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31.08.2011

11:29 Uhr

Streitfall des Tages

Wie Apotheker Kunden und Kassen austricksen

VonBarbara Moormann

Manchmal rechnen Apotheker Medikamente ab, die sie gar nicht verkaufen. Kunden erhalten Tabletten, die ihnen gar nicht verschrieben wurden. Wie Apotheker tricksen und wann Patienten misstrauisch werden sollten.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall

Der Trick kam völlig überraschend. Der Patient D nahm das Rezept von seinem Arzt und ging damit in die nächste Apotheke. Er wollte einfach nur das Medikament, das der Arzt ihm empfohlen hatte.

Doch es kam anders: Er bekam nicht die aufgeschriebene Tablette, sondern nur eine ähnliche. Denn manche Medikamente werden von mehreren Herstellern angeboten. Und wenn da der Apotheker mal eine andere nimmt, fällt das in der Regel nicht auf. Und Apotheker gelten den meisten Patienten als Vertrauensperson.

Doch dem geprellten Patienten fiel der Trick auf. Er sollte laut Arzt seine Tablette teilen. Nun waren es aber Kapseln in der Schachtel. Und die lassen sich nun mal nicht teilen.

Die Gegenseite

Ralf Oberbauer ist Apotheker in Kempten. Ihn wundert es gar nicht, wenn Patienten statt der erhofften Tabletten plötzlich Kapseln in der Schachtel finden. Im Gegenteil, das sei normal. „Das liegt einfach an den Rabattverträgen. Wir Apotheker können da nicht viel machen. Wir müssen oft das Produkt eines anderen Herstellers verkaufen“.

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Rabattverträge schließen Krankenkassen mit Pharmafirmen. „Und wir sind nur ausführende Organe“, so Oberbauer. Das Problem: „Tauschen wir die Mittel nicht aus, dann besteht für uns die Gefahr, dass uns Krankenkassen in Regress nehmen.“

Es gibt mit diesem Rabatt auch andere Schwierigkeiten. So sind bestimmte Arzneimittel, für die Kassen einen Rabatt mit den Herstellern aushandelten, gar nicht lieferbar. Eigentlich muss der Apotheker sie verkaufen, weil der Rabattvertrag es so vorsieht. Doch faktisch kann er es nicht, weil er die Pille gar nicht in seinem Regal hat.

Entsprechend wird der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes Fritz Becker zitiert, es sei grotesk, „wenn die Krankenkassen Verträge mit Herstellern abschließen, die nicht eine einzige Packung liefern können - und am Ende die Apotheken für die Folgen verantwortlich gemacht werden“.

Die Tricks der Apotheker

Verkauft aber noch nicht auf dem Markt

Das ist der aktuellste Fall. Laut Medienberichten wurde AOK ist möglicherweise Opfer eines massiven Rezeptbetrugs geworden. So sollte sie an einige tausend Apotheken für verkaufte Medikamente zahlen, die überhaupt noch nicht auf dem Markt sind. Was die Patienten stattdessen bekamen ist noch unklar. Und der Hersteller hat aber trotzdem Rechnungen für den gesetzlich festgelegten Großhandelsrabatt erhalten.

So werden billige Medikamente teuer

Er wurde bereits wegen Medikamentenbetrug zu zwei Jahren Bewährung verurteilt. Das Landgericht Lübeck hat einen Apotheker für schuldig erklärt. Er soll zwischen 2004 und 2008 verbilligte, ausschließlich für den Klinikgebrauch bestimmte Medikamente eingekauft und diese anschließend zu regulären Preisen an Altenheime, Gefängnisse, Arztpraxen und Pharmagroßhändler weiterverkauft haben. Über Jahre hatte der 67-Jährige so erhebliche Zusatzeinnahmen erwirtschaftet.

Aus groß mach klein

Medienberichten zufolge, sollen Apotheken häufig statt einer verschriebenen, teuren Großpackung des Magenmittels Omeprazol mehrere kleine ausgeben, die sie von den Herstellern günstiger bekommen. Die Ersparnis käme allerdings nicht den Krankenkassen zugute, sondern verblieben in den Unternehmen. Die Sache scheint sich zu lohnen: Der Profit soll teilweise viermal höher sein als der Betrag, der normalerweise abzurechnen wäre.

Medikamentenfälschung

Vor dem vor dem Braunschweiger Landgericht muss sich 53 Jahre alter Apotheker verantworten, der widerrechtlich Fertigpräparate aus dem Ausland importiert und zur Herstellung von Krebsmedikamenten eingesetzt haben soll. Laut Anklage, soll er in rund 2.500 Fällen nicht in Deutschland zugelassene Grundstoffe für die Zubereitung von Infusionslösungen eingesetzt haben. Für diese gefälschten Krebsmedikamente soll er dann mehr als eine Million Euro kassiert haben.

Abrechnung ohne Aushändigung

Ein Apotheker aus Berlin steht in Verdacht, zwischen 2007 und 2009 gewerbsmäßig Rezepte über sehr teure HIV-Medikationen gegenüber den Krankenkassen abgerechnet zu haben, ohne die verordneten Mittel an Patienten ausgehändigt zu haben. Dadurch soll ein Schaden von rund zehn Millionen Euro entstanden sein. Laut Staatsanwaltschaft erschlichen sich Patienten bei Ärzten erheblich mehr Rezepte, als sie brauchten. Die Rezepte sollen dann von dem Apotheker aufgekauft und gegenüber den Krankenkassen so abgerechnet worden sein, als habe der Patient die verordneten Medikamente erhalten. Der Wert pro Verordnung lag bei durchschnittlich 2000 Euro.

Kommentare (11)

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norbert

14.09.2011, 17:24 Uhr

Wo tricksen denn die Apotheke ?
Sie verhalten sich exakt vertragskonform!
Wo ist die falsche Abrechnung, die der BPI vermutet ?
Ein Schelm, der böses bei einer BPI-Äußerung vermutet ...

Schlemihl

14.09.2011, 17:32 Uhr

GLÜCKWUNSCH! Der Sachverhalt der Rabattverträge ist sachlich richtig dargestellt.(nicht selbstverständlich!)
Warum dann aber dieser hetzerische Titel des Beitrags?
Wo ist die Trickserei, wenn der Apotheker die (gesetzlich festgeschriebenen) Vorgaben der Krankenkassen erfüllt?

Account gelöscht!

14.09.2011, 19:40 Uhr

Einmal andersrum gefragt: Wann fängt eigentlich Betrug an?

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