sind lange vorbei.

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