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27.10.2011

12:43 Uhr

Streitfall des Tages

Warum Flugreisende 1342 Tage warten mussten

VonUlrich Lohrer

Streik, schlechtes Wetter, technische Probleme - Die Zahl der Flugverspätungen ist in diesem Jahr rasant gestiegen. Reisende müssen das nicht akzeptieren. Wann die Fluggesellschaft einen Ausgleich zahlen muss.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall


Aufgrund von technischen Problemen verzögerte sich der Abflug eines Passagierflugzeugs auf dem Flughafen München um über drei Stunden. Nachdem die Fluggesellschaft eine Entschädigung verweigert hatte, klagte ein Betroffener vor dem zuständigen Amtsgericht Erding und bekam eine Ausgleichszahlung zugesprochen.

Das Gericht (Az 3 C 1009/10/ vom 26. April 2011) begründete seine Entscheidung mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs, wonach Passagiere verspäteter Flüge den Passagieren annullierter Flüge gleichgestellt werden sollten und einen Ausgleichsanspruch hätten.


Die Relevanz


Im vergangenen Jahr lag der Durchschnittwert einer Verspätung in Europa bei 33 Minuten. Das entspricht der europäischen Luftverkehrskontrollbehörde Eurocontrol zufolge einer Verschlechterung gegenüber dem Jahr 2009 von 17 Prozent. 44,8 Prozent der Flüge hatten fünf Minuten und mehr Verspätung. 23 Prozent aller Flüge verzögerten sich gar über 15 Minuten. Zum Vergleich: 2009 waren es erst 18 Prozent.

Die Gründe für den drastischen Anstieg der Flugverspätungen sieht Eurocontrol in dem strengen Winter, der zu Beginn des Jahres 2010 die Luftfahrt behinderte. Im April war es zudem der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajokull, der zu rund 100.000 Flugannullierungen führte.

Im Sommer verursachten Streiks in Frankreich, Spanien und Griechenland weitere Flugverspätungen. Und schließlich legte der frühe Wintereinbruch im November 2010 erneut den Flugverkehr über mehrere Tage lahm. In Deutschland nahmen die Verspätungen sogar noch deutlich stärker zu.

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Nach der Statistik des Bundesverkehrsministerium summierten sich die Verspätungen der Flugzeuge im vergangenen Jahr in Deutschland auf insgesamt 1342 Tage. Das waren 62 Prozent mehr als im Jahr 2009, als 828 Tage Verspätung anfielen.

Die meisten Verspätungen gab es demnach am größten Flughafen Deutschlands, Frankfurt/Main. Dort mussten Fluggäste insgesamt 906 Tage auf verspätete Flüge warten. An zweiter Stelle lag München mit 181 Tagen. Danach folgten Düsseldorf (109), Berlin-Tegel (76), Hamburg (50), Köln/Bonn (8) und Stuttgart (4 Tage). Der Statistik zufolge verursachte schlechtes Wetter die häufigsten Wartezeiten. Allein in Frankfurt kam es wegen der Wetterlage zu Verspätungen von insgesamt 757 Tagen. Nur in Düsseldorf war der häufigste Grund für Verspätungen die zu geringe Flughafenkapazität.

Auch in diesem Jahr droht ein weiterer Anstieg der Verspätungen. Allein bis Ende Juli summierten sich die Wartezeiten an den deutschen Airports dem Bericht zufolge schon auf 730 Tage.

Recht auf Pünktlichkeit

Ausgleichsbetrag

Wer erst mit drei Stunden Verspätung oder mehr sein Ziel erreicht, hat nach dem Urteil der EuGH ( vom 19. November 2009: C‑402/07 und C‑432/07) Anspruch auf folgende Ausgleichszahlungen: Bei Flügen bis 1500 Kilometer Entfernung können 250 Euro verlangt werden. Bis 3500 km gibt es 400 Euro, darüber hinaus 600 Euro. Je nach „Schaden“ kann die Ausgleich unterschiedlich anfallen. Eine Entschädigung von 1.200 Euro hat ein Ehepaar beim Amtsgericht Frankfurt (AZ 29 C 2050/10-19) für eine 18-stündige Flug-Verspätung erstritten.

Streik

Ein Ausfall oder Verspätung eines Flugs aufgrund eines Streiks, etwa der Fluglotsen, ist nach herrschender Meinung der Juristen „höhere Gewalt“. Die betroffenen Passagiere können dafür keinen Ausgleich von der Fluggesellschaft verlangen.

Schlechtes Wetter

Verspätungen oder Flugstornierungen aufgrund von Sturm oder Schneefall werden in der Regel als von der Airline unverschuldet angesehen und lösen daher keinen Ausgleichsanspruch aus.

Nachweis

Fluggäste, die einen Ersatzanspruch gelten machen wollen, müssen in der Regel die Verspätung nachweisen können. Dieser Nachweis kann in der Ausstellung neuer Bordkarten und geänderten Flugnummern und Gepäckscheinen liegen. Am Counter werden die alten Flugtickets vom Airline-Personal zumeist sofort vernichtet. Es empfiehlt sich deshalb zuvor als Nachweis die Gepäckscheine abzutrennen. Flugpassagiere können sich aber auch eine mehr als dreistündige Verspätung am Airline-Counter bestätigen lassen. Der Erstattungsanspruch ist immer an die Fluggesellschaft zu richten.

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