Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.09.2015

14:31 Uhr

S&K vor Gericht

Prozess gegen Protz-Unternehmer beginnt im Chaos

VonMichael Brächer, Katharina Schneider

Während die Chefs der S&K-Immobiliengruppe in Saus und Braus lebten, machten Anleger horrende Verluste. Jetzt stehen sechs Angeklagte vor dem Frankfurter Landgericht. Doch der erste Prozesstag begann holprig.

Die beiden S&K-Firmengründer sollen mehrere tausend Anleger mit einem verschachtelten Firmen- und Beteiligungssystem um ihr Geld gebracht haben. Im Gerichtssaal treffen sie auf die wütende Zuschauer. dpa

S&K-Betrugsprozess in Frankfurt

Die beiden S&K-Firmengründer sollen mehrere tausend Anleger mit einem verschachtelten Firmen- und Beteiligungssystem um ihr Geld gebracht haben. Im Gerichtssaal treffen sie auf die wütende Zuschauer.

FrankfurtDer Fall S&K stellt die Justiz vor Herausforderungen – und zwar ganz praktisch: „Gib mir mal den Sitzplan, schnell!”, plärrt ein Justizdiener im Saal des Frankfurter Landgerichts seinen Kollegen an: Wer sitzt wo, welcher Anwalt vertritt wen? Selbst die Profis scheinen im vollen Gerichtssaal für einen Moment die Orientierung zu verlieren, als heute in Frankfurt das wohl größte Wirtschaftsstrafverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte beginnt. Der erste Verhandlungstag im Prozess gegen die beiden Firmenchefs Stephan Schäfer und Jonas Köllers sowie vier weitere Angeklagte verläuft reichlich chaotisch – und wird schon nach kurzer Zeit vertragt.

Schäfer und Köller, die Namensgeber der S&K-Gruppe, sollen gemeinsam mit Komplizen Anleger um mindestens 240 Millionen Euro gebracht haben. Auf 3150 Seiten haben die Staatsanwälte ihre Version der Geschehnisse dargelegt. Die Anklage lautet auf schweren gewerbs- und bandenmäßigen Betrug sowie Beihilfe dazu und Untreue. Doch zur Verlesung der Anklageschrift kommt es am ersten Prozesstag erst gar nicht.

Denn der Rechtsanwalt von Nina U., einst die Freundin von Schäfer, hält das Gericht für voreingenommen. Der Grund: In ihrem Eröffnungsbeschluss sollen die Juristen einen Schaden höher angesetzt haben als die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift. Die Zahl sei eindeutig falsch. „Das lässt den Schluss zu, dass man die Anklageschrift nicht gelesen hat”, moniert der Verteidiger. Ein Frontalangriff auf die Richter.

S&K in Zahlen

240.000.000

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Frankfurt sollen die S&K-Gründer und ihre Komplizen Anleger um mindestens 240 Millionen Euro gebracht haben.

11.000

Die S&K-Unternehmensgruppe verfolgte unterschiedliche Geschäftsmodelle. Beispielsweise wurden geschlossene Fonds aufgelegt und Rückzahlungsansprüche von Lebensversicherungskunden erworben. Laut Staatsanwaltschaft Frankfurt sollen rund 11.000 Anleger geschädigt worden sein.

3150

Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Frankfurt umfasst 3150 Seiten. Darin wurden sieben Personen angeschuldigt. Das Verfahren gegen den Rechtsanwalt und Notar Igor P. wurde vom Landgericht Frankfurt jedoch abgetrennt.

2200

Nach Angaben hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt wurden bei den Ermittlungen 2200 Bankkonten ausgewertet.

1774

Zu Beginn der Hauptverhandlung muss ein Teil der Anklageschrift verlesen werden. Dieser sogenannte Anklagesatz umfasst rund 1774 Seiten.

1200

Am 19. Februar 2013 waren 1200 Ermittlungsbeamte und 15 Staatsanwälte zu einer deutschlandweiten Razzia gegen die S&K Unternehmensgruppe und verbundene Unternehmen ausgerückt.

150

Zur S&K-Gruppe sollen 150 verbundene Unternehmen gehört haben.

50

Bei Eröffnung der Hauptverhandlung hat die 28. Große Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Frankfurt zunächst 50 Verhandlungstage angesetzt.

22

Laut Aushang am ersten Verhandlungstag werden die sechs Angeklagten insgesamt von 22 Anwälten vertreten.

9

An der Hauptverhandlung nehmen neun Richter teil: drei Berufsrichter – der Vorsitzende und zwei beisitzende Berufsrichterinnen – sowie zwei Schöffen (Laienrichter). Zudem sind zwei weitere Berufsrichter als sogenannte Ergänzungsrichter und zwei weitere Schöffen als Ergänzungsschöffen vor Ort.

6

Auf der Anklagebank sitzen die beiden S&K-Gründer Stephan Schäfer und Jonas Köller und vier weitere Beteiligte: Der ehemalige leitende S&K-Angestellte Marc-Christian S., der Unternehmer Daniel F. sowie Hauke B. und Thomas G., ehemals Geschäftsführer des Hamburger Fondsemissionshauses United Investors.

Nach mehreren Unterbrechungen vertagen sie sich, damit über den Antrag entschieden werden kann. „Der Antrag ist völliger Quatsch“, sagt ein Jurist, der den Prozess beobachtet. Dennoch kann das Gericht nicht darüber hinweg gehen.

Dem Ende des Mammutverfahrens ist das Gericht nach dem ersten Verhandlungstag kein Stück näher gekommen. Seit zweieinhalb Jahren sitzen die Angeklagten in Untersuchungshaft. Damals rückten mehr als 1 000 Ermittler zu einer Großrazzia aus und bereiteten den Geschäften von Schäfer und Köller ein Ende. Bis dahin hatten sie mit Immobilien gehandelt, Fonds aufgelegt und Rückzahlungsansprüche von Lebensversicherungskunden erworben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×