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18.03.2013

14:14 Uhr

Streitfall des Tages

Wenn PKV-Versicherte nicht zahlen

VonCatrin Gesellensetter

In der ersten Klasse knirscht es gewaltig. Immer mehr Privatversicherte können (oder wollen) keine Beiträge mehr zahlen. Aktueller Fehlbetrag: eine halbe Milliarde Euro. Irgendetwas sollte sich wohl ändern. Aber was?

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall
Stolz auf ihren Laden ist Ursula Wiedmer* noch immer. Auch wenn das Geschäft mit „Blumen und mehr“ deutlich besser laufen könnte. Zu Beginn des Jahres ist ihr einziger Großkunde weggebrochen. Seither kämpft die selbstständige Floristin ums Überleben. Das Geld für Miete, Pacht und ihre Ware kann sie gerade noch aufbringen. Für andere wichtige Posten fehlen aber die Mittel. Und damit auch für ihre private Krankenversicherung.

Zwar wechselte Wiedmer schon vor einiger Zeit in den brancheneinheitlichen Basistarif, um Geld zu sparen. Der kostet aber immer noch gut 600 Euro im Monat. Und das ist derzeit einfach nicht drin.

Inzwischen ist sie bei ihrer Versicherung mit drei Monatsbeiträgen im Rückstand. Die Mahnung der Assekuranz hat sie ignoriert. Ebenso das Schreiben des Versicherers, dass ihr Leistungsanspruch ruhe und Arztrechnungen nur noch in akuten Notfällen bezahlt würden. Und zwar auf unbestimmte Zeit. Denn zur vollwertigen Versicherten wird sie erst wieder, wenn sie regelmäßig die vollen Beiträge überweißt und ihre Schulden bei der Assekuranz beglichen hat.

* Name geändert

Die fünf Stufen des Abstiegs

Mahnung

Privatversicherte, die ihre Beiträge über zwei Monate hinweg nicht oder nicht rechtzeitig zahlen können, erhalten von ihrem Versicherer eine Mahnung – und den Hinweis, dass, wenn sie nicht binnen zwei Wochen ihre Außenstände beglichen werden, ihr Gesundheitsschutz auf eine reine Notfallversorgung eingedampft wird (im Fachjargon heißt das: „Ruhen der Leistungen“).

Leistungskürzung

Fehlt auf dem Konto des Versicherers zwei Wochen nach Zugang der Mahnung noch immer ein Monatsbeitrag oder mehr, stellt die Gesellschaft das Ruhen der Leistungen fest und verschickt eine entsprechende Mitteilung an den säumigen Kunden. Der hat nun noch eine Galgenfrist von drei Tagen, seine Schulden zu bezahlen – danach tritt die Sanktion in Kraft.

Säumniszuschlag

Trotz des eingeschränkten Gesundheitsschutzes schuldet der Kunde seiner Versicherung den vollen Beitrag. Zahlt er nicht, wächst der Schuldenberg bei der Gesellschaft weiter an – und zwar jeden Monat schneller. Grund ist der Zinseszinseffekt, der dadurch entsteht, dass die Gesellschaften einen sogenannten Säumniszuschlag von ihren Kunden verlangen. Der liegt für jeden einzelnen Monat bei einem Prozent des Beitragsrückstandes.

Downgrade

Hat der Kunde die ausstehenden Beiträge, Säumniszuschläge und Mahnkosten nicht innerhalb eines Jahres nach Beginn des Ruhens vollständig abbezahlt, wird er von der Versicherung automatisch in den brancheneinheitlichen Basistarif gesteckt. Er erhält aber auch weiterhin nur eine Notversorgung.

Abschluss

Das Ruhen der Leistungen endet erst, wenn der Kunde alle Schulden abbezahlt hat - oder zum Sozialfall wird.

Die Rechtslage

Es ist noch gar nicht lange her, da durfte in Deutschland (dauerhaft) nur derjenige einen privaten Gesundheitsschutz sein eigen nennen, der regelmäßig Prämien entrichtete Wer der Versicherung Geld schuldig blieb, riskierte, dass die Assekuranz ihn vor die Tür setzte. Wenn, wie in den meisten Fällen, eine Rückkehr in die gesetzlichen Kassen ausgeschlossen war, standen die Betreffenden dann ohne Krankenversicherung da.

Erst Ulla Schmidt führte 2009 die Krankenversicherungspflicht für jedermann ein. Seither können Allianz und Co. klammen Künden nicht mehr ohne weiteres kündigen. Ein sorgloses Leben haben die Betroffenen aber trotzdem nicht, wie der Fall von Ursula Wiedmer belegt. Einziger Trost: Sie ist mit ihrem Schicksal nicht allein.

Die Beitragsspirale in der PKV

Rechenspiele

Die Beitragssteigerung in der PKV ist umstritten. Das Problem: Es gibt keine verlässlichen Zahlen der Branche. Ein Überblick über verschiedene Berechnungen von Experten.

Mittelwerte

Die Ergebnisse hängen von den Berechnungsmethoden ab. Wichtig: In den meisten Fällen handelt es sich um Durchschnitte, die natürlich sowohl nach oben wie nach oben vom Mittelwert abweichen können.

Tendenz

Angestellte bezahlen eher überdurchschnittlich mehr, Beamte eher unterdurchschnittlich.

Männer

Laut Morgen & Morgen stiegen die Beiträge für Neuverträge 2012 um 4,4 Prozent. Männer zahlen überproportional mehr:

2006: 4,54%

2007: 4,91%

2008: 4,55%

2009: 5,37%

2010: 5,62%

2011: 5,67%

2012: 5,24%

Frauen

Bei weiblichen Versicherten fallen die Steigerungen in diesem Jahr deutlich niedriger aus.

2006: 3,87 %

2007: 4,29 %

2008: 3,46 %

2009: 3,94 %

2010: 4,20 %

2011: 4,29 %

2012: 3,87 %

2001 bis 2012: Beitragssteigerung laut Map-Report

Schnitt über 12 Jahre: 4,1 Prozent

2012: 1,98%
2011: 4,95%
2010: 6,97%
2009: 1,23%
2008: 2,71%
2007: 4,89%
2006: 3,37%
2005: 2,77%
2004: 6,86%
2003: 5,28%
2002: 4,51%
2001: 3,65%

2006 bis 2011: Beitragsanstieg laut Assekurata

Schnitt über sechs Jahre: 4,18 Prozent
Schnitt Angestellte: 4,8 Prozent

2011: 4,17%
2010: 6,75%
2009: 2,23%
2008: 3,72%
2007: 2,74%
2006: 5,46%

2006 bis 2010: Prämie je Vollversicherter

Schnitt über fünf Jahre: 2,88 Prozent

2010: Prämie: 2706,10 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,67%
2009: Prämie: 2560,94 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 1,54%
2008: Prämie: 2522,20 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 1,66%
2007: Prämie: 2480,91 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,69%
2006: Prämie: 2415,99 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,87%

Quelle: Zahlenbericht der PKV

2001 bis 2005: Prämie je Vollversicherter

Schnitt über zehn Jahre: 4 Prozent

2005: Prämie: 2348,64 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,60%
2004: Prämie: 2289,15 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,95%
2003: Prämie: 2160,60 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 7,73%
2002: Prämie: 2005,53 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 5,32%
2001: Prämie: 1904,22 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 4,00%

1996 bis 2004: Prämie je Vollversicherter

Schnitt über 15 Jahre: 3,73 Prozent

2000: Prämie: 1831,05 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,55%
1999: Prämie: 1768,28 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,67%
1998: Prämie: 1705,69 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 3,07%
1997: Prämie: 1654,88 Euro; Veränderung zum Vorjahr: 2,32%
1996: Prämie: 1617,42 Euro: Veränderung zum Vorjahr: 3,27%

Die Inflationsraten: 1989 bis 2011

Schnitt: 2,2 Prozent

Die Relevanz

Die Zeiten, in denen Privatversicherte ihren Status durchweg als Privileg empfanden, sind vorbei. Viele Kunden von Allianz und Co. fühlen sich inzwischen von den Kosten überrollt. Die Beiträge der privaten Policen steigen im Schnitt doppelt so schnell wie in der gesetzlichen Versicherung. Vermeintlich günstige Einsteigertarife mit denen die Assekuranzen in den vergangenen Jahren selbst Selbstständige mit eher bescheidenen Einkommen als Kunden gewonnen haben, werden oft zur Kostenfalle.

Die Folgen: Ende 2011 waren fast zwei Prozent der rund neun Millionen Privatversicherten mit ihren Beiträgen im Rückstand. Die offenen Forderungen summieren sich inzwischen auf mehr als eine halbe Milliarde Euro. Ein Umstand, der nicht nur für den Gesellschaften, sondern auch den zahlenden Versicherungskunden missfällt. Sie nämlich finanzieren mit ihren Beiträgen auch die Nichtzahler mit. Und die kosten eine ganze Menge. Erstens, weil ihnen zumindest im Notfall medizinische Leistungen zustehen und zweitens, weil die Assekuranzen auch für sie Rückstellungen zur Beitragsstabilisierung bilden müssen.

Kommentare (14)

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DrKurte

18.03.2013, 14:40 Uhr

...Im Gegensatz zur geltenden Rechtslage allerdings muss der Kunde für diese „Rumpfversorgung“ nur etwa 100 Euro im Montag zahlen...

Jeden Montag 100 EUR. Das klingt echt fair. Wo kann ich mich einschreiben ;-)))

Verantwortungsbewusster

18.03.2013, 15:04 Uhr

Der Artikel zeigt deutlich, dass unser Gesundheitssystem mit den bisherigen Leistungen von vielen Patienten nicht mehr finanzierbar ist. Daher müssen Leistungen sowie Beiträge radikal (etwa um zwei Drittel) gekürzt werden. Zudem müsste ein eingeführter hoher Selbstbehalt dazu führen, dass Patienten verantwortungsbewusster medizinische Leistungen in Anspruch nehmen, die aus ihrer Sicht vermeintlich kostenlos sind. Die zu hohe Belastung gesundheits- und risikobewusst lebender Beitragszahler, die andere Patienten sowie die gesamte Gesundheits- und Pharmaindustrie subventionieren, ist nicht länger hinnehmbar. Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Mit subventionierten Patienten meine ich ausdrücklich nur diejenigen, die bei leichteren Krankheiten ohne gründliche Einbeziehung anderer Überlegungen zum Arzt gehen, weil dies ja kostenlos und die einfachste Möglichkeit ist. Z.B. könnten diese vorher an "Gesundheitssystem-unabhängige" Maßnahmen wie bessere Ernährung, mehr Bewegung und Schlaf sowie weniger Rauchen/ Alkohol denken.

DerIng

18.03.2013, 17:09 Uhr

Hallo @Verantwortungsbewusster,

bitte Artikel nochmal lesen und Kommentar überarbeiten.

Im Artikel geht es um die PKV, die übrigens immer noch blendende Gewinne einfährt.

Auch die gesetzlichen KV fahren blendende Gewinne ein, angesparte Gewinne 16Mrd. €.

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