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19.05.2016

11:20 Uhr

VW-Anlegeranwalt im Interview

„Wir werden von Investoren überrannt“

VonJens Hagen

Weltweit machen Juristen gegen VW mobil. Eine niederländische Stiftung vertritt Profi-Anleger, die einen zweistelligen Milliarden-Euro-Betrag in VW-Aktien investiert haben. Anwalt Eric Breiteneder sagt, wie VW reagiert.

Volkswagen-Aktionäre versuchen ihre Rechtsansprüche zu sichern. dpa

Stopschild in den USA

Volkswagen-Aktionäre versuchen ihre Rechtsansprüche zu sichern.

Eric Breiteneder leitet eine Kanzlei in Wien. Der Österreicher hat sich auf die Rechte geprellter Geldanleger spezialisiert. Unter seinen Standesgenossen pflegt er weltweit beste Kontakte. Derzeit verritt er im Verbund mit anderen europäischen Kanzleien die „Stichting Volkswagen Investors Claim“, eine Stiftung nach niederländischem Recht, die Ansprüche von Aktionären im „Dieselgate“-Skandal gegen den VW-Konzern sichern soll. Neben Privatanlegern machen jetzt auch Profi-Investoren aus der ganzen Welt bei der Stiftung mit. Sie hoffen auf einen Vergleich, der VW teuer zu stehen kommen könnte.

Der Rechtsanwalt leitet eine Wiener Kanzlei.

Eric Breiteneder

Der Rechtsanwalt leitet eine Wiener Kanzlei.

Herr Breiteneder, Sie gehen als Vertreter einer niederländischen Stiftung gegen VW vor. Wer hat sich bislang gemeldet?
Bislang meldeten sich vor allem Kleinanleger, die über internationale Investorenschutzorganisationen zu uns kamen. Dazu zählt etwa die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Seit einigen Wochen werden wir aber von Profi-Investoren geradezu überrannt.

Motoren, Modelle und Marken im VW-Abgas-Skandal

Motoren

Laut VW ist der Dieselmotor mit der Bezeichnung EA 189 Kern des Problems. Er wurde bei etlichen Marken eingesetzt, erfüllt die EU-Abgasnorm Euro 5 und wird mit 1,2, 1,6 und 2,0 Litern Hubraum angeboten. Betroffen vom Stickoxid-Skandal sind die Baujahre 2009 bis 2014.

Der Rückruf läuft

Schon ab dem 29. Februar sollte eigentlich der Rückruf der großen 2,0-Liter-Antriebe mit Varianten des Passat und Audi A4 anlaufen, zuvor hatte die Aktion für den Pick-up Amarok begonnen. Für den A4 mit Schaltgetriebe gab es – ebenso wie für den A5 und Q5 sowie den Seat Exeo mit gleichem Motor – bereits die Genehmigung des Kraftfahrt-Bundesamts. Für Passat, CC und Eos liegt sie nun auch vor.

So geht es weiter

Zum kleinen 1,2-Liter-Motor hatte VW in einem Kundenbrief zunächst einen Beginn der Werkstatt-Aktionen ab dem 30. Mai angekündigt. Dieser Teil werde aber erst „verzögert anlaufen“, hieß es jetzt. Die mittelgroßen 1,6-Liter-Aggregate sollten laut bisheriger Planung ab dem 5. September zurück, dabei soll neben einem Software-Update ein Bauteil eingesetzt werden. In den USA sind auch 3,0-Liter-TDI-Autos unterwegs, die ein nach US-Recht verbotenes Programm enthalten.

Betroffene VW-Pkw

Bei der Kernmarke VW-Pkw sind unter anderem der Golf der sechsten Generation, der Passat der siebten Generation und der Tiguan der ersten Generation betroffen.

Betroffene Audi-Modelle

Die Software steckt auch in Modellen der Reihen A1, A3, A4 und A6 sowie Q3 und Q5 der Oberklasse-Tochter Audi.

Sonstige Modelle

Dieselmotoren, die bei Skoda und Seat verwendet wurden, fallen ebenfalls unter den Abgas-Skandal. Bei den leichten VW-Nutzfahrzeugen sind ältere Ausgaben des Caddy und Amarok betroffen. Die in den USA unzulässige Software der 3-Liter-Diesel findet sich im VW Touareg und Porsche Cayenne sowie in den Audi-Modellen Q5, Q7, A6, A7 und A8.

Marken

VW-Chef Matthias Müller gab im vergangenen Oktober an, dass weltweit rund 5 Millionen Autos der Hauptmarke VW-Pkw von der Affäre betroffen sind. Hinzu kommen etwa 2,1 Millionen Audis, 1,2 Millionen Skodas, 700.000 Seats sowie 1,8 Millionen leichte Nutzfahrzeuge.

Welche Gesellschaften wenden sich an Sie?
Die Stiftung ist zur Diskretion verpflichtet. So viel kann ich aber sagen: Es sind Fondsgesellschaften, private Vermögensverwalter, Pensionsfonds oder Versicherer. Diese haben knapp 13 Milliarden Euro in Volkswagen investiert. Sie kommen aus 26 Nationen, neben Europa sind auch institutionelle Investoren aus Malaysia, Bermuda, den Philippinen und Hongkong vertreten

Wie hoch sind die Investments dieser Investoren?
Oft im neun- bis zehnstelligen Eurobereich. Ein philippinischer Fonds ist mit knapp 190 Millionen Euro in VW investiert, ein US-Versicherer mit knapp 142 Millionen Euro, ein Aktienfonds aus Oklahoma mit 2,3 Milliarden Euro. Wir vertreten auch eine Non-Profit-Organisation aus Nordamerika, die gut 3,3 Milliarden Euro investiert hat. Die Mandanten besitzen VW-Aktien, sowohl Stämme wie auch Vorzüge, aber auch Anleihen. Auch Porsche und Audi sind betroffen.

Von welchem Schaden gehen Sie aus?
Die Rechtslage in der Europäischen Union ist eindeutig: Kursrelevante Insiderinformationen muss der Emittent unverzüglich veröffentlichen. Wir rechnen pro Aktie mit Schäden von 56,79 Euro bei den Stämmen und 65,17 Euro bei den Vorzügen bei VW. Bei der Audi AG beträgt der Schaden 140,90 Euro pro Aktie, bei der Porsche SE 22,34 Euro pro Aktie.

Auch deutsche Kanzleien vertreten Investoren, die Milliardensummen investiert haben. Ebenso US-Kanzleien. Warum sollten die Profi-Investoren den Umweg über eine niederländische Stiftung gehen?
Beim niederländischen Stiftungsgedanken steht der Vergleich im Mittelpunkt. Wir haben VW angeschrieben und einen Vorschlag für eine gütliche Einigung gemacht. Der Vorteil für das Unternehmen: Es gibt keinen langwierigen Rechtsstreit und alle Forderungen werden pauschal abgegolten. Der Vorteil für die geschädigten Investoren: Sie können gemeinsam, schnell und kostengünstig einen angemessenen Ausgleich erhalten.

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