Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.12.2011

15:06 Uhr

Streitfall des Tages

Wie Sie sich gegen Auskunfteien wehren

VonRenate Reckziegel

Auskunfteien erstellen Prognosen, wie wahrscheinlich es ist, dass einzelne Kunden ihre Rechnungen bezahlen. Doch diese Einschätzungen stimmen oft nicht. Was Betroffene tun können, die nicht mehr als zahlungsfähig gelten.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.


Der Fall


Kleider per Katalog hat sie schon oft bestellt. Immer ohne Schwierigkeiten. Doch von dem neuen Versandhaus erhält die 45-Jährige statt des erwarteten Pakets ein Schreiben, das ihr mitteilt, dass sie nicht auf Rechnung bestellen kann, sondern nur per Vorkasse. Der Grund: „Ihr Credit-Score ist leider nicht ausreichend.“

Dieser Credit-Score, so lässt das Versandhaus weiter wissen, wird von der Firma Infoscore Consumer Data GmbH, Baden-Baden, ermittelt. Die Kundin, die sich selbst in die Rubrik „zahlungskräftig“ einordnen würde, ist verblüfft. Sie findet heraus, dass es sich um eine Konsumenten-Auskunftei handelt und holt eine Selbstauskunft zu ihren dort gespeicherten Daten ein.

Das Ergebnis: Die Bonitätsauskunft, die klärt, ob ein Konsument Schulden hat oder bereits Inkassoverfahren gegen ihn angestrengt wurden, beinhaltet keinerlei negative Einträge. Dass passt. Doch das Scoring, also der Prognose, ob die 45-Jährige auch in Zukunft ihre Rechnungen bezahlen kann, fällt anders aus: Während die Schufa die 45-Jährige mit einem Wert von 98,44 Prozent als Kundin mit „sehr geringem Risiko“ einstuft, schneidet sie bei Arvato Infoscore in Baden-Baden viel schlechter ab:

Mit 440 von 700 erreichbaren Punkten liegt ihre „Erfüllungswahrscheinlichkeit“ unter dem Durchschnitt. Ein Witz: Die erfolgreiche Selbstständige müsste als zahlungskräftiger Single eigentlich zur begehrten Zielgruppe von Versandhäusern gehören. Doch stattdessen fürchtet sie jetzt, dass sie aufgrund dieses Scorings in Zukunft bei Online-Bestellungen öfter Schwierigkeiten bekommen wird. Und vielleicht auch bei Bankkrediten oder Handyverträgen.

Wie sich Kunden gegen ein falsches Scoring wehren

Transparenz

Kunden, denen aufgrund des Scorings eine Vertragsleistung verweigert wird, sollten bei dem betreffenden Unternehmen eine Begründung für die Ablehnung verlangen. Laut § 6a Bundesdatenschutzgesetz steht Betroffenen zu, dass ihnen die wesentlichen Gründe dieser Entscheidung mitgeteilt und erläutert werden.

Datenschutz

Wer zweifelt, ob die Berechnung des Scorings seriös ist, kann sich an den Datenschutzbeauftragten des Landes wenden, in dem die Auskunftei ihren Sitz hat. Denn er hat die behördliche Aufsicht und kann Einblick in Berechnungsverfahren nehmen. Das ist die einzig wirkliche Kontrollmöglichkeit, die Verbraucher haben, wenn sie nicht gleich Sachverständige und Gerichte bemühen wollen.

Kontakt suchen

Unter Umständen lohnt es sich, mit der Auskunftei selbst Kontakt aufzunehmen. Laut Geschäftsführer Wolfgang Hübner gibt es bei Arvato Infoscore die Möglichkeit, externe Scorewerte im Rahmen einer Sperrung „neutralisiseren“ zu lassen, das heißt einer Übermittlung grundsätzlich zu widersprechen. „Dazu ist eine entsprechende schriftliche Nachricht an uns ausreichend.“

Die Gegenseite


Gerade kleinere Versandhändler und Onlineshop-Betreiber sind täglich dem Risiko von Zahlungsausfällen ausgesetzt. Wie die Schufa mitteilt, ist gerade der Kauf auf Rechnung für Unternehmen riskant, weil er mit höheren Zahlungsausfallquoten verbunden ist. Laut dem E-Payment-Barometer von ibi research an der Uni Regensburg beklagen 31 Prozent der Händler beim Kauf auf Rechnung einen Zahlungsausfall von mehr als drei Prozent. Bei Kreditkarten-Zahlung verzeichnen nur sechs Prozent der Händler nennenswerte Ausfälle.

Streitfall des Tages: Wenn sich der Schuldeneintreiber meldet

Streitfall des Tages

Wenn sich der Schuldeneintreiber meldet

Das Geschäftsmodell ist Einschüchtern und Verunsichern: Mit Drohschreiben treiben unseriöse Inkassobüros Geld für angebliche Bestellungen ein. Wann Betroffene reagieren müssen und warum manche für Nichts zahlen müssen.

Das kann Unternehmen in finanzielle Schieflage bringen, warnt die Schufa – „gerade bei kleineren Unternehmen wirkt sich dies schnell zur Existenzbedrohung aus“. Insofern versuchen Unternehmen, schwarze Schafe unter neuen Kunden schon im Vorfeld auszusortieren. Wirtschaftsauskunfteien wollen Online-Händlern mit dem Scoring eine Möglichkeit bieten, ihr Risiko zu begrenzen. Arvato macht darauf aufmerksam, dass falsche Scores nach schriftlicher Stellungnahme neutralisiert werden können.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Thomas-Melber-Stuttgart

01.03.2012, 10:19 Uhr

Nun, eine Anzeige wegen Kreditgefährdung u.a. wäre doch ein erster Schritt.

black

01.03.2012, 12:11 Uhr

Diese Auskünfte kann man doch meistens in der Pfeife rauchen; wie es im Artikel bereits erwähnt wurde: Geschäftsinhalt dieser Auskunfteien ist: Verkauf von Informationen. Scheinbar spielt die Qualität dieser Informationen es eine untergeordnete Rolle; wenn man real erlebt ( als Firma ) wie Auskunfteien Informationen einholen oder einholen wollen. Sowas dilettantisches hab ich noch nicht erlebt...und da gehören auch Firmen wie Cxxx und co dazu

assaas

01.03.2012, 13:05 Uhr

Ich finde ebenfalls dass die Beweispflicht hier bei den Auskunfteien liegen sollte. Und das diese voll Haftbar zu machen sind und Klagewege erleichtert werden müssen.

Ich selbst bin erstaunt was da passiert.
Mir wurden, weil mich die Coface nicht kannte nur 10k€ Volumen zugeteilt. Ich bin R. Mein Auftragsempfänger lehnte deshalb ab einen 50k€ Auftrag entgegen zu nehmen.
Nun muss ich aktiv werden und der Coface meine Geschäftszahlen offen legen damit mein Limit erhöht wird.
Ich finde das mehr als ärgerlich und empfinde das als Nötigung.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×