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22.03.2012

13:08 Uhr

Streitfall des Tages

Wenn Kinder die Krankenversicherung unbezahlbar machen

VonCatrin Gesellensetter

Kinder von Privatpatienten genießen meist von Geburt an den Gesundheitsschutz der ersten Klasse. Das ist schön für sie – aber eine Katastrophe für ihre Eltern, denn die Kosten für die Versicherung der Kleinen sind enorm.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall
Zwei blaue Streifen auf weißem Grund stürzen Hannes Seidl in eine tiefe Krise. Das Testergebnis ist eindeutig: Seine Frau ist schwanger mit dem dritten Kind. Grundsätzlich eine erfreuliche Nachricht. Doch zum Jubeln ist Seidl nicht zumute. Ihn graust es vor den Kosten.

Das Geld für Windeln, Strampler und ähnliche Accessoires macht dem werdenden Vater noch die geringsten Sorgen. Diese Ausgaben lassen sich von 80.000 Euro Jahresbrutto durchaus bestreiten. Seidl hat ein anderes Problem. Er ist privat krankenversichert. Und weil er zudem mehr verdient, als seine (gesetzlich versicherte) Frau, bedeutet das: Kind Nummer drei wird, ebenso wie seine Geschwister, als Privatpatient zur Welt kommen. Kostenpunkt: zwischen 120 und 140 Euro Monat. Für alle drei Sprösslinge macht das, wenn es gut läuft, gut 4300 Euro im Jahr – mit jeder Menge Luft nach oben.

Zu gerne würde Seidl wieder in den Schoß der gesetzlichen Kassen zurückkehren. Dort könnte er seine Sprösslinge kostenlos versichern. Doch AOK und Co. nehmen reuige Privatpatienten nur dann wieder auf, wenn deren Bruttogehalt weniger als 50.850 Euro beträgt. Seidl müsste, um dorthin zu kommen, entweder seinen Job aufgeben (keine gute Idee) – oder Arbeitszeit und Gehalt reduzieren. In Anbetracht der Umstände auch nicht besonders attraktiv. Dennoch: Will Seidl nicht dauerhaft Geisel seiner Krankenversicherung sein, muss er handeln. Und das tut er jetzt auch. Er beantragt Teilzeit.

Wie die Privaten kalkulieren

Polster gegen Beitragssprünge

Um die Prämien halbwegs stabil zu halten, verlangen private Versicherer von ihren Kunden am Anfang der Versicherungszeit mehr, als deren Versorgung voraussichtlich kostet. Das so gesparte Geld legen sie an. Als Polster für die Zukunft. Ein sinnvoller Ansatz. Dennoch verdoppeln sich die Kosten für den privaten Gesundheitsschutz im Schnitt alle zwölf Jahre, fast zweimal schneller als im gesetzlichen System.

Jedes Extra kostet extra

Was Privatversicherte für ihren Gesundheitsschutz ausgeben müssen, ist von Fall zu Fall verschieden Im Gegensatz zu Kassenpatienten, die dem gesetzlichen Leistungskatalog unterworfen sind, können sie selbst bestimmen, welche Leistungen sie versichern wollen. Dabei gilt: Je umfangreicher die Versorgung, desto teurer auch die monatliche Prämie.

Auch kleine Malaisen treiben den Preis

Während die Kassen jeden Interessenten ohne Wenn und Aber bei sich aufnehmen müssen, kalkulieren die Privaten streng nach Risiko. Sie unterziehen potenzielle Kunden einem detaillierten Gesundheitscheck. Wer dabei schlecht abschneidet, etwa, weil er Allergiker ist oder zu hohen Blutdruck hat, zahlt empfindliche Risiko-Aufschläge – oder wird sogar ganz abgelehnt.

Jungsein ist billig, Altsein teuer

Nicht nur der persönliche Gesundheitszustand, auch der Geburtsjahrgang der Versicherten hat Einfluss auf die Kosten Hintergrund: Mit steigendem Alter wächst auch die Wahrscheinlichkeit, das eine oder andere kostspielige Wehwehchen zu entwickeln, für dessen Behandlung die Assekuranz bezahlen muss.

Sonderfall Basistarif

Für Versicherte, die mit ihren Gesundheitskosten überfordert sind, hat die Branche einen speziellen Tarif geschaffen, den Basistarif. Er bricht mit dem Prinzip der Privaten, Prämien an den tatsächlichen Risiken auszurichten. Stattdessen sind die Beiträge per Gesetz in auf den Höchstbeitrag im gesetzlichen System gedeckelt. Aktuelle sind das rund 593 Euro pro Monat.

Die Gegenseite

Längst nicht jeder Privatpatient ist mit seinem Status glücklich. Der Verband der Privaten Krankenversicherung will davon jedoch nichts wissen. Er verweist darauf, dass noch immer deutlich mehr Menschen aus der Kasse in die Private wechselten, als umgekehrt. Von Unzufriedenheit mit dem System könne also keine Rede sein.

Welche Kasse ist die richtige?

Kriterien

Der Gesetzgeber lässt kaum einen Preiswettbewerb und nur einen eingeschränkten Leistungswettbewerb unter den gesetzlichen Krankenkassen zu. Die Versicherten sollten deshalb zumindest die vorhandenen Möglichkeiten nutzen. Folgende Kriterien können bei der Wahl der richtigen Kasse wichtig sein.

Zusatzbeitrag

Für die Kassen gilt ein einheitlich-vorgegebener Beitragssatz vom sozialversicherungspflichtigen Einkommen. Eine Handvoll Kassen, die damit nicht zurecht kommen, erhoben zeitweise einen monatlichen Zusatzbeitrag von zumeist acht Euro im Monat. Die meisten Kassen schafften die ungeliebte Einnahmeform jedoch wieder ab.

Beitragsrückzahlung

Einige Kassen stehen finanziell so gut da, dass sie ihren Mitgliedern Beiträge zurückzahlen. Das kann sich jedoch von Jahr zu Jahr ändern.

Service

Freundlichkeit der Kassenmitarbeiter und gute Erreichbarkeit sind nach Umfragen für viele Kassenmitglieder wichtige Kriterien. Die AOK´s, die IKK-Classic und die großen Ersatzkrankenkassen wie die Barmer-GEK, DAK-Gesundheit und Techniker haben bundesweit die meisten Geschäftsstellen.

Wichtiger ist jedoch für die meisten Versicherten eine gute telefonische Erreichbarkeit und eine schnelle Reaktion auf Anfragen, was sich aber wie die Freundlichkeit der Mitarbeiter nicht exakt messen lässt. Über die Servicezeiten informieren in der Regel die Internetauftritte der Kassen.

Wahltarife

Kassen bieten für ihre Versicherten Spar- und Selbstbehaltsmodelle als Wahltarife an. Damit soll ein kostenbewusstes Verhalten gefördert werden. So kann beispielsweise bei Nichtinanspruchnahme bestimmter Leistungen ein Teil der Beiträge rückerstattet werden, auch können die Versicherten die Kostentransparenz von Ärzten wünschen, analog privater Krankenversicherung ein Kostenerstattung von Arztrechnung wählen.

Im Vergleich zu privaten Krankenversicherungen sind die Beitragsersparnisse jedoch gering, bei der Erstattung von Arztrechnungen stellen sich die Kassenmitglieder sogar oft schlechter, weil sie einen höheren Aufwand haben.

Bonusprogramme

Kassen zahlen ihren Versicherten für die Teilnahme an bestimmten Maßnahmen, etwa von Präventivkurse, weitergehende Vorsorgeuntersuchungen, Schutzimpfungen oder Sportkurse finanzielle Anreize.

Zusatzversicherungen

Gesetzliche Krankenkassen haben häufig mit privaten Krankenversicherer Kooperationen abgeschlossen und bieten deren private Zusatz- und Ergänzungs-Policen für stationäre Unterbringung oder Zahnleistungen zu einem Sondertarif an. Doch oft sind die Policen am Markt günstig erhältlich, ohne dass sich die Versicherten an den Kooperationspartner der Kasse binden müssen.

Innovative Leistungen

Zu den Krankenkassen, die vom neuen Gesetz Gebrauch machen und innovative Leistungen anbieten dürfen oder anbieten wollen, gehören unter anderem die Techniker Krankenkasse (Osteopathie), HEK (zusätzliche Vorsorge für Kinder und Schwangere), Siemens BKK (Heilpraktiker-Behandlungen/Osteopathie, BKK Henschel Plus (Heilpraktiker-Leistungen) und die BKK Wirtschaft & Finanzen.

Die Relevanz

Fast neun Millionen Menschen in Deutschland sind privat krankenversichert – und haben damit vielfach eine Entscheidung fürs Leben getroffen. Wer die gesetzliche Krankenkasse einmal verlassen hat, kann nicht ohne Weiteres zurück. Der Grund: Der Gesetzgeber will vermeiden, dass besonders geschäftstüchtige Kunden in jungen Jahren von den niedrigen Beitragssätzen bei Allianz & Co. profitieren, später aber, wenn die Private zu teuer wird, wieder bei den gesetzlichen Anbietern anheuern, die zum Beispiel für Familien die attraktiveren Konditionen anbieten.

Kommentare (25)

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Guest

22.03.2012, 13:29 Uhr

Albernes Geheule der Privatpatienten. Von den Gutverdienern wird keiner gezwungen sich privat zu versichern. Erst wollen alle sparen und wenn das Pendel dann zurückschlägt, dann soll wieder die Allgemeinheit zahlen, der man vorher unbedingt entkommen wollte.
Jeder der mehr als 5 Jahre privat versichert war, sollte überhaupt nicht mehr zurückkommen dürfen. Dann würden sich alle das genauer überlegen.

Anonym

22.03.2012, 13:59 Uhr

Ein vollkommen einseitiger dargestellter Artikel. Wäre der dreifache Vater in der AOK verblieben wäre ein monatlicher Gesamtbeitrag von 667,-EUR zu entrichten. Einen Teil zahlt der Arbeitgeber, aber diese Leistung steht ihm auch in der PKV zu.
Der Durchschnittliche Privatversicherte zahlt in einem Tarif mit guten Leistungen und Tagegeld rund 400,-EUR, Kinder zahlen ca. 120,-EUR. So liegt mit 3 Kinder bei einem Gesamtbeitrag von ca. 760,-EUR. Also gerade einmal 93,-EUR über dem GKV-Beitrag bei deutlich besseren Leistungen. Verzichtet er auf besondere Leistungen wie Einbettzimmer oder ähnliches liegt er wieder auf Niveau der gesetzlichen KV.
Bitte immer beide Seiten beleuchten und nicht nur oberflächliche Stammtischparolen niederschreiben!

Joerg

22.03.2012, 14:29 Uhr

@Guest
Das was Sie anführen ist leider nur die halbe Wahrheit: Bei mir war es nämlich so, dass sích - im Anschluss an mein Studium - ein Referendariat angeschlossen hat. Im Rahmen dieses Referendariats war ich - auf Zeit - als Beamter besoldet, beihilfeberechtigt und mithin privat krankenversichert. Nach Abschluss des Referendariats bin ich zu einem Unternehmen gewechselt. Da ich stets oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze verdient habe, hatte ich - bis auf die in dem Beitrag genannten Tricks - nicht den Hauch einer Chance, wieder in den "Schoß" der GKV zurück zu wechseln.
Die von Ihnen aufgeführten Kritik ggü. den "Besserverdienenden" ist daher nicht in allen Fällen gerechtfertigt.
Hinzu kommt, dass die GKV - in Bezug auf die Gruppe der Selbständigen - viele unsolidarische Auswüchse hat. Hierzu folgende Beispiele:
1. Im Gegensatz zu einem Angestellten, werden bei einem Selbständigen alle Einkünfte für die Beitragsbemessung herangezogen.
2. Hat der Selbständige geringe Einküfte oder sogar Verluste wird er auf Basis eines Mindestbeitrags, der sich an einem Monatseinkommen iHv. rd. 1.800 € orientiert eingruppiert; Ein Angestellter würde in diesem Fall wesentlich geringere Beiträge zahlen.
3. Erhöht sich das Einkommen eines Selbständigen im Laufe eines Jahres, so muss er - auf Basis seines Einkommensteuerbescheides - die auf das höhere Einkommen bezogenen Mehrbeiträge nachzahlen. Dies ist zwar - vom Standpunkt der Gerechtigkeit - so weit richtig; Inkonsequent ist aber der umgekehrte Fall, der im Zusasmmenhang mit den letzten Wirtschaftskrisen häufig aufgetreten ist: Sinkt nämlich das Einkommen im laufe eines Jahres, so werden ihm die zu viel entrichteten Beiträge nicht erstattet.
Aus meiner Sicht ist es daher nicht verwunderlich, dass sich so viele Selbständige privat versichern, gerade um diesen Ungerechtigkeiten aus dem Weg zu gehen.

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