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29.09.2011

08:30 Uhr

Streitfall des Tages

Wenn sich das Kapital plötzlich halbiert

VonDörte Jochims

Immer wenn Aktienindizes nach unten rasen, wird es auch für Besitzer von Bonuszertifikaten brenzlig. Wenn die Sicherheitsbarrieren reißen, drohen ihnen hohe Verluste. Auf dieses Risiko müssen Berater hinweisen.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.



Der Fall


Im Frühjahr 2007 will ein Bankkunde etwa 6.000 Euro anlegen. Er äußert klar gegenüber seinem Berater, dass er auf alle Fälle „Ertrag generieren" wolle.

Ihm wurde ein so genanntes Bonuszertifikat empfohlen. Das Papier sollte von der Entwicklung dreier Aktienindizes profitieren und verfügte über einen Risikopuffer: Am Ende der Laufzeit sollte die eingezahlte Summe erstattet und zusätzlich zwei Prozent Bonus per anno gezahlt werden, sofern nicht einer von drei marktbreiten Aktienindizes während der Laufzeit um mehr als 50 Prozent an Wert verlor.

Nach der Lehman-Pleite durchbrach tatsächlich einer der Indizes die gesetzte Grenze. Kapitalschutz und Bonusversprechen waren dahin. Die Wertentwicklung wurde jetzt anhand der tatsächlichen Börsenentwicklungen gemessen. Der Kunde musste schließlich innerhalb von drei Jahren mehr als 50 Prozent Verlust einstecken.

Er verklagte seinen Berater und bekam in der zweiten Instanz vom Oberlandesgericht München Recht. Ein Zertifikat ohne hundertprozentigen Kapitalschutz dürfe der Berater bei dieser Risikoeinschätzung gar nicht anbieten (§ 280 Abs. 1 BGB), lautet die Begründung.

Für die Münchner Richter war erstmals das Risiko der Barrieredurchbrechung maßgeblich. Dieses Risiko sei dreifach gesteigert gewesen: Denn die versprochene Verzinsung entfalle bereits, wenn nur einer von drei "hinterlegten" Indices um mehr als 50 Prozent fallen sollte.

Nach Ansicht des Gerichts traf der Einwand der Bank nicht zu, dass es unvorhersehbar gewesen sei, dass auch nur in einem dieser Wirtschaftsräume der Schnitt der Börsenkurse auf unter 50 Prozent absinken könne. Diverse Krisen auf der Welt hätten seit 1929 gerichtsbekannt gezeigt, dass praktisch keine Entwicklung der Börsenkurse als „rein theoretisch" angesehen werden könne.

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Die Gegenseite

Bei den Gerichtshöfen sind derzeit Klagen gegen mehrere Emittenten von Zertifikaten anhängig. Werden insbesondere Bonuszertifikate richtig verkauft? Oder müsste sich - wie Verbraucherschützer fordern - die Gesetzeslage ändern?

Auf Anfrage von Handelsblatt Online verweist der Deutsche Derivate Verband (DDV) auf eine Checkliste, die vor zwei Jahren gemeinsam mit der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) entwickelt wurde. Insgesamt 18 Punkte sollten Anleger vor einem Kauf abklopfen. Interessierte finden sie unter http://www.derivateverband.de/DEU/Wissen/Checkliste. „Wir weisen immer wieder daraufhin, dass ein Anleger nur ein Produkt kaufen soll, das er auch versteht,“ so ein Sprecher.

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Allgemein gelte stets: Je höher die Renditechance, umso höher das Risiko einer Kapitalanlage. Zudem würden Bonus-Zertifikate in seitwärts tendierenden und leicht fallenden Märkten eine hohe Renditechance bieten. Für stark fallende Märkte seien sie hingegen nicht geeignet.

Wer als Anleger bei Zertifikaten auf Nummer sicher gehen will, müsse stattdessen in Kapitalschutz-Zertifikate investieren, auf die 60 Prozent des gesamten Marktvolumens entfallen. Im Übrigen seien Bonus-Zertifikate, deren Barriere aufgrund der dramatischen Kurseinbrüche unterschritten wurden, nicht wertlos.

Regulatorischen Handlungsbedarf sieht der DDV nicht. Es gebe bereits für alle derivativen Wertpapiere wie Zertifikate, Aktienanleihen und Optionsscheine ein umfassendes gesetzliches Regelwerk. In der Anlageberatung sollten jedoch nur die Produkte empfohlen werden, die der Risikoneigung, den Renditewünschen und der Markterwartung des Anlegers entsprechen. Das sei ja auch seit kurzem in den jeweiligen Beratungsprotokollen zu dokumentieren.

Die wichtigsten Urteile zur Falschberatung

Beratung ohne

Die Gerichte müssen sich immer wieder mit dem Thema fehlerhafte Anlageberatung beschäftigen. Die Fälle sind immer individuell. Eine Auswahl von richtungsweisenden Urteilen für verschiedene Lebenslagen zeigt, welche Chancen Opfer von falscher Beratung haben.

Versteckte Kosten

Bankberater, die eine Anlageempfehlung aussprechen, müssen alle Provisionen offen legen, die sie erhalten. Dazu gehören sämtliche Rückvergütungen, der Ausgabeaufschlag, einmalige Provisionen oder zum Beispiel Bestandsprovisionen aus der laufenden Managementgebühr. Werden nicht sämtliche Provisionen offengelegt, kann der Anleger Schadensersatz geltend machen. Bundesgerichtshof (Aktenzeichen: XI ZR 56/05)

Provisionen offenlegen

Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs müssen Banken über Provisionen aufklären, die sie beim Verkauf von Anlageprodukten erhalten. Wenn die Bank nicht ausreichend informiert hat, können Privatanleger auch nach Ablauf der Verjährungsfrist von drei Jahren das Geschäft rückgängig machen. Bundesgerichtshof (Aktenzeichen: XI ZR 586/07)

Mangelnde Auskunft

Will ein Kunde Anleihen kaufen, muss der Berater bei Auslandsanleihen über das Risiko des Zahlungsausfalls informieren. Wenn er dieser Pflicht nicht nachkommt oder Bedenken des Anlegers nicht ernst nimmt, ist die Bank schadensersatzpflichtig. Im behandelten Fall hatte das Geldhaus der Klägerin Argentinien-Anleihen empfohlen, obwohl diese auf eine sichere Geldanlage Wert gelegt hatte. Oberlandesgericht Bamberg (Aktenzeichen: 5 U 246/05)

Kritische Presseberichte

Berater müssen darüber informieren, wenn in der Presse Kritik an einem bestimmten Finanzprodukt laut wird. Die Bank muss ihre Geldhäuser darüber in Kenntnis setzen, wenn sich in der anerkannten Wirtschaftspresse derartige Berichte häufen. Bundesgerichtshof (Aktenzeichen: XI ZR 89/07)

Begrenzte Einlagensicherung

Banken, die ihren Kunden nur eine begrenzte Absicherung der Einlagen bieten können, müssen darüber informieren. Der Bundesgerichtshof hat in diesem Fall die Rechte von Bankkunden gestärkt. Die Geldinstitute müssen ihre Kunden unmissverständlich darauf hinweisen, wenn ihre Spareinlagen nur bis zur Höhe der gesetzlichen Einlagensicherung geschützt sind. Bundesgerichtshof, (Aktenzeichen: XI ZR 152/08 und XI ZR 153/08)

Schadenersatzansprüche wegen Falschberatung

Die Deutsche Bank muss 540.000 Euro Schadenersatz an einen mittelständischen Unternehmer bezahlen, dem sie zum Kauf von hochspekulativen Zinswetten geraten hat, ohne vorher im notwendigen Umfang beraten und aufgeklärt zu haben. Der Kunde investierte in ein hochkomplexes Swap-Geschäft und die Zinsen entwickelten sich anders als erwartet. Das Gericht sah zudem einen Interessenkonflikt der Bank. Bundesgerichtshof (Aktenzeichen XI ZR 33/10)

Haftung einer Direktbank

Wenn ein Anleger einen Depotvertrag mit einer Direktbank abschließt, entscheidet er sich bewusst gegen das klassische Angebot einer Filialbank. Gibt eine Direktbank eine Empfehlung, so muss diese transparent und richtig sein. Eine Verpflichtung zu einer umfassenden und vollständigen Anlageberatung ergibt sich daraus nicht. Amtsgericht München (Aktenzeichen 111 C 24503/09)

Vermittler haften

Anlagevermittler müssen Immobilienfonds auf Wirtschaftlichkeit überprüfen hinweisen. So müssen sie das Anlagekonzept zumindest auf Plausibilität hin prüfen. Bundesgerichtshof, (Aktenzeichen III ZR 144/10)

Aufklärungspflicht beachten

Das Landgericht Frankfurt bestätigt seine Rechtsprechung, wonach eine Aufklärungspflicht über die Vertriebsvergütung besteht und andernfalls eine Schadensersatzpflicht vorhanden ist.
Landgericht Frankfurt (Aktenzeichen 2-190 116/09)

Telefonisch beraten

Wenn bei einer Anlageberatung Twin-Win-Zertifikate empfohlen werden, muss über das Rückzahlungsszenario bei Berühren oder Unterschreiten der Sicherheitsschwelle unterrichtet werden. Zudem muss die Bank auch über ein vorzeitiges Kündigungsrecht des Emittenten aufklären. Die Beratung erfolgte telefonisch. Über das komplexe Produkt muss aber auch mit schriftlichem Material aufgeklärt werden, so das Gericht. Oberlandesgericht Frankfurt (Aktenzeichen 17 U 207/09)

Kommentare (3)

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Petra

29.09.2011, 09:59 Uhr

Zertifikate sind Wetten gegen die Bank ("Die Bank gewinnt immer!"), wobei die Bank sofort 100% des Wetteinsatzes kassiert, keine Sicherheiten bietet und die Wettregeln ändern kann!
Wer in Zertifikate investiert ist selbst schuld! Kein Mitleid mit Menschen, bei denen gilt: "GIER FRISST HIRN"

Willie

29.09.2011, 13:46 Uhr

erklären Sie mal, wieso "die Bank die Wettregeln ändern kann"..... nur damit das ganze sachlich bleibt, danke.

PolitischInkorrekt

29.09.2011, 17:47 Uhr

Wenn der Kunde "auf alle Fälle Ertrag generieren" will, ist er m. E. selbst verantwortlich, wenn das ganze den Bach runtergeht. Typisch deutsch: wenn's schiefgeht, sind immer nur die anderen schuld und es wird notfalls jahrelang nach einem Schuldigen gesucht, auch wenn er von noch so weit an den Haaren herbeigezogen wird. In unserem Land unterstützt inzwischen sogar die ober- und höchstrichterliche Rechtsprechung diese Mentalität, daß ein mündiger, wahlberechtigter Erwachsener nicht mehr selbst für sein Tun und Handeln verantwortlich ist - es sei denn, er geht alles gut. Dann - natürlich - war man selbst der Beste...

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