Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.02.2012

16:56 Uhr

Streitfall des Tages

Wenn der Staat bei den Erben die Hand aufhält

VonCatrin Gesellensetter

Nicht nur über die Erbschaftsteuer macht der Staat mit dem Tod seiner Bürger beste Geschäfte – er verdient auch an jedem Erbschein. Ärgerlich, denn das Dokument wird oft nicht gebraucht. Was Erben zahlen müssen.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.


Der Fall

Der Anruf aus dem Krankenhaus lag gerade einmal 24 Stunden zurück. Doch Rainer Helle, der gerade seine Frau verloren hatte, funktionierte wie eine Maschine. Er holte den schwarzen Anzug aus dem Schrank und begann mit der Arbeit.

Zunächst erledigte er die wichtigsten Behördengänge. Zwar hatten seine Frau und er gut vorgesorgt – die beiden hatten ein gemeinschaftliches Testament errichtet; auch gab es eine notariell beurkundete Vorsorgevormacht, um sich und die beiden Töchter optimal abzusichern. Doch der postmortale Papierkrieg ließ sich wohl nicht vollständig verhindern.

Sein erster Weg führte Helle daher zum Nachlassgericht. Er kämpfte sich durch die zahllosen Formulare – und beantragte schließlich – auf Anraten des Rechtspflegers („damit mit machen Sie nichts falsch“) - auch einen Erbschein. Seine Gattin hatte schließlich ein erhebliches Vermögen hinterlassen – da wollte Helle auf der sicheren Seite sein.

Dass er mit diesem Antrag vermutlich ein paar Tausend Euro verschenkt hatte, war dem Witwer zu diesem Zeitpunkt nicht klar – denn in seinem Fall hätte er auf einen Erbschein durchaus verzichten können.

Das ABC der Erben

Alleinerbe

Alleinerbe ist, wie der Name schon sagt, derjenige, der die gesamte Erbmasse allein übernimmt. Möglich ist das, wenn ein entsprechendes Testament vorliegt oder wenn es nur einen gesetzlichen Erben (zum Beispiel Vater, Mutter, Kind oder Ehegatten) gibt.

Erbengemeinschaft

Erben mehrere Personen bilden sie eine sogenannte Erbengemeinschaft. Das bedeutet: Der gesamte Nachlass steht zunächst allen gemeinsam zu. Aus diesem Grund kann die Erbengemeinschaft auch nur zusammen rechtswirksam handeln kann. Um Wohnungen zu vermieten, Autos zu verkaufen oder Häuser zu verwalten ist meist eine einstimmige Entscheidung aller Beteiligten erforderlich. Sind sich die Erben untereinander spinnefeind – was fast schon die Regel ist – sind Streitigkeiten programmiert. Experten empfehlen daher, durch entsprechende testamentarische Anordnungen eine solche Konstellation wenn möglich zu vermeiden.

Erbschein

Der Erbschein ist ein amtliches Zeugnis des Nachlassgerichts und wirkt wie ein Ausweis über das Erbrecht einer oder mehrerer Personen. Auch Beschränkungen des Erbrechts, zum Beispiel durch eine Testamentsvollstreckung, sind hier vermerkt. In Stein gemeißelt ist die Aussage dieses Dokuments allerdings nicht: Erweist sich der Erbschein als unrichtig, muss das Nachlassgericht den Erbschein einzuziehen. Die entstandenen Kosten werden in diesem Fall nicht erstattet.

Testament

Der letzte Wille eines Menschen ist nur wirksam, wenn er den strengen Formvorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuchs genügt. Denkbar ist zum einen das handschriftliche (eigenhändige)Testament. Alternativ besteht die Möglichkeit, den letzten Willen von einem Notar beurkunden zu lassen. Eine Sonderform des Testaments ist das gemeinschaftliche Testament, das oft von Eheleuten erstellt wird. Auf diese Weise lassen sich wichtige Familienangelegenheiten einvernehmlich regeln. Nachteil: Gemeinschaftliche Testamente können grundsätzlich auch nur gemeinsam widerrufen werden.

Vorsorgevollmacht

Eine Vorsorgevollmacht ermöglicht es einer Vertrauensperson des Vollmachtgebers, für diesen zu handeln, falls er selbst nicht mehr in der Lage ist, seinen Willen zu äußern – sei es, weil er schwer erkrankt oder eben verstorben ist. Eine Vorsorgevollmacht muss grundsätzlich schriftlich erteilt und dem Bevollmächtigten ausgehändigt werden, damit dieser sich im Ernstfall auch als Vertrauensperson legitimieren kann Für maximale Rechtssicherheit empfiehlt es sich zudem, von den beteiligten Banken eine Bestätigung anzufordern, damit die Institute die Vollmacht im Ernstfall auch wirklich akzeptieren. Wichtig: Soll der Bevollmächtigte auch Immobiliengeschäfte abwickeln können, schreibt das Gesetz eine notarielle Beurkundung der Vollmacht vor.

Die Gegenseite

Mario Blödtner ist Bundesgeschäftsführer beim Bund Deutscher Rechtspfleger e.V. Sein Berufsstand ist an den Nachlassgerichten unter anderem dafür zuständig, Erben die richtigen Formulare an die Hand zu geben – und gegebenenfalls dafür zu sorgen, dass diese einen Erbschein beantragen.

Seine Erfahrung: „In 90 Prozent aller Fälle ist ein Erbschein unentbehrlich“. Der Grund: „Der Gesetzgeber sieht den Erbschein als das einzige, allgemein anerkannte Legitimationspapier an, das einen Erben als Erben ausweist.“ Zwar gebe es vereinzelt Konstellationen, in denen – etwa weil ein Testament oder eine Vorsorgevollmacht vorhanden sei – auf ein solches Dokument verzichtet werden könne.

Streitfall des Tages: Wie Erbschleicher Vertrauen missbrauchen

Streitfall des Tages

Wie Erbschleicher Vertrauen missbrauchen

Weil sie auf Hilfe angewiesen sind, stellen immer mehr ältere Menschen eine Vorsorgevollmacht an Personen ihres Vertrauens aus. Oft wird dieses Vertrauen von Erbschleichern missbraucht. Was Erben wissen müssen.

Diese Fälle seien aber sehr selten. Vor allem, wenn größere Vermögen vorhanden seien, komme ein Erbe nicht um das Dokument herum. „Banken akzeptieren keine anderen Papiere“, so der Rechtspfleger. Sein Fazit: „Wer zeitnah beim Nachlassgericht einen Erbschein beantragt, ist auf der sicheren Seite, auch wenn der Schein natürlich mit Kosten verbunden ist.“

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

VielGravierenderIst

03.02.2012, 21:52 Uhr

Viel gravierender als der Staat, in Kumpanei mit den Nachlasspflegern, ist das Beuteschema der
professionellen Erbensucher, die sich ein Honorar von
25% des Erbes genehmigen + Spesen, auch bei einfachen Fällen.
Da es sich oftmals um betagte Leute handelt,
kann man diese gut über den Tisch ziehen.
Hier finden Betrügereien statt, die einer Veröffentlichung
in der Presse würdig wären, weil sie gerne im Dunkeln arbeiten.
Das ist ein Ausbeutungsgeschaäft, wo es um 100te Millionen geht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×