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05.07.2012

11:09 Uhr

Streitfall des Tages

Wenn Doktors Liebling das Geld ausgeht

VonCatrin Gesellensetter

Privatpatienten, die einen Teil ihrer Arztkosten selbst bezahlen, werden mit niedrigeren Versicherungsbeiträgen belohnt. Eigentlich eine gute Sache. Nur kann das vermeintliche Sparmodell schnell zur Kostenfalle werden.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall
Es gibt zwei Worte, die Jörgen Schäuer gerne und häufig gebraucht. Eigenverantwortung und Bevormundung. Erstere schätzt er sehr, letztere weniger. Folgerichtig hat sich der selbstständige Unternehmensberater frühzeitig aus der gesetzlichen Krankenversicherung verabschiedet und stattdessen einen Vertrag bei einer privaten Gesellschaft abgeschlossen.

Die Tatsache, dass der Gesundheitsschutz dort auch noch deutlich günstiger war, als im gesetzlichen System hat ihm die Entscheidung erleichtert. Knapp 100 Euro monatlich zahlte Schäuer kurz nach seinem Wechsel für seinen Gesundheitsschutz. Ein extrem niedriger Wert, den der Freelancer nur deshalb festzurren konnte, weil er versprach, Arztkosten bis zu 2.000 Euro jährlich aus eigener Tasche zu zahlen – ganz im Sinne der Eigenverantwortung.

Strategien gegen steigende Beiträge

Tarifwechsel

Um junge, gesunde Gutverdiener anzulocken legen die Gesellschaften regelmäßig neue Tarife auf, die zwar vergleichbaren Leistungen beinhalten wie ältere Produkte, aber deutlich weniger kosten. Wer sich seinen alten Tarif zugunsten eines solchen neuen Angebots verlässt kann seine Kosten erheblich senken – ohne Abstriche bei den gewohnten medizinischen Leistungen machen zu müssen.

Leistungen abspecken

So mancher Luxustarif kommt auch für Leistungen auf, die zwar nett, aber nicht zwingend notwendig sind. Wird der Gesundheitsschutz zu teuer, können Versicherte hier den Rotstift ansetzen.

Abstriche allerdings nur in Bereichen mit kalkulierbaren Ausgaben zu empfehlen: Wer etwa die Kosten für Zahnersatz mit dem Höchstsatz von 90 Prozent abgesichert hat, aber ein perfektes Gebiss besitzt, kann die Quote durchaus verringern und damit seine Beiträge senken. Gleiches gilt bei Zuschüssen für Brillen und Sehhilfen. Auch der Umstieg von Ein- aufs Zweibettzimmer in der Klinik hilft sparen.

Die Gesellschaft wechseln

Um es vorweg zu nehmen: In der Regel ist der Wechsel von einer Gesellschaft zur anderen keine gute Idee. Erstens, weil Neukunden bei jedem Versicherer eine Gesundheitsprüfung durchlaufen müssen, zweitens, weil durch einen Übertritt das Finanzpolster verloren geht, das Versicherer für ihre Kunden bilden müssen, um Beitragssteigerungen im Alter gering zu halten.

Allenfalls bei sehr großen Leistungsunterschieden zwischen den Anbietern kann ein Wechsel dennoch lohnen – und auch nur dann, wenn der Kunde jung und gesund ist. Faustregel: Um die Verluste bei den Alterungsrückstellungen überschaubar zu halten, sollte die Police beim Übertritt nicht älter als etwa fünf Jahre sein.

Den Basistarif wählen

Wem die Kosten für seine Versicherung über den Kopf wachsen, kann zudem in den sogenannten Basistarif seiner Gesellschaft wechseln. Kunden erhalten dort im Wesentlichen dieselben Leistungen wie ein Kassenpatient. Entsprechend darf der Tarif maximal so viel kosten wie der Höchstbeitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung, derzeit also rund 593 Euro pro Monat.

Zurück in die Kasse

Die Rückkehr ins staatliche System ist nur möglich, wenn der Versicherte unter 55 ist und seine Einkommen dauerhaft unter die sogenannte Versicherungspflichtgrenze sinkt. Dieser Begriff bezeichnet jene Einkommensgrenze, bis zu der Arbeitnehmer in der gesetzlichen Krankenversicherung pflichtversichert sind. 2012 liegt dieser Wert bei 50 850 Euro Jahresbrutto, beziehungsweise 4237,50 Euro monatlich.

Wer mehr verdient und sich deshalb privatversichert hat, findet nur dann wieder Gnade unter den Augen der Kasse, wenn sein Gehalt für mindestens ein Jahr unter dem relevanten Wert lag. Privatversicherte Arbeitnehmer haben daher im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, um wieder bei AOK und Co. unterzukommen: Sie können ihren Chef um eine einjährige Gehaltssenkung bitten – oder für ein Jahr auf Teilzeit gehen, und so ihr Gehalt nach unten korrigieren. Freiberufler müssen, wenn sie zurückwollen, wieder eine Festanstellung annehmen und ihr Gehalt ebenfalls unter der Einkommensgrenze halten.

Inzwischen allerdings – Schäuer ist älter geworden, die Arztbesuche häufen sich – zweifelt der Berater immer häufiger daran, ob seine Entscheidung von damals die richtige war. Denn die Zahlungen werden zunehmend zur Belastung. Nicht nur, dass die Beiträge mit schöner Regelmäßigkeit steigen – auch den Selbstbehalt hat Schäuers Gesellschaft inzwischen schmerzhaft nach oben geschraubt. Inzwischen zahlt der Berater pro Jahr fast 2800 Euro aus eigener Tasche. Tendenz: steigend.

Streitfall des Tages: Wenn Kinder die Krankenversicherung unbezahlbar machen

Streitfall des Tages

Wenn Kinder die Krankenversicherung unbezahlbar machen

Kinder von Privatpatienten genießen meist von Geburt an den Gesundheitsschutz der ersten Klasse. Das ist schön für sie – aber eine Katastrophe für ihre Eltern, denn die Kosten für die Versicherung der Kleinen sind enorm.


Die Gegenseite
Während der Staat die gesetzlichen Krankenkassen alljährlich mit Milliardensummen unterstützt, müssen Privatversicherte ihre steigenden Gesundheitskosten ohne steuerfinanzierte Subventionen schultern. Zudem sind die Gesellschaften verpflichtet, kostendeckend zu kalkulieren.

Das heißt: Jahr für Jahr kalkulieren die Unternehmen jeden Tarif neu durch. Liegen die Ausgaben mehr als zehn Prozent über den Erwartungen, müssen die Beiträge angehoben werden. Das ist mit schöner Regelmäßigkeit der Fall. Da die Gesundheitskosten in der Privaten noch schneller steigen, als im gesetzlichen Lager, müssen etlichen Patienten alljährlich schmerzhafte Beitragserhöhungen verkraften.

Wie die Privaten kalkulieren

Polster gegen Beitragssprünge

Um die Prämien halbwegs stabil zu halten, verlangen private Versicherer von ihren Kunden am Anfang der Versicherungszeit mehr, als deren Versorgung voraussichtlich kostet. Das so gesparte Geld legen sie an. Als Polster für die Zukunft. Ein sinnvoller Ansatz. Dennoch verdoppeln sich die Kosten für den privaten Gesundheitsschutz im Schnitt alle zwölf Jahre, fast zweimal schneller als im gesetzlichen System.

Jedes Extra kostet extra

Was Privatversicherte für ihren Gesundheitsschutz ausgeben müssen, ist von Fall zu Fall verschieden Im Gegensatz zu Kassenpatienten, die dem gesetzlichen Leistungskatalog unterworfen sind, können sie selbst bestimmen, welche Leistungen sie versichern wollen. Dabei gilt: Je umfangreicher die Versorgung, desto teurer auch die monatliche Prämie.

Auch kleine Malaisen treiben den Preis

Während die Kassen jeden Interessenten ohne Wenn und Aber bei sich aufnehmen müssen, kalkulieren die Privaten streng nach Risiko. Sie unterziehen potenzielle Kunden einem detaillierten Gesundheitscheck. Wer dabei schlecht abschneidet, etwa, weil er Allergiker ist oder zu hohen Blutdruck hat, zahlt empfindliche Risiko-Aufschläge – oder wird sogar ganz abgelehnt.

Jungsein ist billig, Altsein teuer

Nicht nur der persönliche Gesundheitszustand, auch der Geburtsjahrgang der Versicherten hat Einfluss auf die Kosten Hintergrund: Mit steigendem Alter wächst auch die Wahrscheinlichkeit, das eine oder andere kostspielige Wehwehchen zu entwickeln, für dessen Behandlung die Assekuranz bezahlen muss.

Sonderfall Basistarif

Für Versicherte, die mit ihren Gesundheitskosten überfordert sind, hat die Branche einen speziellen Tarif geschaffen, den Basistarif. Er bricht mit dem Prinzip der Privaten, Prämien an den tatsächlichen Risiken auszurichten. Stattdessen sind die Beiträge per Gesetz in auf den Höchstbeitrag im gesetzlichen System gedeckelt. Aktuelle sind das rund 593 Euro pro Monat.

Die Relevanz

Knapp neun Millionen Deutsche verfügen derzeit über eine private Kranken-Vollversicherung. Und es könnten noch mehr werden. Nach Angaben des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV) kehrten allein im vergangenen Jahr über 76.000 Menschen den Kassen den Rücken, um ihren Gesundheitsschutz privat zu versichern.

Ein Trend, der anhalten dürfte, nicht zuletzt, weil Allianz und Co. kräftig für ihr System trommeln und potenziellen Neukunden oft ausgesprochen kostengünstigen Angebote unterbreiten. Das Problem ist nur: die Halbwertszeit dieser preiswerten Einsteigertarife ist gering.

Zwar können Gutverdiener, die in der Kasse den Höchstsatz bezahlen, in den ersten Jahren ihres Daseins als Privatpatient durchaus ein paar Tausend Euro sparen. Irgendwann allerdings ist die Schonfrist vorbei. Der Grund: Die Beiträge im privaten Lager steigen deutlich schneller als bei der gesetzlichen Konkurrenz. Fünf bis zehn Prozent Plus pro Jahr sind keine Seltenheit.

Kommentare (10)

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Hermann.12

05.07.2012, 11:41 Uhr

Das der Eigenanteil einseitig durch die Versicherungsgesellschaft erhöht werden kann ist mir neu, das werde ich überprüfen.
Ansonsten aber ist das mit dem Eigenanteil so eine Sache, er muss von vorneherein als Prämie betrachtet werden, denn i.d.R. ist der eigenanteil billiger als die entsprechende prämie für den Wegfall des eigennteils. Auf gut deutsch: für den Verzicht auf Eigenanteil von 1.000 € zahle ich jährlich 1100 € mehr Prämie.

H.

CKV

05.07.2012, 11:52 Uhr

Ja, und die Versicherer erhöhen von sich aus die SB und das können sie rechtlich und die BaFin bestätigt das auch noch.

Weiter so!

RDA

05.07.2012, 12:03 Uhr

Der STaat unterstützt die GKV doch nur deswegen mit Milliardensummen, weil sie keine Versicherten wegen Risiken ablehnen darf, weil die Familie beitragsfrei mitversichert wird und weil die Beiträge nicht risikoorientiert sind.
Das alles muss die PKV nicht bieten - vom selten gewählten Basistarif mal abgesehen...

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