Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.10.2011

11:59 Uhr

Verbraucherschützer warnen

Vorsicht vor undurchsichtigen Tarifrechnern

VonKatharina Schneider

Vergleichsrechner im Internet sollen Kunden zu den günstigsten Stromtarifen führen. Doch wirklich unabhängig sind die Anbieter meist nicht, kritisieren Verbraucherschützer. Worauf Kunden achten sollen.

Verivox gehört zu den bekanntesten Tarifrechnern, aber Verbraucher sollten sich nicht auf ein einzelnes Portal verlassen. dpa

Verivox gehört zu den bekanntesten Tarifrechnern, aber Verbraucher sollten sich nicht auf ein einzelnes Portal verlassen.

DüsseldorfEinfach die Postleitzahl und den jährlichen Strom- oder Gasverbrauch eingeben und schon werden die besten Tarife angezeigt. Das erhoffen sich wechselwillige Kunden, wenn sie Tarifrechner wie Verivox, Check24 oder Energieverbraucherportal nutzen. Doch ganz so schnell geht es leider nicht. Denn auf den Seiten der Vergleichsportale sind meist schon einige Filter- und Sortierfunktionen ausgewählt, die das Ergebnis verfälschen. 

„Um im Ranking weit oben zu stehen, versuchen Stromanbieter ihre Tarife durch Rabattaktionen möglichst günstig erscheinen zu lassen“, kritisiert Peter Blenkers, Energieexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Vergünstigungen für die Zahlung per Vorkasse oder Neukundenboni würden einfach vom Preis für das erste Vertragsjahr abgezogen. Viele Tarifrechner unterstützen diese Praxis, indem sie per Standardeinstellung nur Tarife mit solchen Rabatten anzeigen. Dadurch erhalten Verbraucher weniger seriöse Empfehlungen und können die Tarife schlechter vergleichen.

Dies ist nur einer der Mängel, die die Verbraucherzentrale NRW und der Verbraucherzentrale Bundesverband an den Vergleichsportalen kritisieren. Gemeinsam haben sie ein ausführliches Anforderungsprofil für Strom- und Gas-Tarifrechner formuliert, das dem Handelsblatt vorliegt. Darin fordern sie auch, dass Tarifrechner ihre Unabhängigkeit zurückgewinnen und ihre Geschäftspraxis transparenter machen sollen. 

Forderungen der Verbraucherschützer

Finanzierung der Tarifrechner

Die Tarifrechner stehen schon lange in der Kritik der Verbraucherschützer: Die Verbraucherzentrale NRW und der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) haben zahlreiche Forderungen an die Tarifrechner gestellt. Einige Änderungen gab es seit Herbst 2011 bereits. Eine Forderung: Die Tarifrechner sollen unabhängig von Energielieferanten sein. Auf den Startseiten sollen sie angeben, wie sie sich finanzieren – etwa über Vermittlungsprovisionen oder Werbung.

Exklusive Tarife

Wenn Energielieferanten über die Portale Tarife anbieten, die nirgends sonst abgeschlossen werden können, soll dies kenntlich gemacht werden.

Trügerische Anbieterzahl

Viele Tarifrechner sind miteinander verbunden. Die Portale tragen zwar unterschiedliche Namen, doch der Verbraucher erhält immer die gleichen Ergebnisse. Diese Verbindungen sollen die Betreiber öffentlich machen.

Filterfunktionen

Verbraucher sollen Filter- und Sortiereinstellungen selbst auswählen können, ohne dass diese bereits auf der Seite voreingestellt sind.

Vergleich mit dem Grundversorger

Nicht immer finden die Tarifrechner bei der Eingabe der Postleitzahl den richtigen Grundversorger. Verbraucher sollen die Möglichkeit bekommen ihren Anbieter für den Vergleich auszuwählen.

Individuelle Preisvergleiche

Für einen persönlichen Vergleich sollen Verbraucher nicht nur den Grundversorger als Referenz wählen können, sondern auch jeden anderen Tarif.

Sondertarife isolieren

Zur besseren Übersicht und Vergleichbarkeit sollen variable Tarife, Heizstromtarife und Sozialtarife separat aufgelistet werden.

Formulierung von Preisgarantien

Bedingungen für eine Preisgarantie sollen von allen Tarifrechnern gleich formuliert werden. Gegebenenfalls sollen Verbraucherverbände die Termini vorgeben.

Bedingungen bei Paketangeboten

Bei festen Strompaketen sollen die Rechner stärker darauf hinweisen, dass bei einem niedrigeren Verbrauch keine Kosten erstattet werden. Verbraucht der Kunde mehr, sind die zusätzlichen Kilowattstunden meist vergleichsweise teuer.

Ökostrom-Tarife

Die Tarifrechner sollen prüfen, ob der angebotene Ökostrom bestimmte Qualitätsanforderungen erfüllt.

Rabatte separat anzeigen

Boni, frei-Kilowattstunden und andere Rabatte sollen nicht in den Preis für das erste Vertragsjahr eingerechnet, sondern extra aufgelistet werden.

Online-Tarife

Mit Online-Tarifen können Verbraucher zwar sparen, bekommen aber auch weniger Service. Darauf sollen die Portale hinweisen.

Bindende Angebote

Bislang sind die Preise, die Stromanbieter an die Tarifrechner melden, nicht bindend. Verbraucher müssen sie immer beim Anbieter nachprüfen. Das sollen die Portalbetreiber ändern, indem sie von den Stromlieferanten eine Selbstverpflichtung fordern, damit die Preise stets aktuell und verbindlich sind.

Qualität des Stromanbieters

Tarifrechner sollen die Seriosität und den Service der Anbieter anhand einer Check-Liste der Verbraucherverbände bewerten.

Zusatz-Tools

Zur besseren Einordnung der Tarife wünschen sich Verbraucherschützer eine Übersicht über die Preisentwicklung der Tarife und einen Vergleich zur durchschnittlichen Preisentwicklungen.

Test für Tarifrechner

Wegen ihrer großen Bedeutung für den Wettbewerb auf den Energiemärkten soll die Qualität zumindest der marktdominierenden Tarifrechner regelmäßig überprüft werden.

Derzeit sei der Markt der Vergleichsrechner zu undurchsichtig: „Die Rechner wollen Transparenz zwischen den Stromanbietern herstellen, bieten aber selbst kaum Einblicke in ihre Geschäftsbeziehung“, kritisiert  Peter Blenkers. Für Aufsehen sorgte jüngst die Zusammenarbeit zwischen Verivox und dem mittlerweile insolventen Strom- und Gaskonzern Teldafax. Nach Berichten des Handelsblatts hatte das Vergleichsportal das Energieunternehmen mit Informationen über Wettbewerber versorgt. Dadurch konnte der Energieanbieter seine Preistabellen so gestalten, dass er in der Trefferliste stets einen Spitzenplatz belegte. Im Gegenzug soll Verivox hohe Vermittlungsprovisionen eingestrichen haben. Der Anbieter selbst bestreitet die Weitergabe der Daten.

Solche Kooperationen zum Nachteil der Kunden wollen die Verbraucherschützer verhindern. Sie fordern deshalb, dass die Tarifrechner öffentlich machen, mit wem sie kooperieren und womit sie ihr Geld verdienen. Wenn sie von Stromanbietern Provisionen für die Vermittlung bekämen, müssten sie das offenlegen.

Vielfach rechnen Stromanbieter ihre Tarife mit Rabatten schön. „Tarife mit Vorkasse oder Kaution sollten Verbraucher von vorne herein ausschließen“, sagt Blenkers. Dafür müssen in den Suchmasken meist die entsprechenden Häkchen entfernt werden. Geht der Kunde in Vorleistung, läuft er beispielsweise Gefahr, sein Geld ohne Gegenleistung zu verlieren, wenn der Stromanbieter pleite geht. Dass dies am hart umkämpften Strommarkt tatsächlich passieren kann, zeigte jüngst der Stromkonzern Teldafax.

Auch bei Tarifen, die Neukunden Bonuszahlungen versprechen, ist Vorsicht geboten. "Die Anbieter kennen Tricks, um die Zahlungen hinauszuzögern“, sagt der Verbraucherschützer. So würden die Boni oftmals erst nach einem weiteren Vertragsjahr gezahlt.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

nurmalso

11.10.2011, 12:58 Uhr

Die ganzen Preisvergleiche sind nutzlos!

Es gibt keinen Wettbewerb, der diesen Namen verdient. Fast monatlich vergleiche ich auf mehreren Portalen die Preise.

Seit Jahren immer dasselbe: Bei meinem Verbrauch von ca. 4500kWh kann ich bei vergleichbaren Konditionen, d.h. ohne Wechselrabatt (der dann doch nicht gezahlt wird), ohne Mengenbegrenzung oder Jahresvorkasse im Jahr weniger als 50 Euro sparen. Da kann ich auch bei meinem örtlichen Stadtwerk bleiben.

Account gelöscht!

11.10.2011, 13:07 Uhr

Seien Sie glücklich: entweder Sie haben tatsächlich kein nenneswertes Sparpotential oder haben bereits vorher klug gewechselt. Bei mir war ein Wechsel (richtig: ohne den ganzen Schnickschnack...) notwendig. Durch Faul- und Trägheit war mein Anbieter echt zu teuer geworden und ein Wechsel lohnenswert.

MaWo

11.10.2011, 13:43 Uhr

Hallo,
man auch nicht vernachlässigen, den Lieferanten auf günstigere Tarife von Mitbewerbern sowie auf eine Wechselwilligkeit verweisen.
Das kann auch zu einem "Sonderpreis" führen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×