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29.05.2012

10:21 Uhr

Streitfall des Tages

Wie Stromkonzerne die Kunden überrumpeln

VonRenate Reckziegel

Der Strommarkt ist heiß umkämpft. Energiekonzerne lassen ihre Tarife an der Haustür verticken. Und das, wie Verbraucherschützer beklagen, teilweise mit unseriösen Mitteln. Wie sich Kunden dagegen wappnen.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.


Der Fall

Am 29. März informierten die Stadtwerke Bochum ihre Kunden auf ihrer Website, dass das Landgericht das wettbewerbswidrige Verhalten von RWE-Vertriebsmitarbeiter bei Haustürgeschäften per einstweiliger Verfügung gestoppt hat.

Der Auslöser für den Antrag der Stadtwerke auf Unterlassung: Einen Monat zuvor waren RWE-Mitarbeiter in Bochum unterwegs. Die Masche: Sie behaupteten, als Vorlieferant der Stadtwerke den Strom zu günstigeren Konditionen anbieten zu können, weil der Aufschlag der Stadtwerke entfalle. Um die Kunden zu einem schnellen Vertragsabschluss zu überreden, gaben die Werber außerdem an, dass der Strompreis nur gesenkt würde, wenn man zu RWE wechselte.

Streitfall des Tages: Wenn Vertreter Produkte aufschwatzen

Streitfall des Tages

Wenn Vertreter Produkte aufschwatzen

Telefontarife, Tiefkühlkost oder Lexika: An der Haustür wird vieles verkauft. Einige Vertreter agieren dabei rücksichtslos. Wie Kunden Vertriebler abwimmeln und von nachteiligen Käufen zurücktreten können.

Die Relevanz

Der Strommarkt ist hart umkämpft. Das bekommen Verbraucher inzwischen schon an der eigenen Tür zu spüren. Landauf landab warnen Stadtwerke vor Werbern, die von Haus zu Haus ziehen, um Kunden zum Anbieterwechsel zu bewegen. „Solche Kampagnen sind meist zeitlich und regional begrenzt“, sagt Jürgen Schröder, Energierechtsexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Doch es gibt sie immer wieder. Wie sich Vertreter bei Kunden Einlass verschaffen, ist dabei nicht immer seriös. Manche geben vor, von den örtlichen Stadtwerken oder der Verbraucherzentrale zu kommen. Oder behaupten, den Zähler ablesen zu wollen, um sich Zugang in die Wohnung zu verschaffen.

Im Extremfall müssen Kunden auch auf kriminelle Machenschaften gefasst sein, warnt Schröder: „Man unterschreibt einen Vertrag, unter dem noch ein zweites Blatt liegt, damit sich die Unterschrift durchdrückt.“

Wie Betrüger den Fuß in die Tür bekommen

Vertrieb an der Haustür

Unseriöse Werber verschaffen sich oft unter Vortäuschung falscher Tatsachen Zutritt ins Haus. Beispiele dafür gibt es jede Menge.

Zähler ablesen

In Staßfurt (Sachsen-Anhalt) stellten sich Mitarbeiter eines anderen Stromversorgungsunternehmens im August als Personal der Stadtwerke Staßfurt GmbH vor und verschafften sich unter dem Vorwand, die Zähler ablesen zu müssen, Zugang zu den Wohnungen. Dann überredeten sie die Kunden, neue Stromverträge zu unterschreiben, und somit zu einem Versorgerwechsel.

Namensänderung

Angebliche Mitarbeiter der Stadtwerke Bietigheim-Bissingen (Baden-Württemberg) behaupten, dass die Stadtwerke umfirmiert hätten und deswegen ein neuer Vertrag geschlossen werden müsse.

Einschüchtern

Die Stadtwerke Wittenberge (Brandenburg) warnen vor Betrügern, die Strom- und Gasverträge anbieten und dabei der Anbieterwechsel bewusst verschleiern. Kunden bekommen demnach einen neuen Liefervertrag zugeschickt, der häufig als Werbung aufgemacht ist. Diese Verkäufer treten teilweise aggressiv auf und versuchen die Kunden zu überrumpeln oder gar einzuschüchtern.

Gefälschte Ausweise

Nach den Jahresabrechnungen fragten vermeintliche Angestellte der Stadtwerke Lengerich (Nordrhein-Westfalen) und gaben vor, über neue Tarife informieren zu wollen. Außerdem sollen die Betrüger teilweise mit gefälschten Dienstausweisen unterwegs gewesen sein.

Falsche Rechnungen

Auf dubiose Praktiken von angeblichen RWE-Außendienstmitarbeitern weisen die Stadtwerke Kleve (Nordrhein-Westfalen) hin. Sie würden pauschale Preisersparnisse nennen, ohne den Verbrauch des Kunden zu kennen.
Auch würden Vergleichsrechnungen angestellt, denen falsche Preise zugrunde liegen.
Oder die Werber behaupten, dass der Vermieter dem Kunden RWE als Stromlieferant vorschreibe.



Prüfer

Vermeintliche Mitarbeiter der Stadtwerke Marburg (Hessen) geben vor, die bisherige Stromrechnung überprüfen zu wollen, um den besten Tarif für die Verbraucher herauszuarbeiten.

Verkauf

In Speyer (Rheinland-Pfalz) haben vermeintliche Stadtwerke-Mitarbeiter den Verkauf des Unternehmens verkündet, um Kunden für einen neuen Anbieter zu gewinnen.

Ältere Kunden

In Frankfurt (Hessen) wird von Drückern gewarnt, die im Namen eines angeblichen Mainova-Tochterunternehmens Stromverträge anbieten – vor allem älteren Kunden und Menschen mit Migrationshintergrund. Dieses Tochterunternehmen existiert jedoch gar nicht, lässt der Energieversorger Mainova seine Kunden wissen.

10

Die Stadtwerke Karlsruhe (Baden-Württemberg) gehen rechtlich gegen die Süwag AG in Frankfurt, einer Tochter der RWE, vor und zwar mit einer so genannten strafbewehrten Unterlassungserklärung. Nach der Schilderung der Stadtwerke geben Werber vor, im Auftrag der Stadtwerke unterwegs zu sein oder mit den Stadtwerken zusammenzuarbeiten. Betroffene Kunden berichteten außerdem über unwahre Angaben zu Strompreisen der Stadtwerke.

Vorgetäuschte Identität

Die Stadtwerke Strom Plauen (Sachsen) warnen Privatkunden des Unternehmens vor dubiosen Haustürgeschäften. Angeblich von ihnen beauftragte „Kundenberater“ besuchen gezielt Stadtwerke-Kunden. Unter dem Vorwand, attraktive Stromangebote unterbreiten zu wollen, werden die Betroffenen zur Herausgabe ihrer Stromunterlagen überredet. Anschließend legen die „Kundenberater“ einen neuen Stromliefervertrag zur Unterschrift vor.

Die Gegenseite

Von RWE war zum Thema „Haustürgeschäfte“ keine Stellungnahme zu erhalten. Bei anderen Energielieferanten gehen die Meinungen über Sinn und Nutzen von Direktmarketing auseinander: Vor allem Stadtwerke, die Opfer unseriöser Abwerbe-Kampagnen geworden sind, stellen klar, dass Haustür-Aktionen für sie selbst nicht in Frage kommen.

Selbst der Energieriese E.ON geht auf Distanz und betont, dass „das Haustürgeschäft kein wesentlicher Bestandteil der bestehenden Vertriebskanäle von E.ON“ ist. Stattdessen setze das Unternehmen in der Regel auf den persönlichen Kontakt in Servicestützpunkten und Kundenbüros, auf persönliche Anschreiben sowie Angebote über das Internet.

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Demgegenüber will die Energie Baden-Württemberg (EnBW) nicht grundsätzlich auf diesen Vertriebsweg verzichten: „Auf dem Energiemarkt ist die direkte Ansprache von Verbrauchern ein unverzichtbarer Vertriebskanal“, verteidigt Pressesprecher Hans-Jörg Groscurth das Direktmarketing großer Konzerne. 
“Manche Produkte – wie zum Beispiel intelligente Energiemanagement-Systeme – erschließen sich den Kunden sogar häufig erst im persönlichen Gespräch.“

Allerdings fühlt sich Groscurth für die EnBW sicher, dass die Mitarbeiter nicht zu unlauteren Mitteln greifen: „Die Seriosität des Beratungsgesprächs stellen wir bereits im Vorfeld durch mehrschichtige Trainings- und Schulungsmaßnahmen sicher. Stichprobenartig rufen wir die angesprochenen Kunden im Nachgang an und überprüfen so die Umsetzung vor Ort.“

Auch Vattenfall setzt auf Direktvrtrieb an der Haustür. „Gerade im direkten Gespräch lassen sich Fragen beispielsweise zu Vertragskonditionen, AGB etc. leichter klären“, so Pressesprecherin Sandra Kühberger. Seit Ende 2009 arbeitet das Unternehmen dabei mit Dienstleistern zusammen, die neben Vattenfall-Produkten auch Produkte anderer Energieversorger verkaufen. Um unseriöse Praktiken auszuschließen, hat Vattenfall mit den Dienstleistern eine Prozesskette zur Qualitätskontrolle installiert.

Nach Abschluss des Auftrages werde beim Kunden überprüft, ob er mit der Qualität der Beratung zufrieden ist, sagt Sandra Kühberger: „Falls es zur Nichteinhaltung unserer Qualitätskriterien kommen sollte, hat das Konsequenzen.“

Kommentare (2)

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Revisor

29.05.2012, 13:04 Uhr

"Sie behaupteten, als Vorlieferant der Stadtwerke den Strom zu günstigeren Konditionen anbieten zu können, weil der Aufschlag der Stadtwerke entfalle."

Das hat was Wahres(unabhängig vom zur Diskussion stehenden Einzelfall) !
Kommunale Versorger sind oft rückständig organisiert, verfügen über eine überbordende Administration, bezahlen den Bürgermeistern sinnlose Aussichtsrats(vor)sitze und machen Freitags um 14.00h Feierabend. Ihre Berechtigung haben Sie nur da, wo Ihnen das Netz oder die Primärerzeugung auch gehört.

hartmut.w.gloeckner

30.05.2012, 08:45 Uhr

Da lob ich mir die Nachkriegszeit, als der belächelte Staubsaugervertreter seine hochwertige Ware anbot und mit charmantem Nachdruck gute Ware gegen gutes Geld tauschte. Dann kamen die "Drücker" von Versicherungen, Verlagen und heute sind es die "beauftragten Kollonnen", die nichts besseres als GAUKLER sind. Am ärmsten ist der einfache Vermittler; denn er ist ja SELBSTÄNDIG.

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