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14.11.2012

10:22 Uhr

Vergleichsrechner

Billigstrom-Anbieter tricksen Kunden aus

VonKatharina Schneider

Schon wieder ist ein Stromanbieter in Bedrängnis. Ein Blick hinter die Kulissen der Branche zeigt: Viele Anbieter tricksen ihre Kunden aus. So kämpfen die Unternehmen um die Top-Plätze in den Vergleichsrechnern.

Wenn die Stromkosten zu hoch werden, ist Sparen angesagt - oder ein Tarifwechsel.

Wenn die Stromkosten zu hoch werden, ist Sparen angesagt - oder ein Tarifwechsel.

DüsseldorfAm Strommarkt droht neues Ungemach: Gerade mal ein Jahr nach der Pleite von Teldafax gibt es Hinweise darauf, dass sich Flexstrom, der aktuell größte unabhängige Anbieter, in finanziellen Schwierigkeiten befinden könnte. Das Unternehmen dementiert. Auch den Streit mit Tausenden Kunden finden die Manager nicht so schlimm.

Flexstrom gehört zu den Billigstromanbietern. Während viele Konkurrenten dieser Tage wegen steigender EEG-Umlage für Ökostrom und höheren Kosten für die Nutzung von Stromnetzen erneut Preiserhöhungen ankündigen, wirbt Flexstrom mit hohen Bonuszahlungen. Wenn Verbraucher bei den Stromkosten sparen wollen, reicht es nicht aus, öfter mal das Licht oder den Fernseher auszumachen. Immer mehr Kunden wechseln deshalb den Tarif. Der Wettbewerbsdruck auf die Stromanbieter steigt.

Strommarkt: Massenhafte Beschwerden gegen Flexstrom

Strommarkt

exklusivMassen-Beschwerden gegen Flexstrom

Der Billigstromanbieter sieht sich als Underdog und Vorreiter der Liberalisierung.

„Der Strommarkt ist extrem hart umkämpft und die Tarife werden immer komplexer“, sagt Dagmar Ginzel vom Vergleichsrechner Verivox. „Neue Anbieter haben nur wenige Möglichkeiten, um sich zu positionieren: Entweder bieten sie beispielsweise ein Nischenprodukt an, das besondere Öko-Kriterien erfüllt, oder sie bieten besonders günstige Preise.“

Wer die Vergleichsrechner im Internet bemüht, kommt schnell zu dem Ergebnis: günstiger geht immer. Aber häufig gelten die vermeintlichen Super-Preise nur für das erste Jahr. „Viele Billigstromanbieter machen im ersten Vertragsjahr keinen Gewinn“, sagt Andreas Stender, Energieexperte der Unternehmensberatung ATKearney. Dafür langen sie ab dem zweiten Jahr umso kräftiger zu. „Strukturell kann dieses Modell für die Unternehmen durchaus erfolgreich sein, sie setzen auf die Trägheit der Kunden beim Tarifwechsel. Nachhaltige Kundenzufriedenheit werden sie damit aber wohl nicht erzielen.“

So erklärt Verivox die Tarif-Fallstricke

Richtlinien zum Verbraucherschutz

Tarife, die nicht den Verivox-Richtlinien zum Verbraucherschutz entsprechen, werden nicht unter den Tarif-Empfehlungen des Vergleichsrechners dargestellt. Ähnliche Hinweise gibt es auch bei Check24. Auf folgende Fallstricke wird bei solchen Tarifen hingewiesen:

Vorauskasse

Sie zahlen für die kalkulierten Abschläge für 12 Monate im Voraus und können so von günstigen Tarifkonditionen profitieren. Gleichzeitig besteht im Falle einer Unternehmensinsolvenz jedoch das Risiko, die geleisteten Vorauszahlungen nicht zurückzuerhalten. Wenn Ihnen der Anbieter eine Preisgarantie bzw. eingeschränkte Preisgarantie gewährt, können die Preise nach deren Ablauf erhöht werden – ggf. auch schon vor Ablauf des Vorauszahlungszeitraums. Die angegebenen Gesamtkosten können von der Höhe der zu leistenden Vorauszahlungen abweichen, da etwaige Boni in der Regel erst mit der ersten Jahresrechnung gutgeschrieben werden.

Mehr- oder Mindestverbrauchsaufschlag

Die angegebenen Gesamtkosten in Höhe von 293,96 Euro basieren auf ihrem angegebenen Jahresverbrauch von 1500 kWh und einem Verbrauchspreis von 22,41 Cent je kWh. Weicht Ihr realer Jahresverbrauch von dieser Angabe an, gelten folgende Verbrauchspreise je kWh für den Jahresverbrauch:

-          Liegt der reale Jahresverbrauch mehr als 20 Prozent unter ihrem angegebenen Jahresverbrauch, beträgt der Verbrauchspreis für den Jahresverbrauch 24,41 Cent je kWh.

-          Liegt der reale Jahresverbrauch mehr als 20 Prozent über ihrem angegebenen Jahresverbrauch, beträgt der Verbrauchspreis für den Jahresverbrauch 24,41 Cent je kWh.

Das Angebot richtet sich ausschließlich an Kunden, die Ihren Verbrauch sicher einschätzen können und deren Verbrauch stabil ist.

Kosten im 2. Jahr beachten

Bei diesem Tarif mit mehr als 12 Monaten Erstvertragslaufzeit wird im 1. Vertragsjahr ein Bonus ausgelobt. Durch den Wegfall des Erstjahresbonus im 2.Vertragsjahr erhöhen sich die fortlaufenden Kosten automatisch.

Paket

Mit diesem Tarif kaufen Sie eine bestimmte Anzahl von Kilowattstunden. Ein Minderverbrauch wird in der Regel nicht erstattet, der Mehrverbrauch muss zusätzlich bezahlt werden und wird jährlich abgerechnet. Das Angebot richtet sich ausschließlich an Kunden, die ihren Verbrauch sicher einschätzen können und deren Jahresverbrauch stabil ist.  Bitte beachten Sie, dass sich der Preis für Paket-Tarife auch während der Laufzeit ändern kann, wenn im Angebot keine entsprechende Preisgarantie enthalten ist.

Kaution, Sonderabschlag, Genossenschaftseinlage

Bei diesem Tarif ist vor Lieferbeginn einmalig eine Kaution oder ein Sonderabschlag fällig. Bei einer Genossenschaft entspricht das der Zahlung einer Genossenschaftseinlage. Die Zahlung wird nicht verzinst und nach Beendigung des Vertragsverhältnisses mit der letzten Abrechnung verrechnet bzw. zurückerstattet. Der Sonderabschlag ist nicht in den Gesamtkosten enthalten. Im Falle einer Unternehmensinsolvenz besteht das Risiko, den geleisteten Sonderabschlag nicht zurückzuerhalten.

Preisgarantie

Gilt für alle Preisbestandteile, ausgenommen Mehrwertsteuer-Änderungen und langfristig festgelegte Strom- und Erdgassteuern.

Eingeschränkte Preisgarantie

Hier können Änderungen von gesetzlichen Abgaben und Umlagen (EEG, KWK-G, Konzessionsabgabe) weitergegeben werden.

Energiepreisgarantie

Nur ein Preisbestandteil (Energiepreis) ist garantiert.

Verbraucherschützer warnen vor solchen Lockangeboten. Wechselwillige sollten sowohl die Voreinstellungen der Tarifrechner als auch das Kleingedruckte in den Bedingungen der Stromanbieter möglichst sorgfältig prüfen. Handelsblatt Online zeigt, worauf Verbraucher achten sollten.

Kommentare (27)

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14.11.2012, 09:53 Uhr

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich leider nur sagen, dass FlexStrom eine Firma ist, die mit Methoden arbeitet, die eindeutig betrügerisch sind. Dies hat auch -in milderer Form- Verivox festgestellt und befindet sich seitdem mit FlexStrom in einem ständigen Rechtsstreit. Dankbarerweise listet Verivox seit einiger Zeit daher FlexStrom und Löwenzahn Energie, die ebenfalls zu FlexStrom gehört, nicht mehr auf. Kunden sollten wissen, dass auch die Inkassogesellschaft "Syllego" GmbH zu FlexStrom gehört, d.h. FlexStrom mahnt also praktisch Kunden, die ihre Jahresboni einfordern, durch seine eigene Firma! Fazit: man kann nur hoffen, dass diese AG sobald wie möglich vom Markt verschwindet, mit so wenig Schaden für die gelinkten Kunden wie möglich.

Account gelöscht!

14.11.2012, 10:09 Uhr

Ein typisches Beispiel wie dei Liberalisierung der Märkte nur zum Nutzen von Ganoven und Verbrechern wirkt.

Günstiger wurde dadurch nichts. Doch stets läßt das Stromkartell über die Politiker mitteilen, daß hier doch Marktwirtchaft herrscht.

Der Strommarkt gehört verstaatlicht.

Account gelöscht!

14.11.2012, 10:33 Uhr

Zitat.'Der Strommarkt gehört verstaatlicht.'

Na klar, und am besten auch die Telekom und wir telefonieren dann wieder für 23 Pfennig je Einheit mit einem Uralttelefon mit Wählscheibe...

Nicht die Privatisierung an sich ist das Problem. Sondern die in Deutschland krankhaft umhergreifende VERGLEICHERITIS.

Natürlich muss ich mir als Verbraucher einen Marktüberblick verschaffen, um darauf basierend das Angebot eines Anbieters zu beurteilen. Aber was sich in den letzten Jahren auf dem Gebiet von Online- und Offline-Vergleichen ergeben hat, ist Perversion.

1. Mittleirweile ist fast jeder Stromanbieter, Mobilfunkanbieter, Bank oder Versicherung irgendwo TESTSIEGER. Wer so blöd ist, immer noch nicht zu merken, dass dies reine Verbrauchertäuschung ist, weil es a) immer mehr (oft dubiose) Tests gibt und b) die Anbieter mit penetranten Methoden ihre Kunden dazu bewegen, eben irgendwo genau dafür zu stimmen, dass die betreffende Bank o.ä. eben aus Kundensicht die beliebteste ist (Stimmen Sie für uns und gewinnen Sie ein Ipad...), dem kann nicht mehr geholfen werden.

2. Ein Vergleich ist immer nur eine Tendenz mit entsprechender Fehlertoleranz, und nicht immer ist der Erstplatzierte wirklich der beste. Dieses unbedingte 'Ich will nur Platz 1'-Verhalten der Verbraucher führt doch zu solchen Auswüchsen wie bei Flexstrom. Wer darauf reinfällt und sich nicht auch mal mit dem Drittplatzierten beschäftigt, muss eben auch die Konsequenzen tragen.

3. Wer testet die Tester? Immer mehr Testsieger und zertifizierte Anbieter gaukeln geprüfte Qualität vor, aber prüft die Prüfer? Was Test/Finanztest/Ökotest behaupten, ist der heilige Gral, keiner hinterfragt die Testmethoden, offensichtliche Testfehler werden unter den Teppich gekehrt, das Wort der unfehlbaren Verbraucherschützer kann niemals falsch sein und es anzuzweifeln gehört sich nicht...

All das führt zu sowas wie Flexstrom...Testsieger sind eben sexy...

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