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29.02.2012

17:00 Uhr

Streitfall des Tages

Wenn der Versicherer nach einem Einbruch mauert

VonNicole Wildberger

Die Zahl der Einbrüche steigt. Die Schäden von Diebstahl und Vandalismus können Tausende Euro betragen. Viele Versicherer lehnen eine Regulierung aber aus fadenscheinigen Gründe ab. Wie Versicherte an ihr Geld kommen.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.


Der Fall


Der Schreck war groß als Hartmut und Hannelore Wieland* vom Kaffeekränzchen zurückkamen. Schon beim Öffnen der Wohnungstür merkt das Rentner-Ehepaar, dass im eigenen Haus etwas nicht stimmt – die Teppiche sind aufgeworfen, zwei Vasen liegen zerbrochen im Windfang, der Eingangsschrank ist demoliert.

Die Polizei, die die beiden sofort verständigen, ermittelt später, dass das Sicherheitsschloss an der Gartentür im Untergeschoss des Hauses von den Einbrechern geknackt und drei bis vier Männer das gesamte Heim der Familie gründlich nach Wertgegenständen untersucht haben – bis auf die Unterwäsche der Wielands.

Die beiden unterrichten umgehend ihre Hausratversicherung über den Zwischenfall und legen eine Liste der gestohlenen Gegenstände sowie der zerstörten Hauseinrichtung vor. Dabei kommt es zum Streit mit der Hausratversicherung, die behauptet, dass alleine die Existenz eines Schlosses nicht zur Sicherung einer Immobilie ausreiche.
* Name ist der Redeaktion bekannt


Die Relevanz


Treffen kann es jeden: Auch Ex-Bundesminister Genscher wurde im März 2011 Opfer von Wohnungseinbrechern. Durchschnittlich alle vier Minuten wird in Deutschland ein Wohnungseinbruch verübt. Dieser Klassiker aus der Verbrechenswelt erlebt sogar gerade eine Renaissance.

Entgegen der allgemeinen Entwicklung, nach der Straftaten bundesweit um zwei Prozent auf rund 5,9 Millionen Delikte zurückgegangen sind, wurden nach der polizeilichen Kriminalstatistik fast sieben Prozent mehr Wohnungseinbrüche begangen – rund 123.000 Delikte dieser Art allein in 2010. Betroffen sind vor allem Großstädter und Villenbesitzer.

Streitfall des Tages: Warum Patienten stundenlang beim Arzt warten

Streitfall des Tages

Warum Patienten stundenlang beim Arzt warten

Wer mit akuten Beschwerden in eine Praxis kommt, muss oft lange warten. Gesetzlich Versicherte können froh sein, wenn sie noch am selben Tag behandelt werden. Was sich Patienten bieten lassen müssen - und was nicht.

Den finanziellen Schaden beziffert der Gesamtverband der Versicherer, in dem rund 480 Gesellschaften vertreten sind, auf insgesamt knapp eine halbe Milliarde Euro im Jahr. „Das ist das Ergebnis der Hausratversicherungen – die Schäden werden in der Tendenz größer, weil sich in immer mehr Haushalten teure elektronische Geräte befinden“, erklärt der Einbruchspezialist des GdV, Christian Lübke. Dabei wird jedes einzelne Einbruchsopfer im Durchschnitt um circa 1.225 Euro geschädigt.

Und um die Erstattung dieses Schadens gibt es immer häufiger Streit. Eine genaue Kenntnis der Vertragsbedingungen ist unabdingbar – sonst riskiert der Versicherte, dass ihm am Ende nur wenig des ersetzt wird. Und auch einige Grundsatzentscheidungen, die nachfolgend zusammengestellt wurden.

Die Rechtslage

Zahlreiche Urteile zeigen, wann der Versicherer zahlen muss, und wann nicht.

KT Galerie

Schloss reicht nicht

Auch wenn eine Immobilie mit einem Schloss gesichert war - dieses Faktum allein reicht nicht aus, um einen Anspruch gegenüber der eigenen Versicherung zu begründen. Handelt es sich um ein völlig marodes, verrostetes Schloss, dann muss der Eigentümer den Schaden selbst tragen. Gerichte legen Wert darauf, dass der Einbrecher bei der Tat "eine dem Hindernis angemessene Kraftanstrengung" aufbringen musste. Das Landgericht Essen (Aktenzeichen 15 S 297/08) verweigerte einem Garagenbesitzer, dem vier Autorreifen gestohlen worden waren, mit dieser Begründung den Schadenersatz. Die korrodierten Verschlussbolzen des Tores hätten es dem Dieb zu leicht gemacht.

Liegt überhaupt ein Einbruch vor?

Es muss unzweifelhaft feststehen, dass überhaupt ein Einbruch vorliegt. So konnte bei einem Fall im Rheinland trotz entsprechender polizeilicher Untersuchung nicht festgestellt werden, wie ein Unbefugter in die Wohnung eingedrungen sein soll. Das Türschloss wies keine entsprechenden Spuren auf und auch die vorhandenen Schlüssel waren nach den Angaben eines Sachverständigen nicht heimlich von irgendjemandem dupliziert worden. Das Oberlandesgericht Köln (Aktenzeichen 9 U 125/10) ging deswegen davon aus, dass weder ein klassischer Einbruch noch ein so genannter Nachschlüsseldiebstahl vorliegen konnte. Der geforderte Schadenersatz in Höhe von knapp 50.000 Euro wurde nicht ersetzt.

Wohngebäude wurde beim Einbruch beschädigt?

Wurden bei einem Einbruch auch Gebäudebestandteile beschädigt, dann kann man sich durchaus an seine Versicherung wenden. Das Amtsgericht Karlsruhe (Aktenzeichen 6 C 535/10) urteilte allerdings, dass solche Forderungen erst dann erhoben werden können, "wenn sie dem Versicherungsnehmer tatsächlich entstanden sind". Im vorliegenden Fall hatte der Betroffene rund 1.000 Euro geltend gemacht, ohne dass ein beschädigtes Garagentor repariert worden wäre. Der zuständige Richter stellte im Urteil fest, die Versicherung sei nicht zum "Ersatz von fiktiven Reparaturkosten" verpflichtet, zumal noch nicht einmal ein Kostenvoranschlag vorgelegen habe.

Dauerhafte Ersatzlösung statt Schadenersatz

Kommt ein Versicherter mit einer reparierten Ersatzlösungüber Jahre hinweg gut zurecht, dann kann der Schadenersatz ebenfalls entfallen. Im vorliegenden Fall war eine Türe beschädigt worden - Der Betroffene hatte eine ursprünglich industriell eingebrachte Niete, die beim Einbruch zerstört worden war, durch eine andere Niete ersetzt. Nach Ansicht des Oberlandesgerichts Köln (Aktenzeichen 9 U 241/10) funktionierte die Türe "einwandfrei". Die Reparaturmethode sei deswegen offenkundig geeignet und ein kompletter Austausch der Türe nicht erforderlich.

Falsche Angaben des Maklers trägt Versicherungsnehmer

Und wenn die Zeit noch so knapp ist – Formularverträge sollten Versicherungsnehmer immer selbst durchlesen, auch wenn sie die Formulare gar nicht selbst ausfüllen, sondern ein Makler diese Aufgabe für sie übernimmt. Falsche Angaben in den Formularen können sich nämlich rächen, wenn der Versicherungsfall eintritt. Hat nämlich der Makler einen Fehler gemacht, so muss sich das der Versicherte selbst anrechnen lassen - und geht unter Umständen leer aus. So entschied es das Oberlandesgericht Frankfurt/Main (Aktenzeichen 3 U 68/08). Im konkreten Fall war der Antragsteller beim Abschluss einer Hausratversicherung nach den Vorschäden in den zurückliegenden fünf Jahren gefragt worden. Auf dem Formular fehlten dann allerdings zwei Einbruchsdiebstähle aus diesem Zeitraum mit Schäden in Höhe von 1.400 und 5.300 Euro. Das kam einer arglistigen Täuschung gleich, entschieden die Richter. Daher gab es für den neuen Schadensfall kein Geld.

Katzenklappt als Einbruchstor

Wenn Immobilienbesitzer den Einbrechern auch völlig unwissentlich die Arbeit erleichtern, kann das im Versicherungsfall schlimme Folgen haben. Ein Mann ließ eine Katzenklappe in seine Wohnungstüre einbauen ließ. Die Öffnung dieser Katzenklappe lag 80 Zentimeter über dem Boden und ermöglichte es einem Eindringling, mit den Armen hindurchzugreifen und ein Fenster zu öffnen. So konnte der Straftäter mühelos eindringen. Nach Überzeugung des Amtsgerichts Dortmund (Aktenzeichen 433 C 10580/07) handelte es sich von Seiten des Versicherten um eine grobe Fahrlässigkeit. Die gestohlenen Gegenstände im Wert von etwa 1.500 Euro mussten nicht ersetzt werden.

Rabiate Einbruchmethoden unterliegen nur im Einzelfall Hausratversicherung

Nach einem Einbruch machte ein Wohnungsbesitzer gegenüber seiner Versicherung Kratzer im Parkettboden geltend – die Schäden seien beim Aufstemmen der Türe entstanden. Das Amtsgericht Hannover bestellte einen Sachverständigen (Aktenzeichen 502 C 3388/09), der zwar nicht völlig ausschließen konnte, dass es sich um Einbruchsspuren handle. Er hielt es jedoch ebenso für möglich, dass Steine unter Schuhsolen im Laufe der Zeit die Kratzer auf dem sieben bis acht Jahre alten Parkettboden verursacht hatten. Dieser Erklärung schloss sich das Gericht an.

Keine abweichende Aussagen gegenüber Polizei und Versicherung

Abweichende Aussagen gegenüber Polizei und Versicherung kann das Einbruchsopfer im schlimmsten Falle den Versicherungsschutz kosten. Das Landgericht Lübeck (Aktenzeichen 4 O 358/10) entdeckte "diverse Widersprüche und Ungereimtheiten". So hatte zum Beispiel der Betroffene bei der polizeilichen Vernehmung behauptet, im Safe seien die Einnahmen aus zwei Pkw-Verkäufen deponiert gewesen, während in der Klageschrift nur noch von 2.700 Euro Bargeld die Rede war. Im Urteil hieß es schließlich: "Den Vollbeweis des behaupteten Diebstahls zu führen ist der Kläger offensichtlich nicht in der Lage, so dass die Klage keine Aussicht auf Erfolg hat und abzuweisen ist."

Kommentare (3)

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danke_dir...

29.02.2012, 18:34 Uhr

Man nehme einen Einzelfall, verschweige jegleichen Hergang oder Details und stellt dann die Versicherung so dar, als wäre das eine gängige Praxis erst einmal jede Ausflucht zu suchen. Quatsch! Sicher gibt es teilweise problematische Fälle. Auch Tathergänge, welche juristisch gesehen nicht einen ED oder Raub begründen (z.B. Trickdiebstahl). Aber das heilt nicht diese journalistisch ganz schwache Vorstellung hier. Schade, man hätte es gut machen können. Die Info-Boxen sind schon mal ein Anfang.

GGF-JJ

29.02.2012, 20:44 Uhr

Wir beobachten die Schadensregulierung der AXA und Allianz bei Großschäden.

Aufgrund dieser Erfahrung habe ich meine pers. Versicherungen wie Hausrat und Unfall gekündige bzw. nicht abgeschlossen.

Ich mag mich im Großschadensfall nicht Jahrzehnte mit den Versicherer streiten....

Haftpflicht ist ja ganz ok.

Aschli

01.03.2012, 14:48 Uhr

Danke, dass Sie für das Thema sensibilisieren. Letztlich bleiben Sie aber recht pauschal und auch indifferent, für welche Zielgruppe Sie schreiben. Der Schaden eines durchschnittlichen Handelsblatt-Lesers dürfte deutlich höher als die von Ihnen zitierten 1.225 Euro ausfallen. Insofern ist das Thema der pauschalen Wertermittlung sicher nicht passend, da bei dieser Klientel insbesondere Wertgegenstände (z.B. Schmuck, Uhren, Kunst) individuell betrachtet werden müssen. Kunden, die jedoch tatsächlich einen 1.225 Euro-Schaden haben, dürften sich über die Erstattung sehr freuen, da es vermutlich einem Netto-Monatsgehalt entspricht und deswegen zwar nicht Existenz bedrohend, aber doch schmerzlich ist. Fazit: Verallgemeinerungen durch Presse oder Verbraucherschützer helfen nicht weiter. Individuelle Beratung durch Fachleute hingegen schon. Und mit dem richtigen Fachmann an der Seite, wird der Versicherungskunde auch im Schadenfall in angemessener Zeit zu einer zufrieden stellenden Entschädigung kommen.

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