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08.11.2011

09:38 Uhr

Streitfall des Tages

Wenn mit der Ruhe plötzlich Schluss ist

VonUlrich Lohrer

Änderung der Verkehrsplanung, neue Biergärten oder Baulärm: Vielen bislang ruhigen Wohnlagen droht eine unverhoffte Lärmbelastung. Welchen Krach Betroffene erdulden müssen und wann sie die Miete kürzen können.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.


Der Fall


Die ehemals normal befahrene Stubenrauchstraße in Berlin-Neukölln wurde als Autobahn-Zubringer ausgebaut. Dadurch stieg das Verkehrsaufkommen auf bis zu 1000 Fahrzeuge pro Stunde an. Für eine Anwohnerin, die fast 40 Jahre in einer direkt anliegenden Wohnung lebte, war trotz bestehender Schallschutzfenster der Lärm nicht mehr ertragbar.

Ein Gutachter wies nach, dass die Schallschutzfenster trotz einwandfreien Zustand nur einen Lärm von 32 Dezibel dämmen kann, jedoch ein Lärmschutz von 40 Dezibel notwendig wäre. Das Amtsgericht Berlin-Köpenick bestätigte in seinem Urteil vom 2. Juli 2010 (Az: 4 C 116/10), die Mieterin habe Ihre Miete zu Recht um 7,5 Prozent gemindert.

Der Richter: Obwohl die Mieterin bei einer so langen Wohndauer mit Veränderungen des Verkehrsaufkommen rechnen müsse, sei wegen des geminderten Wohnwertes eine Mietkürzung gerechtfertigt.

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Die Relevanz


500 Milliarden Kilometer legen die Deutschen jährlich in ihren Autos zurück, sechsmal mehr als 1960. Gleichzeitig fühlen sich mehr als 60 Prozent der Deutschen vom Verkehrslärm belästigt. Ein Gesetz gegen Straßenlärm gibt es nicht. Im Bundes-Immissionsschutzgesetz gibt es nur Regelungen zum Lärmschutz beim Neubau von Straßen, für bestehende Straßen fehlen Regeln.

Deren Anwohner haben kaum Anspruch auf eine Begrenzung der Lärmbelastung. Der Bund, einige Bundesländer, Gemeinden und Städte stellen zwar Haushaltsmittel zur Lärmsanierung bereit, wenn bestimmte Grenzwerte überschritten werden (70 dB (A) am Tag in Wohngebieten). Im vergangenen Jahr (2010) wurden vom Bund 163 Millionen Euro für Lärmvorsorge und für Lärmsanierungen für Bundesfernstraßen ausgegeben. (Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Stadtentwicklung: Statistik des Lärmschutzes an Bundesfernstraßen).

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Die Ausgaben für Lärmschutz sind jedoch im Verhältnis zu den Kosten, den der Lärm durch Gesundheitsschädigung und den dadurch resultierenden Arbeitsausfall verursacht gering. Pro Jahr gibt es 6000 neue Fälle von lärmbedingter Schwerhörigkeit.

Lärm und Schall wirkt nicht nur auf das Ohr, sondern sie beeinflussen über zentralnervöse Impulse den gesamten Organismus. Bei erhöhten Lärmpegeln von über 85 dB(A) reagiert der Körper mit einer vermehrten Ausschüttung von Adrenalin. Der Herzschlag beschleunigt sich, der Blutdruck und damit das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung steigt. Bei einem Lärm von 65 bis 70 dB (A) erhöht sich das Todesfallrisiko durch Infarkt um 20 Prozent. Nachgewiesen sind auch durch Lärm induzierte Schlafstörungen.

Nach einer Studie von INFAS und IWW aus dem Jahr 2004 resultieren ab einer Lärmbelastung von 65 dB (A) pro Person medizinische Mehrkosten von 130 Euro. Dabei ist die Bandbreite lärmbedingter Kosten enorm: sie reicht von 0,06 Euro pro 1000 Fahrzeugkilometer bei Verkehr in ländlicher Gegend bis zu 309 Euro pro 1000 Fahrzeugkilometer für nächtlichen innerstädtischen Verkehr.

Wann Lärm krank macht

Gemessener Lärm

Lärm wird subjektiv unterschiedlich störend empfunden – etwa beim Einschlafen, Freizeit oder konzentriertem Arbeiten. Messen lässt sich der Schallpegel jedoch in Dezibel (dB). Werden zudem besondere Belastungen bestimmter Schallfrequenzen berücksichtigt, verwendet man die Maßeinheit dB (A). Es folgen einige Beispiele zur Lärmmessung.

Flüstern

Kaum hörbare Geräusche wie sachtes Blätterrauschen oder Flüstern liegt im Bereich von 0 bis 20 db (A).

Tickender Wecker

Hintergrundgeräusche im Haus, ein tickender Wecker oder das Rauschen von Computer-Ventilatoren liegen zwischen 20 und 40 dB (A). Hörempfindliche Menschen können durch solche Geräusche bereits im Schlaf gestört werden.

Gespräch

Normale Gesprächslautstärke oder ein normal eingestelltes Radio erzeigt einen Schallpegel zwischen 40 und 60 dB (A). Wer sich beim arbeiten konzentrieren muss, kann dabei gestört werden.

Normaler Autolärm

Sein einzelnes vorbeifahrendes Auto erzeugt üblicherweise 60 bis 89 db (A). Auch ein lautes Gespräch oder klappernde Schreibmaschinen können diese Lautstärke erreichen. Ein solch dauerhafter Lärmpegel kann bereits zu gesundheitlichen Langzeitschäden führen.

LKW-Lärm

Motorsägen, Winkelschleifer und vorbeifahrende LKW´s erreichen 80 bis 100 dB (A) – was bereits kurzfristig sehr unangenehm sein kann. Bei Dauerlärm in dieser Stärke droht ein Gehörschaden.

Presslufthammer

Kreissägen und das rattern von Presslufthämmer erreichen bis zu 110 dB (A). Auch die Lautstärke von Diskotheken oder laut eingestellte Musik aus Walkman können bis zu 110 dB (A) erreichen.

Düsenflugzeuge

Bis zu 120 dB (A) erreichen startende Düsenflugzeuge, Explosionen und zum Teil auch Rockkonzerte.

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