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02.05.2016

16:07 Uhr

Verbraucherschutz

Ganzen Vierteln droht negative Kreditwürdigkeit

Werden Verbraucher durch die neuen EU-Datenschatz-Standards schlechter gestellt? Der Präsident des Bundesverbands der Verbraucherzentralen meint ja – und findet deutliche Worte für die Bundesregierung.

Im Gegensatz zur Schufa nutzen einige kleinere Auskunfteien die Adresse für die Prognose der Kreditwürdigkeit. dpa

Straßenzug in Frankfurt am Main

Im Gegensatz zur Schufa nutzen einige kleinere Auskunfteien die Adresse für die Prognose der Kreditwürdigkeit.

BerlinVerbraucherschützer fürchten nach der Verabschiedung neuer EU-Datenschutz-Standards Verschlechterungen bei den Bonitätsprüfungen von Kunden. Die EU-Regelungen zum sogenannten Scoring zur Prüfung der Kreditwürdigkeit seien deutlich unbestimmter als die deutschen Vorschriften, kritisierte der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) am Montag. Es drohe, dass künftig bei automatisierten Datenabgleichen auch Forderungen berücksichtigt würden, die umstritten seien. Dann könne die Bonität von Verbrauchern schlechter gestellt werden, auch wenn die Zahlungsaufforderungen haltlos seien.

Zudem fürchten die Verbraucherschützer, die Einstufung der Kreditwürdigkeit könne von der Wohnadresse abhängen. Bislang sei in Deutschland ein Scoring allein aufgrund der Privatanschrift nicht zulässig, sagte vzbv-Expertin Lina Ehrig. „Ganze Viertel oder Straßenzüge bekämen eine negative Kreditwürdigkeit bescheinigt“, warnte sie.

Diese Daten verwendet die Schufa in ihrem Score

Das Verfahren

Um die Wahrscheinlichkeit zu ermitteln, mit der ein Kredit ausfällt, erstellt die Schufa einen Prozentwert, den so genannten „Schufa-Score“. Hat jemand zum Beispiel einen Wert von 85 Prozent, so beträgt dessen Kreditausfallwahrscheinlichkeit 15 Prozent. Für ihr Scoring verwendet die Wirtschaftsauskunftei eine Vielzahl von Daten. Generell gilt: Nicht jede Information fließt auch in die Berechnung ein. Und: Auch, wenn bestimmte Daten über eine Person nicht vorliegen, können sie deren Score beeinflussen. Ein Überblick.
Quelle: Anhang einer Schufa-Verbraucherauskunft

Allgemeine Daten

Zu den allgemeinen Daten, die in den Schufa-Score einfließen, zählen zum Beispiel das Geburtsdatum und das Geschlecht. Zudem erfasst die Auskunftei die Anzahl der Adressen, welche die Person in ihrem Geschäftsverkehr mindestens einmal verwendet hat.

Kreditaktivität des letzten Jahres

Hierbei ermittelt Schufa ob und wie viele Kreditgeschäfte innerhalb der letzten 12 Monate eine Person angefragt und abgeschlossen hat.

Zahlungsstörungen

Zu den Zahlungsstörungen, die in den Schufa-Score einfließen, zählen nicht nur geplatzte Kredite. Auch, wer seine Handyrechnungen und die Bestellungen bei Einzelhändlern nicht pünktlich zahlt, riskiert einen schlechteren Schufa-Score. Neben der Art der unerfüllten Kredite achtet die Auskunftei auch auf deren Anzahl: Je mehr unbezahlte Rechnungen sich stapeln, umso schlechter die Bonität.

Häufigkeit der Kreditnutzung

Wie oft und welche Art von Krediten eine Person in Anspruch nimmt, erfasst die Schufa ebenfalls. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Informationen beim Scoring berücksichtigt werden, steigt, je mehr Unternehmen dem Schuldner Kredit gewähren.

Die Länge der Kreditnutzung

Hierbei untersucht die Auskunftei die Laufzeit der Kredite, die eine Person bedient. Dabei deute eine lange Laufzeit auf viel Erfahrung im Umgang mit finanziellen Verpflichtungen, so die Auskunftei.

Anschriftendaten

In der Regel verwendet die Schufa bei ihrem Scoring keine Bewertung der Anschrift des Kreditnehmers. Wenn jedoch nur wenige Informationen zur Person vorliegen, verwendet die Auskunftei Informationen aus der direkten Umgebung der Anschrift. Text: Julia Rotenberger.

Das europäische Parlament hat die Datenschutz-Grundverordnung Mitte April beschlossen. Spätestens im Frühsommer 2018 tritt sie in den Mitgliedsstaaten in Kraft. Bis dahin muss sie in nationales Recht überführt werden. Laut vzbv lassen die neuen EU-Regeln den einzelnen Mitgliedsstaaten einen kleinen Ermessensspielraum. Dieser müsse genutzt werden, damit es bei den Bonitätsprüfungen nicht zu Verschlechterungen komme.

„Die Datenschutz-Grundverordnung dreht beim Thema Scoring die Zeit zurück“, sagte vzbv-Chef Klaus Müller. „Die Bundesregierung muss ihr Versprechen, dass unser Datenschutzniveau erhalten bleibt, ernst nehmen und aktiv werden.“

Von

rtr

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