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06.06.2012

09:54 Uhr

Streitfall des Tages

Wenn Ihr Chef Spione schickt

VonCatrin Gesellensetter

Ein unauffälliges weißes Auto, das seit Tagen an der immer gleichen Stelle steht. Eine seltsame Häufung von „falsch verbundenen“ Anrufen auf der privaten Telefonnummer. Wann darf der Chef Späher ausschicken?

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.


Der Fall


Wochenlang hatte Marco Seiffert immer wieder über massive Rückenschmerzen geklagt. Doch er biss die Zähne zusammen, versuchte, die Probleme herunterzuspielen. „Man wird nicht jünger“, witzelte der Automechaniker immer wieder und erntete für seine Tapferkeit anerkennende Blicke.

Dann aber, an einem Montagmorgen, kam der Anruf, den sein Chef seit langem befürchtet hatte. Seiffert meldete sich krank – „zunächst einmal für zwei Wochen“. Im ersten Moment war das Mitleid mit dem kranken Kollegen groß. Auch, als Seiffert nach Ablauf der zwei Wochen ein weiteres Attest einreichte, fand niemand etwas befremdliches daran.

Erst nach Ablauf der vierten Krankheitswoche keimte bei seinem Vorgesetzten Misstrauen auf. War Seiffert nicht auch im letzten Jahr eine ganze Weile ausgefallen? Genau zur selben Zeit? Und was war von den Gerüchten zu halten, man hätte dem kranken Kollegen unlängst an einer Tankstelle gesehen – im Blaumann? Seifferts Chef wollte Gewissheit haben – und setze einen privaten Ermittler auf den dauerkranken Kollegen an.


Die Relevanz


Dass Privatdetektive im Auftrag der Arbeitgeber die eigenen Mitarbeiter ausspionieren, ist nicht selten. Die Gründe für deren Einsatz sind unterschiedlich. So geriet vor einiger Zeit etwa der Discounter Lidl in die Schlagzeilen, als ruchbar wurde, dass die Belegschaft einiger Filialen monatelang von Detektiven bespitzelt wurde und dabei sogar intime Details aus dem Privatleben der Kollegen protokolliert und festgehalten wurden.

Wenn Mitarbeiter observiert werden

Schlamperei an der Stechuhr

Eine Mitarbeiterin verließ mehrfach ihre Planstelle, ohne dies dem Arbeitgeber zu melden und die Stempeluhr zu betätigen. Der erboste Chef engagierte daraufhin eine Detektei, die feststellte, dass die Frau während der Arbeitszeit private Angelegenheiten erledigte. Es folgte die fristlose Kündigung. Zu Recht, wie das LAG Mainz befand (Az. 4 Sa 996/06).

Geschäfte auf eigene Rechnung

Stellt ein Arbeitgeber qua Observierung fest, dass sein Mitarbeiter auf eigene Rechnung Kunden des Unternehmens betreut und damit das Geschäft schädigt, muss der Mitarbeiter die Detektivkosten selbst dann bezahlen, wenn er für sein Verhalten keine Kündigung kassiert, sondern sich die Parteien auf einen Aufhebungsvertrag einigen (LAG Köln, Az. 11 Sa 1277/06).

Teure Feier mit dem gelben Schein

Wer krank feiert und währenddessen statt in seinem eigentlichen Job an anderer Stelle arbeitet, muss seinem hintergangenen Arbeitgeber dessen Detektivkosten erstatten. (LAG Rheinland-Pfalz, Az. 5 Sa 549/99).

Blau auf dem Bau

Arbeitnehmer, die während einer Krankschreibung, am Neubau ihres Hauses Bau- und Transportarbeiten durchführen, dürfen fristgerecht gekündigt werden. Hat der Arbeitnehmer seine Krankheit nur vorgetäuscht, ist sogar die fristlose Kündigung zulässig (LG Hamm, Az. 15 SA 437/91).

Nicht gut, aber teuer

Ein Unternehmen, das 21.000 Euro für einen Detektiv ausgibt, um einen drohenden Schaden von 4400 Euro zu verhindern, kann diese Summe nicht vom Arbeitnehmer erstattet verlangen. Die Kosten stehen in keinem angemessenen Verhältnis zum befürchteten Schaden (LAG Hamm, Az. 4 Sa 322/11).

Die Deutsche Bahn griff vor einigen Jahren im großen Stil auf die Dienste privater Ermittler zu, offenbar in der Hoffnung, auf diese Weise die Korruptionsbekämpfung im Unternehmen vorantreiben zu können. Und die Deutsche Bank geriet in die Kritik, als Berichte veröffentlich wurden, man habe einen ehemaligen Gewerkschaftsvertreter von Ver.di im Aufsichtsrat der Bank, von einer externen Detektei bespitzeln lassen.

Doch auch kleinere Unternehmen bedienen sich immer wieder der Hilfe der privaten Ermittler – oft, um, wie im Ausgangsfall, Details zum Gesundheitszustand eines dauererkrankten Kollegen herauszufinden.

Arbeitsrecht: Wenn ein falsches Wort den Job kostet

Arbeitsrecht

Wenn ein falsches Wort den Job kostet

Einmal dem Chef so richtig die Meinung sagen - wer wünscht sich das nicht. Doch wer sein Recht auf Meinungsäußerung allzu frei auslegt, dem drohen ernste Konsequenzen. Wie viel Offenheit ist am Arbeitsplatz erlaubt?


Der Experte

Ohne weiteres ist eine solche Praxis allerdings nicht erlaubt. Auch wenn es für Unternehmen mitunter schwer zu akzeptieren ist: „Arbeitgeber haben in der Regel kein Recht, von einem erkrankten Mitarbeiter den Grund für dessen Ausfall zu erfahren“, sagt Gregor Dornbusch, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei Baker & McKenzie in Frankfurt am Main.

Solange ein ärztliches Attest vorliegt, dass die Arbeitsunfähigkeit bescheinigt, muss der Arbeitgeber dies erst einmal akzeptieren. Umgekehrt gilt aber auch, dass ein Mitarbeiter, solange er krankgeschrieben ist, alles vermeiden muss, was seine Gesundung gefährdet oder verzögert.

Wer also während seiner Arbeitsunfähigkeit sein Haus renoviert oder beim Nachbarn den Garten umgräbt, muss mit negativen Konsequenzen bis hin zu einer außerordentlichen Kündigung rechnen. Vorausgesetzt natürlich, der Arbeitgeber kann das Fehlverhalten beweisen. Und genau da liegt das Problem. Zwar haben die Gerichte immer wieder entschieden, dass Arbeitgeber bei einem starken Verdacht auf genesungswidriges Verhalten auch Detektive beauftragen dürfen, um den Sachverhalt zu klären. Eindeutige gesetzliche Vorgaben, wann ein solcher Einsatz zulässig ist, gibt es aber nicht.

Kommentare (2)

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General-Investigation

06.06.2012, 10:22 Uhr

Dann steht eben ein weißes Auto an der selben Stelle und es sitzt dort jemand der mich beobachtet. Wenn es mir dann irgendwann zu dumm wird schicke ich dem eine Streifenwagenbesatzung auf den Hals, weil ich mich irgendwie bedroht fühle.Könnte sehr interessant werden ;-)

Komisch das Arbeitgeber gar nicht merken, das ein Mensch auch mal krank wird, die Knochen nicht mehr mitspielen und dann auch noch was auf Gerüchte gegeben wird.
Wenn der Chef einfach mal bei Ihm vorbei guckt, ihm meinetwegen einen Strauss Blumen mitbringt und damit auch mal zum Ausdruck bringt, das er seine Arbeit schätzt, wäre das eine ganz andere Hausnummer. Doch wer so misstrauisch ist und anderen solche Dinge zutraut, muß selbst auch ein nicht ganz unbeschriebenes Blatt sein.

anonymus

06.06.2012, 11:31 Uhr

Auf der anderen Seite gibt es sicher auch Arbeitnehmer, die genau so handeln wie in der Ausgangssituation beschrieben. In einem kleinen Betrieb kann so ein Ausfall bereits massive Folgen haben - der Arbeitnehmer kassiert doppelt und dem Arbeitgeber gehen evtl Aufträge verloren, da er sie wegen fehlender Arbeitnehmer nicht erfüllen kann... Bei begründetem Verdacht kann ich dann den Arbeitgeber wirklich verstehen. Ich selbst bin Arbeitnehmer...

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