Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.12.2015

17:41 Uhr

S&K-Prozess

Und ewig grüßt die Anklageschrift

VonKatharina Schneider

Die Hauptverhandlung gegen die mutmaßlichen Anlegerbetrüger läuft schon seit drei Monaten. Am 22. Sitzungstag schien das Ende der Anklageverlesung greifbar nah, doch ein Beschluss des Oberlandesgerichts kam dazwischen.

FrankfurtEs hätte eine Punktlandung werden können. Pünktlich vor der Weihnachtspause hätten die Frankfurter Staatsanwälte ihren Vortrag des 1700-seitigen Anklagesatzes im Prozess gegen die Gründer der Unternehmensgruppe S&K und vier weitere Mitarbeiter und Unternehmer abschließen können – es fehlten nur noch einige Dutzend Seiten. Doch am 22. Verhandlungstag kam es anders: Ein Beschluss des Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt hat das Verfahren am Mittwoch ausgebremst.

Dass dieser OLG-Beschluss früher oder später einmal kommen würde, war schon seit Beginn der Hauptverhandlung klar. Der Grund: Die 28. Wirtschaftsstrafkammer des Frankfurter Landgerichts hatte die Anklage der Staatsanwaltschaft in Teilen nicht zugelassen. Dabei ging es um drei Betrugsvorwürfe gegen die beiden ehemaligen Geschäftsführer des Hamburger Fondsemissionshauses United Investors. Die Richter hatten bei ihnen keinen hinreichenden Tatverdacht gesehen. Es fehle an einem nachweisbaren Betrugsvorsatz, da sie anfangs noch von der Seriosität der S&K-Gründer, Stephan Schäfer und Jonas Köller, ausgegangen seien – so die Begründung der Kammer im Eröffnungsbeschluss des Verfahrens, der dem Handelsblatt vorliegt.

S&K in Zahlen

240.000.000

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Frankfurt sollen die S&K-Gründer und ihre Komplizen Anleger um mindestens 240 Millionen Euro gebracht haben.

11.000

Die S&K-Unternehmensgruppe verfolgte unterschiedliche Geschäftsmodelle. Beispielsweise wurden geschlossene Fonds aufgelegt und Rückzahlungsansprüche von Lebensversicherungskunden erworben. Laut Staatsanwaltschaft Frankfurt sollen rund 11.000 Anleger geschädigt worden sein.

3150

Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Frankfurt umfasst 3150 Seiten. Darin wurden sieben Personen angeschuldigt. Das Verfahren gegen den Rechtsanwalt und Notar Igor P. wurde vom Landgericht Frankfurt jedoch abgetrennt.

2200

Nach Angaben hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt wurden bei den Ermittlungen 2200 Bankkonten ausgewertet.

1774

Zu Beginn der Hauptverhandlung muss ein Teil der Anklageschrift verlesen werden. Dieser sogenannte Anklagesatz umfasst rund 1774 Seiten.

1200

Am 19. Februar 2013 waren 1200 Ermittlungsbeamte und 15 Staatsanwälte zu einer deutschlandweiten Razzia gegen die S&K Unternehmensgruppe und verbundene Unternehmen ausgerückt.

150

Zur S&K-Gruppe sollen 150 verbundene Unternehmen gehört haben.

50

Bei Eröffnung der Hauptverhandlung hat die 28. Große Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Frankfurt zunächst 50 Verhandlungstage angesetzt.

22

Laut Aushang am ersten Verhandlungstag werden die sechs Angeklagten insgesamt von 22 Anwälten vertreten.

9

An der Hauptverhandlung nehmen neun Richter teil: drei Berufsrichter – der Vorsitzende und zwei beisitzende Berufsrichterinnen – sowie zwei Schöffen (Laienrichter). Zudem sind zwei weitere Berufsrichter als sogenannte Ergänzungsrichter und zwei weitere Schöffen als Ergänzungsschöffen vor Ort.

6

Auf der Anklagebank sitzen die beiden S&K-Gründer Stephan Schäfer und Jonas Köller und vier weitere Beteiligte: Der ehemalige leitende S&K-Angestellte Marc-Christian S., der Unternehmer Daniel F. sowie Hauke B. und Thomas G., ehemals Geschäftsführer des Hamburger Fondsemissionshauses United Investors.

Das sah die Staatsanwaltschaft naturgemäß anders und hatte gegen die Nichtzulassung der Anklagepunkte Beschwerde beim OLG Frankfurt eingelegt. Dies alles geschah schon im August. Doch erst jetzt, knapp vier Monate später, liegt die Entscheidung des OLG vor: Zwei der drei Anklagepunkte gegen die beiden Hamburger Unternehmer müssen nun doch zum Verfahren zugelassen werden. Damit dürfte sich das Frankfurter Mammutverfahren weiter verzögern.

Das Problem: Die jetzt erst zugelassenen Anklagepunkte müssen in die Verhandlung eingeführt werden, obwohl das Gros der Anklageschrift bereits verlesen wurde. Auch die mutmaßlichen Betrugstaten haben die Staatsanwälte schon vorgetragen, doch bisher durften sie diese nur den Unternehmensgründern und beziehungsweise einem früheren Mitarbeiter zur Last legen. Mindestens 600 Seiten des Anklagesatzes müssen deshalb womöglich erneut verlesen werden – diesmal mit dem Hinweis, dass auch die Hamburger Unternehmer an den Taten mitgewirkt haben sollen.

Dossier zum Download : Der Aufstieg und Fall von S&K

Dossier zum Download

Premium Der Aufstieg und Fall von S&K

Sie lebten in Prunk und Protz – auf Kosten tausender Anleger: S&K ist einer der spektakulärsten Betrugsfälle in Deutschland. Nun stehen die Chefs vor Gericht. Lesen Sie alles über die Gründer, ihre Masche und ihre Helfer.

„Die Kammer hat offenbar damit gerechnet, dass das OLG angesichts der nahenden Hauptverhandlung und der langen Haftzeit rechtzeitig über die Beschwerde der Staatsanwaltschaft entscheiden würde. Wenn ich Tatrichter wäre, hätte ich von meinem OLG jedenfalls eine rechtzeitige Entscheidung erwartet“, kommentiert Rechtsanwältin Iris Killinger, die Hauke B., einen der Hamburger Unternehmer vertritt.

Aus ihrer Sicht wäre es die ökonomischste Lösung, gar nicht über die jetzt eröffneten Verhandlungsteile zu verhandeln. Dies würde jedoch voraussetzen, dass die Staatsanwaltschaft von einer Verfolgung der Taten absähe. Die Ankläger allerdings haben das ausgeschlossen und pochen darauf, das Problem durch erneutes Verlesen von rund 600 Seiten zu lösen. Das kann wieder einige Wochen dauern und sogar das erneute Verlesen der vollständigen Anklage scheint derzeit nicht ausgeschlossen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×