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17.02.2012

09:27 Uhr

Streitfall des Tages

Wie Kinderlose benachteiligt werden

VonCatrin Gesellensetter

Strafzahlungen für Kinderlose – mit diesem Vorschlag haben junge Unionspolitiker eine hitzige Debatte über Familienförderung in Deutschland entfacht. Doch stehen Kinderlose wirklich soviel besser da als Eltern?

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall

Der Schock sitzt tief. Angesichts des „schwierigen gesamtwirtschaftlichen Umfelds“, so die Ansage der Geschäftsleitung eines mittelständischen IT-Dienstleisters, „sehe sich man sich leider gezwungen, am Standort München betriebsbedingte Kündigungen auszusprechen“.

Fünf der 25 Mitarbeiter müssten das Unternehmen verlassen. Die Versicherungen, das Unternehmen werde bei der Auswahl „selbstverständlich darauf achten, die Maßnahme sozial ausgewogen zu gestalten“ – ein schwacher Trost.

Zumindest für jene, die der Gesetzgeber in der Schutzbedürftigkeitsskala ganz nach unten gesetzt hat. Häufig sind das besonders junge Kollegen, Singles und, allen voran, Mitarbeiter, die keine Kinder haben.

Die Relevanz

Familienpolitik, von Altkanzler Gerhard Schröder einst als „Gedöns“ für Frauen geschmäht, ist heute mehr denn je Bestandteil der Wirtschaftspolitik – und knallharte Kalkulation. Nach Kräften wird versucht, den Schutz von Eltern und deren Kindern in möglichst vielen Lebensbereichen voranzutreiben. Nicht aus Altruismus, sondern im Sinne der Ökonomie.

Es gilt, Frauen zum Gebären zu animieren und endlich dafür zu sorgen, dass wieder ausreichend Kinder zur Welt kommen, die mittelfristig die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland sichern. Bislang sind die Erfolge – was die Geburtenraten angeht – jedoch eher mäßig.

Entsprechend überschlagen sich Vertreter aller Parteien in immer kürzeren Abständen mit Vorschlägen zur Familienförderung. Einige besonders emsige Vertreter der jungen Union schlagen nun sogar vor, Kinderlose mit Strafzahlungen zu belegen. Schließlich leisteten sie ja sonst keinen Beitrag zur Zukunft des Landes.

Was Muttern und Vätern zusteht – eine Auswahl

Mutterschaftsgeld

Schwangere Frauen, die in einem Arbeitsverhältnis stehen, befinden sich sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Entbindung im Mutterschutz. Sind sie gesetzlich krankenversichert, bekommen sie in dieser Zeit bis zu 13 Euro am Tag von ihrer Versicherung – die Differenz zum bisherigen Netto zahlt der Arbeitgeber.

Wer in der Schwangerschaft auf Arbeitslosengeld I angewiesen ist, erhält ebenso viel Mutterschaftsgeld wie vorher Arbeitslosengeld. Selbstständige bekommen 70 Prozent ihres Arbeitseinkommens als Mutterschaftsgeld. Weiterer Vorteil: Während Schwangerschaft und Mutterschutz darf eine Frau nicht gekündigt werden.

Kindergeld

Für alle minderjährigen Kinder zahlt der Staat an die Eltern Kindergeld. Der Anspruch verlängert sich bis zum 25. Lebensjahr, wenn und solange sich ein Kind in Ausbildung befindet. Aktuell liegen die Sätze für das erste und zweite Kind bei 184 Euro, für das dritte Kind bei 190 Euro und für jedes weitere bei 215 Euro. Alternativ können Eltern den Kinderfreibetrag in Anspruch nehmen.

Elterngeld

Eltern, die nach der Geburt ihres Kindes auf eine (volle) Erwerbstätigkeit verzichten, können Elterngeld erhalten. Es ersetzt 65 Prozent des monatlichen Erwerbseinkommens, das bis zu der Geburt des Kindes erzielt wurde. Der Mindestbetrag liegt bei 300 Euro, der Höchstbetrag bei 1800 Euro pro Monat. Das bedeutet: Wer 2770 Euro netto oder mehr verdient, bekommt den Höchstsatz.

Elternzeit

Berufstätige Eltern haben nach der Geburt ihres Kindes drei Jahre lang Anspruch auf Elternzeit. Ähnlich wie während der Mutterschutzfristen besteht für den Arbeitgeber in dieser Zeit ein Kündigungsverbot – und zwar unabhängig von der Dauer der Elternzeit. Es beginnt ab dem Zeitpunkt des Antrags, höchstens jedoch acht Wochen vor Beginn der Elternzeit.

Bafög

Insbesondere Studierende an Hochschulen und bestimmte Schülergruppen werden mit BAföG gefördert, wenn die Eltern nicht genug Geld haben, um deren Ausbildung zu finanzieren. Der Höchstbetrag liegt bei 670 Euro pro Monat. Bafög wird je zur Hälfte als zinsloses Darlehen und als Zuschuss vom Staat gezahlt

Riesterförderung

Eltern, die einen Riester-Vertrag zur privaten Altersvorsorge abschließen, erhalten jährlich eine Kinderzulage vom Staat. Sie liegt für jedes ab 2008 geborene Kind bei 300 Euro.

Der Experte

Warum der Verteilungskampf zwischen Eltern und Nicht-Eltern (beziehungsweise den Fürsprechern der einzelnen Gruppen) aktuell so eskaliert, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. „Das Wissen, dass den Deutschen ein paar Kinder mehr ganz gut zu Gesicht stünden, hatte man bereits in den 1970er-Jahren“, sagt Detlev Lück, Familiensoziologe am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden.

Ganz so dramatisch, wie die Politik bewertet der Wissenschaftler die Lage allerdings nicht. Sanktionen für Kinderlose lehnt er daher auch strikt ab. „Es ist klar, dass der Staat versucht, Familien nach Kräften zu unterstützen“, so der Experte. Eine Bestrafung von Menschen, die sich gegen eine eigene Familie entschieden haben, sei hingegen nicht zielführend.

Streitfall des Tages: Wann Kinder für ihre Eltern zahlen müssen

Streitfall des Tages

Wann Kinder für ihre Eltern zahlen müssen

In Deutschland haften Kinder für ihre Eltern. Auch wenn Familien tief zerstritten sind, sind Kinder zum Unterhalt verpflichtet. Wofür der Nachwuchs zahlen muss und welche Forderungen unrechtmäßig sind.

Dies gelte umso mehr, als, rein ökonomisch betrachtet, eben jene Kinderlose über Steuerzahlung oder durch ihre Beiträge zur Sozialversicherung die Förderung von Eltern und Kindern maßgeblich mitfinanzierten. Und die ist – auch wenn wohl noch mehr ginge – schon heute durchaus umfangreich.

Kommentare (35)

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Hermann

17.02.2012, 10:08 Uhr

Die Aussage, dass Kinderlose über Steuern und Sozialversicherungsbeiträge die Förderung von Eltern und Kindern massgeblich mitfinanzierten, ist schlicht falsch.

Es ist immer in der generationenübergreifend zu rechnen (Bitte selbst nachrechnen!): Wenn vier Kinder vorhanden sind und sie durchschnittliche Sozialabgaben erwirtschaften, zahlen sie z.B. wesentlich mehr (mehrere 100 EUR pro Monat pro Kind/Einzahler!) in die Rentenversicherung ein, als bei den eigenen Eltern und Schwiegereltern ankommt. Dies gilt ebenso für KV und PV.

Wen wundert es dann noch, dass auch Kinder aus Grossfamilien sich nun entscheiden, selbst keine Kinder mehr zu haben.

Nur es ist doch klar, dass die Systeme und das Volk zusammenbrechen, wenn es keine Kinder mehr gibt. Es ist schlicht nicht finanzierbar, anstelle von Kindern auf Rücklagen (die dann auch nur im Ausland mit hohen Risiken angelegt werden könnten) zu setzen.

Wir benötigen deshalb einen echten Befreiungsschlag, der schlagartig auch zu mehr Gerechtigkeit führen würde.

Mein Vorschlag: Abschaffung der obligatorischen Rentenversicherung, dafür aber Einführung der Pflicht, für die eigenen Eltern im Alter zu sorgen. Wenn dann der Lastenausgleich innerfamiliär erfolgt oder sich einige Familien freiwillig zusammenschliessen, werden vor allem Grossfamilien deutlich entlastet.

Man bräuchte dann lediglich eine Grundabsicherung, die das Risiko, dass Kinder ausfallen (z.B. durch Tod oder andere Fälle) abdeckt.

Uebrigens richtet sich das 4. Gebot an Erwachsene!

Ich bin überzeugt, dass dann auch Familien viel besser zusammenhalten würden und wir weniger Scheidungen und weniger Unglück in unserer Gesellschaft hätten.

Selber

17.02.2012, 10:10 Uhr

Rein wirtschaftlich betrachtet sind Kinder für die heutige Sandwich-Generation wirtschaftlich belastend. Wir zahlen die Renten und Fehler der Alten und wollen den Kindern ein noch besseres Leben ermöglichen. Ich sorge für vier Kinder, verdiene gut, und die Familie war trotzdem schon mehrfach kurz vor dem Ruin.

Aber Kinder geben viel mehr zurück als Geld. Geld allein macht eben nicht glücklich. Wer nachdenkt und ein Wertegerüst hat, der hat entweder Kinder oder akzeptiert Kinder als wichtigen Teil der Gesellschaft. Wir haben viele wohlhabende Freunde, für die es jetzt zu spät ist zum Kinder bekommen, und die uns heimlich beneiden.

Dafür weiß ich halt schon heute, dass meine Partnerin und ich vermutlich arme Rentner werden. Wenn wir alles richtig gemacht haben, werden uns unsere Kinder dann unterstützen, so wie es die menschliche Sippengemeinschaft außer in den übersättigten Industrieländern seit Jahrtausenden vorsieht.

Sancho

17.02.2012, 10:11 Uhr

Ist das alles?
Sie sollten dem die Kosten u n d die Verpflichtungen und Nachteile der Eltern gegenüberstellen!
Unlängst hat der BGH entschieden, dass ein 76jähriger Vater für seine 53jährige Tochter, die Sozialhilfe beantragt hatte, Unterhalt zahlen muss.
Durch die Verpflichtung von gegenseitiger Unterhaltszahlung und Unterhaltszahlungen für Kinder, Eltern und Schwiegereltern (Verdeckte Unterhaltspflicht) z e i t l e b e n s, gehen Eltern und Ehepaare
ein fast unkalkulierbares Risiko ein.
Der Staat spart diese Ausgaben in Milliardenhöhe.
Davon wird nicht berichtet.

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