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27.03.2016

10:00 Uhr

Verbraucherzentralen

Anbieter verstecken Preiserhöhungen bei Strom und Gas

Der Aufwand, um den Strom- oder Gasanbieter zu wechseln, ist klein. Unter den Kunden ist der Anteil der Wechsler dennoch relativ gering. Verbraucherschützer sehen dafür mehrere Gründe und ein anderes Problem.

Viele Strom- und Gasanbieter setzten bei Preiserhöhungen auf unverständliche Klauseln oder intransparente Tarife, kritisieren Verbraucherschützer. dpa

Verschleierungstaktik

Viele Strom- und Gasanbieter setzten bei Preiserhöhungen auf unverständliche Klauseln oder intransparente Tarife, kritisieren Verbraucherschützer.

Düsseldorf/BerlinPreiserhöhungen bei Strom und Gas werden nach Erkenntnis der Verbraucherzentralen oft verschleiert. Die Methoden seien „an der Grenze zum unlauteren Wettbewerb“, sagte der Energieexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Udo Sieverding, der Deutschen Presse-Agentur. Strom- und Gaskunden, die bei einer Preiserhöhung stets ein Sonderkündigungsrecht haben, sollten so von einem Wechsel zu einem günstigeren Lieferanten abgehalten werden.

In den Mitteilungen an die Kunden werde die Preiserhöhung unklar formuliert, in langen Texten versteckt oder mit einem neuen Angebot verknüpft. Die Unternehmen werben zum Beispiel für einen Wechsel in einen Tarif mit „Preisgarantie“. Wer sich dafür nicht entscheide, müsse im alten Tarif einen höheren Preis zahlen, heiße es da. Sieverding kritisierte, mit solchen „Tricksereien“ vermieden einige Unternehmen eine klare Information über die Preiserhöhung. „Diese Fälle sind bei uns inzwischen Tagesgeschäft.“

Im Energiewirtschaftsgesetz sei festgeschrieben, dass Verbraucher über Vertragsänderungen „auf transparente und verständliche Weise“ zu unterrichten seien, erläuterte der Experte. Genaue Vorschriften für die Formulierung einer Preiserhöhungsmitteilung gebe es aber nicht. „Wenn es sich um eine Tariferhöhung handelt, sollte schon ‚Tariferhöhung‘ drüber stehen“, verlangte Sieverding.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur haben im Jahr 2014 fast 3,8 Millionen Haushaltskunden ihren Stromlieferanten gewechselt. Gemessen an der verbrauchten Strommenge waren das 9 Prozent. Beim Gas wechselten gut eine Million Kunden ihren Anbieter. Das entsprach einer Wechselquote von 10 Prozent. Damit suchten sich bei Strom und bei Gas etwa so viele Verbraucher einen neuen Versorger wie im Jahr zuvor.

So vergleichen Sie richtig

Tipps der Verbraucherzentrale

Vergleichsrechner im Internet sind eine sinnvolle Hilfe bei der Suche nach einem günstigen Stromtarif. Die Verbraucherzentrale NRW gibt Tipps, wie Verbraucher die Rechner richtig nutzen.

Mehrere Preisrechner nutzen

Im Internet finden sich zwar etliche Vergleichsrechner, viele davon greifen aber auf dieselben Preis-Datenbanken zurück. Die größte Transparenz verschafft sich, wer parallel bei verschiedenen Anbietern sucht wie zum Beispiel Verivox, Check 24, Toptarif oder Mut-zum-Wechseln.

Voreinstellungen bewusst wählen

In vielen Eingabemasken sind bestimmte Suchkriterien voreingestellt. Wer mehrere Rechner nutzt, sollte immer dieselben Einstellungen wählen. Die Verbraucherzentrale rät, Angebote mit Vorkasse oder Kaution von der Suche auszuschließen. Auch Boni sollte man zunächst ausblenden, um den Preisvergleich nicht zu verzerren.

Hervorgehobene Angebote hinterfragen

Zurzeit finden sich bei manchen Vergleichsrechnern hervorgehobene Angebote ganz oben in der Ergebnisliste, beim Preisrechner Verivox etwa heißen sie „Tipp“, gleichzeitig sind sie als „Anzeige“ ausgewiesen. Die Verbraucherzentrale kritisiert, dass bezahlte Anzeigen in Preisrechnern oft nicht deutlich genug markiert sind. Für Verbraucher ist in vielen Fällen nicht erkennbar, aus welchem Grund manche Angebote besonders empfohlen werden.

Nicht nur auf den Preis schauen

Wer bei der Suche den billigsten Anbieter wählt, kann später Probleme bekommen. Bei der Verbraucherzentrale häufen sich Beschwerden über Stromanbieter, die sich oder ihre Markentöchter mit besonders preiswerten Angeboten an die Spitze der Preisvergleiche schieben. Vor dem Zuschlag sollte jeder im Internet recherchieren, welche Erfahrungen andere Kunden mit dem Anbieter haben.

Vor Vertragsschluss recherchieren

Zur Suche gehört auch: Nicht sofort über den Preisrechner einen neuen Vertrag abschließen. Die Rechner übernehmen nämlich keine Gewähr für Konditionen. Verbraucher sollten sich erst auf den Internetseiten des jeweiligen Stromanbieters informieren, ob der ausgewählte Tarif noch aktuell ist. Auch ein Vertragsabschluss ist natürlich mit dem Stromanbieter direkt möglich, statt über einen Stromvergleichsrechner.

Sich höchstens für ein Jahr binden

Die Verbraucherzentrale empfiehlt, mit dem neuen Anbieter einen Vertrag von nicht länger als einem Jahr Laufzeit zu vereinbaren. Die Kündigungsfrist sollte höchstens einen Monat betragen. Denn auch vermeintliche Preisgarantien werden im Kleingedruckten manchmal eingeschränkt, so dass die Preise weiter steigen können. Verbraucher und Verbraucherinnen sollten sich die Chance lassen, auf neue Marktentwicklungen schnell zu reagieren.

Für Privatkunden ist der Wechsel des Stromanbieters seit 1998 möglich, für den Gasbezug gilt das seit 2006. Bis Ende 2015 haben nach einer Studie des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) 39,7 Prozent der Stromkunden und 31,2 Prozent der Gaskunden ihren Versorger gewechselt.

Nach der Beobachtung von Sieverding gibt es verschiedene Gründe, warum die Wechselhäufigkeit noch immer „relativ gering“ sei. Ein Teil der Verbraucher lasse sich vom vermuteten Papierkrieg abschrecken. Eine andere Gruppe sei „im Prinzip wechselwillig, schiebt die Entscheidung aber immer wieder auf“. Wieder andere wechselten den Anbieter ein Mal, wollten dann aber „ihre Ruhe haben“. Schließlich gebe es noch jene Kunden, die wegen ihrer schlechten Bonität von keinem anderen Anbieter akzeptiert würden, sowie die Gruppe der Zufriedenen.

Von

dpa

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