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05.06.2012

12:14 Uhr

Streitfall des Tages

Wenn der Veranstalter die Reise verkürzt

VonUlrich Lohrer

Viele Pauschalreiseanbieter muten ihren Gästen scheinbar willkürliche Flugänderungen zu. Sie verkürzen den Urlaub und rauben den Passagieren den Schlaf. Ein höchstrichterliches Urteil macht Betroffenen jetzt Hoffnung.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall

Reisende müssen sich ihren Urlaub nicht vermiesen lassen, auch wenn sie sich nicht an das Kleingedruckte in den Verträgen halten. Das dachte sich zumindest ein Mann, der im Februar 2009 für sich und seine Lebensgefährtin bei einem Reiseveranstalter eine einwöchige Pauschalreise in die Türkei buchte. 369 Euro pro Person zahlte der Kunde.

Der Rückflug war für den 1. Juni 2009, 16.40 Uhr vereinbart. Soweit der Plan. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Vertrages behielt sich der Veranstalter die kurzfristige Änderung der Flugzeiten und Streckenführung vor - Wenn dadurch der Gesamtzuschnitt der Reise nicht beeinträchtigt werde. Die Klauseln sahen vor, dass Kunden in diesem Falle keine Ansprüche geltend machen dürften.

Warum sich der Flug verspätet

Verursacher für Flug-Verspätungen

Die europäische Luftverkehrskontrollbehörde Eurocontrol in Brüssel wertet monatlich die Flugverspätungen in europäischen Flughäfen aus. Hier die durchschnittlichen Verspätungen aufgrund der jeweiligen Ursache.

Kettenreaktion

Mit „Reactionary“ ist der verspätete Start wegen später Landungen anderer Flüge gemeint. Im Durchschnitt waren dies im Februar 2012 5,06 Minuten (Februar 2011: 3,78 Minuten).

Fluglinie

Durch verspätete Starts und Landungen hatten die Fluglinien im Februar 2012 genau 2,68 Minuten (2,41 Minuten) an Verspätung verursacht.

Wetter

Im Durchschnitt verspäteten sich 1,22 Minuten (0,45 Minuten) der Flüge wegen schlechten Wetters.

Start-Flughafen

Auf das Konto der Flughäfen gingen 0,61 Minuten (0,51 Minuten) der Verspätungen.

Andere Flughäfen

Verspätungen anderer Flughäfen wirkten sich mit 0,25 Minuten (0,28 Minuten) aus.

Regierung

Aufgrund von Maßnahmen der jeweiligen Regierung gab es eine Verspätung von durchschnittlich 0,23 Minuten (0,22 Minuten).

Gegen Urlaubsende bekamen die Reisende eine unerfreuliche Nachricht vom Veranstalter: Der Rückflug wurde am einen Tag früher auf 5.15 Uhr am Morgen vorverlegt. Die Reisenden hätten um 1.25 Uhr in der Nacht am Hotel abgeholt werden sollten. Warum eine Nacht nicht schlafen, wenn es doch Ersatzflüge gibt? Die Urlauber bemühten sich um einen anderen Rückflug, den sie an dem vorgesehenen Rückflugtag um 14.00 Uhr antraten und selbst bezahlten. Die Frau forderte für sich und ihren Partner vom Reiseveranstalter Schadensersatz. Nach Geltendmachung von Reisemängeln zahlte der Veranstalter aber lediglich 42,16 Euro.

Darauf ging die geschädigte Urlauberin vor Gericht und verlangte vom Veranstalter unter anderem die Rückzahlung des gesamten Reisepreises abzüglich 70 Euro für in Anspruch genommene Verpflegungsleistungen, die Erstattung von insgesamt 504,52 Euro Rücktransportkosten sowie Entschädigung wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit in Höhe von 480,80 Euro für sich selbst und 2.193,10 Euro für ihren Lebensgefährten. Das Amtsgericht sprach der Klägerin jedoch nur 25 Euro wegen Minderung des Reisepreises zu.

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Die Betroffene prozessierte durch alle Instanzen. In seinem Urteil vom 17.04.2012 hob nun der Bundesgerichtshof (Az. X ZR 76/11) das Berufungsurteil teilweise auf und verwies den Fall zur Vorinstanz zurück. Dabei stellte der BGH grundsätzlich fest: Die Vorverlegung des Flugs um mehr als zehn Stunden sei ein Reisemangel. Betroffene seien grundsätzlich zur Selbstabhilfe und zur Erstattung der mit dem selbst organisierten Rückflug entstandenen Kosten berechtigt.

Wo Passagiere warten müssen

Europas unpünktlichste Flughäfen: Abflüge

Nach einer Statistik der Flugbehörde Eurocontrol liegen die Flughäfen mit den häufigsten Verspätungen in den klassischen Pauschalurlaubsorten. Es folgen die Flughäfen mit den im Schnitt spätesten Abflügen und Landungen. Die Daten sind von 2010.

Platz 1: Teneriffa Süd

Auf der Urlaubsinsel müssen Touristen am längsten warten.

Durchschnitts-Verspätung aller Abflüge: 29,7 Minuten

Anteil verspäteter Abflüge am Gesamtflugaufkommen: 54,3 Prozent

Platz 2: Las Palmas (Gran Canaria)

Durchschnitts-Verspätung aller Abflüge: 28,0 Minuten

Anteil verspäteter Abflüge am Gesamtflugaufkommen: 58,7 Prozent

Platz 3: New York JFK (USA)

Durchschnitts-Verspätung aller Abflüge: 25,5 Minuten
Anteil verspäteter Abflüge am Gesamtflugaufkommen: 47,4 Prozent

Platz 4: Casablanca (Marokko)

Durchschnitts-Verspätung aller Abflüge: 23,3 Minuten
Anteil verspäteter Abflüge am Gesamtflugaufkommen: 56,3 Prozent

Platz 5: Tunis (Tunesien)

Durchschnitts-Verspätung aller Abflüge: 23,2 Minuten
Anteil verspäteter Abflüge am Gesamtflugaufkommen: 58,0 Prozent

Platz 19: Berlin-Schönefeld

Zum Vergleich: Der schlechteste deutsche Airport ist Berlin Schönefeld.
Durchschnitts-Verspätung aller Abflüge 18,1 Minuten

Anteil verspäteter Abflüge am Gesamtflugaufkommen: 46,8 Prozent

Die Bedingung: Dem Reiseveranstalter müsse eine Abhilfefrist gesetzt werden. Der niedrige Reisepreis spiele keine Rolle: Bei Reisemängeln komme es darauf an, welchen Anteil das Ärgernis in Relation zur gesamten Reiseleistung gehabt und wie gravierend sich der Mangel für den Reisenden ausgewirkt habe.

Das Berufungsgericht solle nun prüfen, ob die Reisenden dem Veranstalter eine Frist zur Abhilfe gesetzt hätten oder diese nach den Umständen entbehrlich gewesen sei, sowie in welcher Höhe Kosten für den Rückflug tatsächlich angefallen seien.

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