Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.07.2012

18:20 Uhr

Verbraucherschutz

EU plant neue „Beipackzettel“ für Anleger

Der Anlegerschutz bei Fonds und Versicherungen soll gestärkt werden. Dafür verlangt die EU eine Überarbeitung der „Beipackzettel“. Außerdem sollen Versicherungen ihre Provisionen offenlegen - ein kritischer Punkt.

EU-Kommissar Michel Barnier legte ein Gesetzespaket zu den Plänen vor. dapd

EU-Kommissar Michel Barnier legte ein Gesetzespaket zu den Plänen vor.

Brüssel/FrankfurtDie EU will die Verbraucherrechte bei Finanzanlageprodukten stärken. Ob Investmentfonds oder Versicherungen - die Kunden sollen künftig besser beraten und informiert werden, bevor sie über Geldanlagen entscheiden. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier stellte dazu am Dienstag in Straßburg ein Gesetzespaket vor.

Für die meisten Anlageprodukte sollen künftig verständliche Kurzinformationen erstellt werden. Versicherungen und ihre Vertreter müssten bei einer "ehrlichen und professionellen" Beratung Provisionen ausweisen. Die Versicherungswirtschaft kritisierte die Offenlegungspflicht. Das Bundesministerium für Verbraucherschutz lobte hingegen das Gesetzespaket.

Was die neue Informationspflicht für Verbraucher, Anbieter und Versicherer bedeutet

Idee

Kunden sollen künftig bessere und standardisierte Informationen über ein Anlageprodukt oder eine Versicherung erhalten. Die Angaben sollen zudem EU-weit vergleichbar werden.

Beipack

Das geplante Gesetz sieht dafür Informationsblätter mit Kerninformationen vor, sogenannte KIDs (Key Information Documents): Sie sollen kurz gehalten werden, in einfachen Worten formuliert sein und nur wenige Seiten umfassen.

Aufklärung

Die Verbraucher sollen darin über die Form der Anlage oder Versicherung aufgeklärt werden, ihre Risiken, die Wertentwicklung in der Vergangenheit und über die Kosten. Die Risiken sollen über eine Skala eingestuft werden.

Produkte

Die Info-Blätter soll es für alle Investmentprodukte für Kleinanleger geben, wenn es sich nicht um Direkt-Investitionen in einzelne Wertpapiere wie Aktien oder Anleihen handelt. Bisher waren sie nur für Investmentfonds vorgeschrieben. Jetzt gelten sie auch für Anlageprodukte auf der Basis von Versicherungen, strukturierte Wertpapiere, bestimmte Termingelder und Rentenpläne. Die EU-Kommission schätzt das betroffene Anlagevolumen auf zehn Billionen Euro.

Fachjargon

Die Anbieter von Anlagen für Privatkunden wie Banken oder Sparkassen sollen in der Beratung auf Fachjargon verzichten.

Konflikte

Das Vorgehen zielt auch darauf ab, Interessenkonflikte zu vermindern: Beratung und Verkauf sollen stärker getrennt werden.

Kosten

Die Kommission schätzt die Kosten für die Einführung der KIDs auf 171 Millionen Euro bei einem jährlichen Aufwand von 14 Millionen Euro.

Fonds

In einem weiteren Gesetzentwurf verschärft die Kommission die Vorgaben für Publikumsfonds und zieht damit die Lehren aus dem Betrugsskandal um den US-Vermögensverwalter Bernard Madoff, der Anleger über ein Schneeballsystem um zig Milliarden Dollar prellte. Im Visier sind die Depotstellen für Fonds. Sie können bei Verlusten künftig leichter verklagt werden. Bonus-Zahlungen an Fonds-Manager sollen Regeln unterworfen und Sanktionen für einen Verstoß gegen die Vorgaben europaweit vereinheitlicht werden.

Direktvertrieb

In der Versicherungsbranche sollen die bereits bestehenden EU-Vorschriften zu Beratung und Verkauf künftig für alle gelten: nicht länger nur für Makler oder vermittelnde Banken, sondern auch für den Direktvertrieb der Versicherungen selbst.

Versicherungen

Die Standards erfassen sowohl Lebensversicherungen als auch Sachversicherungen wie etwa die Kfz-Versicherung. Je komplizierter eine Versicherung angelegt ist, desto ausführlicher muss informiert werden.

Makler

Makler dürfen sich zur Vermittlung von Lebensversicherungen zur Kapitalanlage nur dann unabhängig nennen, wenn sie keine Provisionen kassieren.

In der Finanzkrise sei das Vertrauen der Kunden in Geldanlagen schwer erschüttert worden, erklärte die EU-Kommission. Die Anbieter ließen die Verbraucher oft im Unklaren über Verlustrisiken, sodass diese zu den falschen Produkten griffen.

Als besonders gravierend gilt der Skandal um einen Luxemburger Fonds des amerikanischen Milliardenbetrügers Bernard Madoff, der die Anleger über ein Schneeballsystem um zig Milliarden Dollar prellte. Die Geschädigten hatten in Luxemburg erfolglos gegen die Depotbank UBS geklagt. Nach der jetzt vorgeschlagenen Verschärfung der Regeln zu Investmentfonds sollen die Verwahrstellen künftig stärker kontrolliert werden. Klagen gegen entsprechende Verluste durch Betrug werden erleichtert.

Verständlichere Informationen sind nach Ansicht der Brüsseler Behörde vor allem bei Versicherungen notwendig. Eine Umfrage ergab kürzlich, dass mehr als 70 Prozent der Verträge ohne ausreichende Beratung abgeschlossen werden. Das soll durch europaweite Standards verbessert werden. Die Vorschriften zum Vertrieb gelten künftig auch für die Versicherungen selbst und nicht länger nur für Makler. Versicherungsvermittler müssen nach Barniers Entwurf den Kunden künftig Einblick in ihre Vergütung geben. Wer Provisionen für Kapitalanlageversicherungen kassiert, darf sich zudem nicht als unabhängiger Berater bezeichnen.

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

schlingel

03.07.2012, 19:36 Uhr

Wenn man Konsequent ist, steht dann im Beipackzettel einer Lebensversicherung sinngemäß:

"Ihre eingezahlten Beiträge werden am Kapitalmarkt angelegt, zu einem großen Teil in Staatsanleihen. Hierbei droht bei Zahlungsunfähigkeit einzelner Staaten im schlimmsten Fall der Totalverlust ihrer eingezahlten Beiträge bzw. eines Großteils dieser."

Wollt ihr das wirklich, liebe Politiker?

Eisbaer

03.07.2012, 21:17 Uhr

Ich warte immernoch auf das Gesetz, nach dem MediaMarkt die Einkaufspreise von Produkten angeben muss. Warum sollen Banken Provisionen offen legen und der Einzelhändler seine Einkaufspreise nicht?

Account gelöscht!

04.07.2012, 08:51 Uhr

Also die KIDS-Dokumente (Aktien-ETFs), die ich bisher gesehen hab, haben mir als Anleger deutlich weniger geholfen als die Fact-Sheets der Anbieter.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×