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21.11.2011

13:39 Uhr

Streitfall des Tages

Wenn E10 das Auto ruiniert

VonRenate Reckziegel

Der Biosprit E10 ist seit Anfang des Jahres an Tankstellen zu haben. Zehn Prozent aller Fahrzeuge reagieren auf ihn allergisch. Was passieren kann, wenn Autofahrer E10 tanken - und wer bei Schäden am Fahrzeug haftet.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.




Der Fall


Es geschah bei Kilometerstand 27.800: Dem ADAC-Mitarbeiter am Steuer des Opel Signum 2.2 direct stieg der Geruch von Benzin in die Nase. Übers Handy fragte er beim Testleiter Carsten Graf nach, was zu tun sei. „Sofort rechts anhalten und abschleppen lassen“, lautete die Antwort des Projektleiters der Fahrzeugtechnik.

Was Graf sofort vermutete, sollten Untersuchungen hinterher bestätigen: Die Hochdruck-Kraftstoffpumpe des mit E10 betankten Testfahrzeugs war undicht, durch winzige Lecks verteilte sie das Benzin fein zerstäubt im Motorraum. Das bedeutete: akute Explosions- und Brandgefahr.

Der Experte


„Der Opel Signum mit 2,2-Liter-Direkteinspritzermotor ist ausdrücklich nicht für E10 zugelassen“, erläutert Carsten Graf. Und genau deswegen wählte der ADAC dieses Modell aus, um die möglichen Auswirkungen des Biosprits zu untersuchen, der seit dem Frühjahr an Tankstellen angeboten wird. Dieser Motortyp mit Benzindirekteinspritzung der ersten Generation wurde noch bis etwa 2007 produziert.

Seine Materialien im Kraftstoffsystem vertragen keinen Sprit mit zehn Prozent Ethanolanteil. „E10 löst bestimmte Metalle regelrecht auf“, erläutert Graf. Da können Gehäuse löchrig werden oder Leitungen undicht.
Carsten Graf rät Autofahrern, sich grundsätzlich beim Hersteller zu erkundigen, ob ihr Fahrzeug E10-tauglich ist. „Bei Kraftstoffsystemen mit beständigen Materialien passiert nichts“, ist sich Graf sicher. Bisher ist dem ADAC jedenfalls kein einziger derartiger nachgewiesener Fall zu Ohren gekommen.

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Lange sah es so aus, als würde es gut gehen, doch nach 27.000 Kilometern Fahrt, in denen der ADAC einen Opel Signum mit E10 bewusst falsch betankt hat, ist der Wagen kaputt. Das schürt die Unsicherheit beim Biosprit

Selbst der für E10 ausdrücklich nicht geeignete Opel Signum 2.2 direct war immerhin fast ein halbes Jahr lang falsch betankt unterwegs, bevor sich Schäden zeigten. „Doch wenn sie auftreten, tun sie das plötzlich und es kann dramatische Folgen haben“, warnt Graf. Denn mit Benzin im heißen Motorraum ist nicht zu spaßen.

Aktuell laufen beim ADAC weitere Tests die Auswirkungen des Biokraftstoffs auf die Motoren zeigen sollen. Besonders interessant dürfte etwa sein, inwieweit sich bereits ein paar Tankfüllungen mit E10 negativ auswirken. Ein Ergebnis könnte in einigen Monaten vorliegen.

Der Hintergrund: Einige Hersteller, darunter VW und Fiat, fordern Autobesitzer auf, die Systeme bereits nach einer Fehlbetankung komplett zu reinigen. „Ein sehr kostenintensiver Aufwand“, urteilt Graf. Andere Autoproduzenten wie Mercedes Benz und Ford sind von so strengen Vorsichtsmaßnahmen wieder abgerückt.

Ob ein Schaden im Auto auf falsches Betanken zurückzuführen ist, lässt sich nach Einschätzung Grafs übrigens eindeutig feststellen: „Ein Sachverständiger sollte E10 als Ursache erkennen.“

Wer für E10-Schäden haftet

Wenn das Fahrzeug für E10 freigegeben ist

Die deutschen Automobilhersteller im VDA haben eine Erklärung abgegeben, dass sich die Autofahrer auf deren Aussagen zu E10 verlassen können. Die Angaben in der Verträglichkeitsliste sind also verbindlich. Das bedeutet, dass Hersteller in solchen Fällen für E10-Schäden aufkommen würden. Doch das gab es bisher noch nie. Zumindest bei Herstellern, die nicht im VDA organisiert sind, stellt sich die Frage, wie verbindlich die Freigabe ist und ob sie als eigenständige Garantiezusage gewertet werden kann, erläutert der ADAC-Rechtsexperte Klaus Heimgärtner. „Das ist eine Auslegungsfrage, die gegebenenfalls gerichtlich geklärt werden muss.“

Wenn der Gebrauchtwagen einen E10-Schaden hat

Beim Verbrauchsgüterkauf – also dem Verkauf von Unternehmern an Privatleute – spielt die Zeit eine Rolle: Bis zu sechs Monaten nach dem Kauf wird aufgrund einer gesetzlichen Beweislast-Umkehr vermutet, dass ein Mangel von Anfang an bestanden und der Verkäufer dafür einzutreten hat. Nach Ablauf der Frist muss der Käufer nachweisen, dass der Schaden bereits bei der Übergabe des Kraftfahrzeugs vorlag beziehungsweise angelegt war. Deswegen empfiehlt Klaus Heimgärtner den Käufern von Autos, die nicht E10-tauglich sind, übers Tanken lückenlos Buch zu führen und die dazugehörigen Belege aufzuheben. Nur so können die neuen Besitzer bei eventuellen Schäden durch E10 nachweisen, dass sie sie nicht selbst durch falsches Betanken verursacht haben.

Wenn das Auto falsch betankt wird

Wer ein Auto, das nicht für E10 freigegeben ist, trotzdem mit dem neuen Biosprit betankt, muss selber für den Schaden aufkommen. Die Rechtslage ist dann eindeutig, sagt Klaus Heimgärtner: „Es gibt dann keinerlei Ansprüche an Hersteller oder Mineralölfirmen.“

Kommentare (1)

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itstk

21.11.2011, 10:00 Uhr

Wie kann man eigentlich überprüfen, daß man an der Tankstelle nicht heimlich E10 untergeschoben bekommt?

Würde Shell ALLEN Fahrzeughaltern diese kostenlose Versicherung gegen E10-Schäden anbieten, wäre diese Aktion deutlich glaubwürdiger. So mache ich einen großen Bogen um jede Shell-Tanke.

Einen noch größeren, seit ich bei denen mal mit fast trockenem Tank zähneknirschend eine halbe Füllung getankt habe. Zündaussetzer ohne Ende und Benzingeruch beim Losfahren. Auf dem Pistolenschild stand eindeutig "Super". Ohne E10.

Als Super verkauftes E10 bringt ja noch mehr Profit als ehrliches E10. Und gleichzeitig würden die technisch und politisch unverträglichen zehn Prozent der Fahrzeuge immer weiter dezimiert. Wäre nicht das erste Mal, daß Politik und Finanzwirtschaft aus Profitgier auf "biologische Lösungen" setzen.

Wie also kann man's überprüfen, daß was einem verkauft wird auch tatsächlich im Tank landet?

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