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27.07.2011

10:06 Uhr

Streitfall I

Wenn der Arzt unsinnige Leistungen empfiehlt

VonRenate Reckziegel

Damit die Abrechnung stimmt, empfehlen einige Ärzte unsinnige Untersuchungen, die Patienten selber zahlen müssen. Wie Kranke sinnlose Leistungen und Kostentreiber unter den Ärzten erkennen.

Der Schmu des Tages. Illustration: Tobias Wandres

In der Rubrik "Der Streitfall des Tages" analysiert Handelsblatt Online eine Gaunerei oder ein Ärgernis aus Bereichen des Wirtschaftslebens. Betroffene erhalten konkrete Unterstützung, können ihren Fall öffentlich machen und mit Gleichgesinnten diskutieren. Illustration: Tobias Wandres.

Der Fall


Es ist ein ganz normaler Besuch zur Krebsvorsorge in einer gynäkologischen Praxis. Doch schon an der Empfangstheke bekommt Heike F. einen Zettel vorgelegt, auf dem sie ankreuzen soll, ob sie eine Ultraschall-Untersuchung machen lassen will.

Die 40-Jährige ist verblüfft und momentan überfordert. „Wenn Sie sonst keine Beschwerden haben, müssen Sie die Untersuchung selbst bezahlen“, lautet die Auskunft der Sprechstundenhilfe. Heike F. hat keine Ahnung, was mit „Beschwerden“ in dem Fall gemeint ist, fragt aber nicht nach. „Ich wollte nicht vor der geöffneten Tür zum vollen Wartezimmer über gesundheitliche Details sprechen.“

Um der Situation zu entkommen, kreuzt sie die Ultraschall-Untersuchung an, unterschreibt und zahlt 35 Euro.

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Der Experte


Kai Vogel von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen kennt viele Fälle, die mit solchen „Individuellen Gesundheitsleistungen“ – kurz IGeL – zu tun haben. „Die meisten Anfragen bei Selbstzahler-Leistungen beziehen sich auf das Geschäftsgebaren der Ärzte.“ So weisen manche Mediziner ihre Patienten erst gar nicht auf die entstehenden Kosten hin und präsentieren ihnen hinterher überraschend eine Rechnung, andere werben geschäftstüchtig per Wartezimmer-TV für Zusatzbehandlungen auf Honorarbasis.

Bereits bei der Anmeldung in der Praxis bestimmte Erklärungen und Verträge unterschreiben zu lassen, hält Vogel für ein unseriöses Vorgehen. Denn IGe-Leistungen basieren auf einem Privatvertrag zwischen Arzt und Patient. Es ist der Arzt, der dem Patienten erklären muss, warum die Kasse nicht zahlt und er eine bestimmte Behandlung medizinisch trotzdem für sinnvoll und notwendig hält.

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Gleichzeitig muss der Patient die Möglichkeit haben nachzufragen und sich die Sache in Ruhe zu überlegen, beschreibt der Verbraucherschützer die korrekte Abwicklung: „Es kann nicht sein, dass sich Patienten vorab festlegen müssen.“

Vogel beobachtet bei Patienten eine zunehmende Verunsicherung beim Umgang mit diesen IGe-Leistungen, die oft von den Ärzten an sie herangetragen werden. Sein grundsätzlicher Rat: auf keinen Fall gleich zu unterschreiben. „ IGe-Leistungen betreffen nichts, was sofort notwendig ist.“ Viele Angebote – gerade Vorsorge-Untersuchungen (PSA-Test bei Männern, Ultraschall, Glaukom) – sind medizinisch umstritten. Patienten sollten sich in einem ersten Schritt bei ihrer Kasse informieren, warum sie die Kosten nicht trägt, rät Vogel.

Oder eine ärztliche Zweitmeinung einholen – und Preise vergleichen. Denn mitunter sind die Spannen groß.
Die Selbstzahler-Angebote belasten das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient zunehmend, resümiert Vogel und warnt: „Der wirtschaftliche Druck, unter dem Ärzte stehen, darf nicht auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden.“

Zweifelhafte IGE-Leistungen

IGE-Leistungen

Fast jeder Arzt kann seinen Patienten Behandlungsmethoden anbieten, die die gesetzliche Krankenkasse nicht zahlt. Solche Individuellen Gesundheitsleistungen (IGEL) akzeptiert der Gesetzgeber nicht als notwendige Patientenversorgung. Mehr als eine Milliarde Euro geben die Deutschen jedes Jahr für solche Leistungen aus. Tendenz steigend. Der Nutzen vieler IGE-Leistungen ist umstritten, wie folgende Beispiele zeigen.

Augeninnenmessung

Bei einem Glaukom oder grünem Star wird der Sehnervenkopf geschädigt und das Gesichtsfeld eingeschränkt. Erstes Anzeichen dafür ist oft ein erhöhter Augeninnendruck. Eine alleinige Messung des Augeninnendrucks reicht jedoch nicht aus, um ein Glaukom zu erkennen. Zusätzlich sollten das Gesichtsfeld und der Sehnerv kontrolliert werden. Zudem ist nicht belegt, wie zuverlässig die Untersuchung wirklich ist.

PSA-Messung

Bei diesem Test wird die Menge des im Blut vorhandenen PSA gemessen. PSA steht für Prostata-spezifisches Antigen. Wird ein bestimmter Grenzwert überschritten, könnte der Untersuchte an Prostatakrebs erkrankt sein. Hier zeigen Studien, dass der Test vermutlich mehr schadet als nützt.

Große Krebsvorsorge für Frauen

Sie umfasst einen Ultraschall von Gebärmutter und Eierstöcken und eine Untersuchung von Urin, Blut und des Scheidenabstriches. Durch Ultraschalluntersuchungen können Gebärmutter- und Eierstockkrebs jedoch weder zuverlässig entdeckt noch sicher ausgeschlossen werden.

Laborcheck Arteriosklerose

Diese Untersuchungen sind nach derzeitigem Stand zu ungenau. Mit den gemessenen Parametern lässt sich das Risiko für die Gefäße nur sehr vage abschätzen.

Kommentare (15)

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Rowe

27.07.2011, 12:12 Uhr

Leider wird in dem Artikel nicht erwähnt, daß der Arzt aus haftungsrechtlichen Gründen verpflichtet ist, den Patienten darüber zu informieren, daß es jenseits der Kassenmedizin sinnvolle und mitunter komfortablere, weil weniger belastende Untersuchungs- und Behandlungsmethoden gibt. Im Falle eines Rechtsstreits hat der Arzt ganz schlechte Karten, wenn er das unterlassen hat.
Dr. med. Elisabeth Rowe, Hautärztin

michel

27.07.2011, 13:12 Uhr

gehörte die Augeninnendruckmessung zur normalen Vorsorge, hätte ich heute u.U. kein ausgewachsenes Glaukom und müsste nicht sechs mal täglich tropfen. Ich empehle jedem über 40 die "lächerlichen" zwanzig Euro zu investieren.
Michael E. Gromolies, Hannover

Account gelöscht!

27.07.2011, 14:03 Uhr

Miserabel recherchierter Artikel.
Aber im Mainstream des beliebten "Ärzte-Bashings".

Journalismus aus der untersten Schublade!

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