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22.12.2011

16:09 Uhr

Streitfall des Tages

Wenn Wildtiere Städter belästigen

VonRenate Reckziegel

Bei Morgengrauen erklingt ein Krächzen aus Hunderten von Kehlen: Krähen rauben den Badenern den Schlaf. Anderswo bedrohen Waschbären, Füchse und Marder die Einwohner. Was Städter gegen tierische Störenfriede tun können.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.



Der Fall


Im baden-württembergischen Offenburg häufen sich die Klagen im Rathaus: Saatkrähen haben die 60.000-Einwohner-Stadt zwischen Karlsruhe und Freiburg für sich entdeckt. Zu Hunderten nisten die schwarzen Rabenvögel in Kolonien in den Kronen hoher Pappeln und Erlen.

Gerade im Frühjahr und Sommer, wenn die Tiere in der frühen Dämmerung lauthals krächzend den neuen Tag begrüßen, ist für Anwohner an Schlaf nicht mehr zu denken. „Eine erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität“, urteilt Boris Klatt von der Stadt Offenburg. Bei dem Leiter des Bürgerbüros flattern dann die Beschwerden ein.

Viel tun kann die Stadtverwaltung jedoch nicht: Denn die Tiere stehen unter Naturschutz, selbst Vergrämungsaktionen, um die Vögel zu verscheuchen, müssen genehmigt werden. „Die Hürden, selbst kleinste Maßnahmen zu ergreifen, sind sehr hoch“, urteilt Klatt. „Man darf im Prinzip gar nichts machen.“

Vor diesem Hintergrund hat sich Offenburg im November mit einer Resolution an den Bundestag gewandt und hofft, dass andere Städte folgen. Die Forderung: Das Bundesnaturschutzgesetz so zu ändern, dass „bestandsregulierende Maßnahmen“ – beispielsweise Eier aus Nestern zu entfernen – und das Jagen erlaubt sind, wenn Saatkrähen in Städten zum Störfaktor werden.

Strategien gegen Wildschwein, Fuchs & Co.

Wildschweine

Wildschweine werden mehr und mehr am Rand von Großstädten heimisch. Den Allesfressern ist Biomüll oder Kompost immer willkommen. Auch Abfälle, die Einwohner am Waldrand entsorgen, lockt die Tiere in die Nähe von Städten wie Frankfurt, Köln und Bonn.

In Berlin ist es bei einer Strafe von bis zu 5000 Euro verboten, Wildschweine zu füttern, um die Tiere nicht noch weiter in die Stadt zu locken. „Das sind Wild- und keine Haustiere“, warnt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdschutzverband vor falsch verstandener Tierliebe. „Sie finden immer genug Nahrung – auch im Winter.“ Grundstücke lassen sich mit einem Zaun sichern, der einen halben Meter tief L-förmig in der Erde verankert ist.

Füchse

Füchse gehören zu den Kulturfolgern, können sich also an Gegebenheiten und damit auch das menschliche Umfeld gut anpassen. Sie lockt das Nahrungsangebot der Wegwerfgesellschaft in die Stadt, außerdem müssen sie dort keine Angst vor Jägern haben. Füchse jagen Ratten, Tauben und Mäuse.

Die scheuen Tiere sind eigentlich ungefährlich, sie übertragen aber Krankheiten, die auch für Menschen gefährlich werden können, wie Räude, Tollwut und Echinokokkose durch den Kleinen Fuchsbandwurm. Dann lohnt der Gang zur Polizei oder zum Jäger.

Marder

Marder auf dem Dachboden können Bewohnern den Schlaf rauben. Sie schaffen es auch, das Auto lahmzulegen, wenn sie Kabel anknabbern. „Bei Mardern helfen einfache Vergrämungsmethoden“, sagt Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdschutzverband.

Manchmal reicht es, dafür zu sorgen, dass Äste von Bäumen nicht zu nah ans Haus reichen, oder Schlupflöcher zwischen Dachpfanne und -ziegeln zu schließen. Beim Auto helfen Drahtgestelle unter dem Radkasten. Bei Bedarf sind es die Jäger vor Ort, die Tipps geben, was im konkreten Fall zu tun ist.

Waschbären

Waschbären fühlen sich in menschlichen Siedlungen wohl und erreichen dort höhere Populationsdichten als in der freien Landschaft. Die Zahl der Waschbären ist in den vergangen zehn Jahren drastisch gestiegen. Obwohl laut Bundesjagdgesetz keine jagdbare Art, wurde in den Bundesländern mit Ausnahme von Bremen und dem Saarland eine Jagdzeit für den Waschbären eingeführt. Wurden im Jahr 2000 an die 10.000 Stück erlegt, stieg diese Zahl laut dem Jahresbericht des Deutschen Jagdschutzverbands im Jahr 2008/2009 auf mehr als das Fünffache.

Waschbären lieben Biotonnen und richten es sich in Schuppen, Garagen und Dachböden wohnlich ein. Insofern können sie für Städter ähnlich lästig werden wie Marder. Entsprechende Schlupflöcher sind mit einem starken Draht schnell sicher verschlossen. Auch ein Anruf beim Jäger kann sich lohnen.

Wildkaninchen

In Städten mit halboffenen Strukturen und Sandboden wie auf Friedhöfen, in Grünanlagen, Gärten, Höfen oder auf Flugplätzen finden Wildkaninchen gute Lebensbedingungen. Treten die possierlichen Nager in großer Dichte auf, knabbern sie auch Stauden und Gehölze in Gärten an sowie die Rinde junger Bäume.

Mit 20 Zentimeter tiefen Zäunen und Drahtmanschetten an Bäumen und Gewächsen sind Grundstücke gegen solche Übergriffe gut zu schützen. Selbst gebastelte Fallen oder Schlingen sind verboten.

Die Gegenseite


Helmut Opitz, Vizepräsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu), kann sich noch gut an Zeiten erinnern, in denen Saatkrähen eine Seltenheit waren. Der Rabenvogel galt als bedrohte Tierart. „Wir haben uns immer gefreut, wenn wir mal einen gesehen haben.“ Erst in den vergangenen 20 Jahren haben Saatkrähen wieder Fuß gefasst. Und das vor allem in Städten entlang des Oberrheins.

Denn mittelgroße Kommunen bieten den Koloniebrütern ein vergleichsweise attraktives Umfeld: Dort gibt es Parkbäume zum Nisten, die offene Landschaft mit ihren Nahrungsquellen ist nicht weit und natürliche Feinde fehlen. Der städtische Müll ist für die Tiere ein gefundenes Fressen.

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„Wir können froh sein, dass es überhaupt eine Saatkrähen-Population gibt und sich die Tiere in der Stadt ansiedeln“, sagt der Naturschützer, der angesichts des weltweiten Verlusts der Artenvielfalt an die Toleranz betroffener Anwohner appelliert: „Saatkrähen schaden niemandem, sie sind höchstens lästig.“ Lärm und Dreck sind für Helmut Opitz längst kein Grund, die Tiere zu vertreiben oder gar zu jagen. Außerdem bezweifelt der Nabu-Vizepräsident, ob das Krähen-Geschrei im Vergleich zu anderen städtischen Lärmquellen wie Motorräder oder Güterzüge wirklich so stört.

Vergrämungsaktionen greifen nach Einschätzung des Nabu-Vizepräsidenten übrigens sowieso nicht: Wer die Vögel nur vertreibt, muss damit rechnen, dass sie sich an anderer Stelle in der Stadt neu formieren. „Es bliebe als Alternative höchstens, die Horstbäume zu fällen oder die Population ganz auszurotten. Halbe Sachen gibt es da nicht.“

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Kommentare (12)

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Account gelöscht!

22.12.2011, 11:59 Uhr

Schwacher Beitrag, der die höchst einseitigen Ansichten von Jägern, Behörden und vermeintlich von belästigten Tieren Städtern viel zu hoch bewertet. Wo bleibt der Schutz für die bedrohte Kreatur, der immer mehr Raum zum Leben genommen wird? Das Übel ist der Mensch. Was kommt als nächstes? Hunde weg, wie in der Ukraine? Ein Thema, über das an dieser Stelle viel zu einsilbig berichtet wird.

Mensch

22.12.2011, 12:08 Uhr

Bei euch Naturschützer wie ihr euch nett. Hab ich den Eindruck der Mensch ist nichts mehr Wert!

Account gelöscht!

22.12.2011, 16:39 Uhr

Der gute Herr Opitz hat doch offensichtlich keine Ahnung.
Ich habe mal in der Nachbarschaft von Saatkrähen gewohnt. Da ist der normale Verkehrslärm aber echt lächerlich.
Ich bin auch gegen Abschießen, aber mildere Verteibungsmaßnahmen halte ich durchaus für gerechtfertigt. Wenn sie permanent zu wenig Schlaf bekommen, dann macht das z. B. krank - aber das muss man in den Augen der Tierschützer wohl in Kauf nehmen.

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