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15.04.2016

15:08 Uhr

Windenergie

Prokon rechnet mit Zustrom neuer Anleger

VonGertrud Hussla

Der sanierte Windparkbetreiber Prokon startet mit neuen Vorständen und soliden Zahlen. Viele Altanleger haben sich an der Genossenschaft beteiligt. Und die baut schon wieder neue Windparks. Über ein Comeback.

Prokon-Mitarbeiter bei der Wartung eines Windrads. Prokon

Mutige Genossen

Prokon-Mitarbeiter bei der Wartung eines Windrads.

ItzehoeWas bleibt ist das Motto „Für eine lebenswerte Zukunft“. Doch ansonsten sind beim Windparkbetreiber Prokon die Zeiten chaotischen Managements und fantasievoller Buchführung endgültig vorbei. Fünf Monate nach Ende des Insolvenzverfahrens präsentiert der Konzern neue Vorstände und klare Ziele. Es dürfte das Ende eines alten Abenteuers und der Beginn eines neuen sein. Um in einem härteren Wettbewerb bestehen zu können, will die Genossenschaft in den nächsten drei bis fünf Jahren die Zahl ihrer Genossen sogar verdoppeln.

Nach dem großen Zusammenbruch des Windparkbetreibers Anfang 2014 hatte es so ausgesehen, als hätten 75.000 Anleger fast ihr gesamtes Geld verloren.1,5 Milliarden Euro hatten sie Firmengründer Carsten Rodbertus im Glauben an eine solide Anlage anvertraut und Genussrechte gezeichnet. Doch dann kam die ungeahnte Wende.

In einem bislang einmaligen Insolvenzverfahren hatten sich 38.000 Anleger bereit erklärt, an Prokon festzuhalten und Genossen zu werden. Nach einem Schuldenschnitt um gut 40 Prozent haben zwei Interimsgeschäftsführer seither alle notwendigen Strukturen geschaffen. Am Freitag stellten sich in Itzehoe Vorstände auf Dauer vor: Heiko Wuttke, ehemals beim Energiekonzern Vattenfall und der frühere Banker und Finanzierungsexperte Henning von Stechow. „Ich bin mehr als begeistert über das, was ich hier vorgefunden habe“, sagte Wuttke auf einer Pressekonferenz.

Aus der Insolvenz in eine Windenergiegenossenschaft gewandelt: Prokons neue Vorstände Henning von Stechow (l.) und Heiko Wuttke stellten sich den Genossen vor. dpa

Pressekonferenz in Itzehoe

Aus der Insolvenz in eine Windenergiegenossenschaft gewandelt: Prokons neue Vorstände Henning von Stechow (l.) und Heiko Wuttke stellten sich den Genossen vor.

Während der Sanierung hatte sich abgezeichnet: Prokon ist nicht an seinem Kerngeschäft gescheitert, sondern daran, dass Gründer Carsten Rodbertus viel Anlegergeld in unrentablen Nebengeschäften verpulvert hatte. Die Windparks aber, die heute bereits eine installierte Leistung 557 Megawatt Strom bieten, werfen genug ab, um eine Anlegeranleihe bis 2030 mit 3,5 Prozent Zins zu bedienen. Bereits während der Insolvenz und kurz nach ihrem Ende hat Prokon es geschafft, neue Parks fertigzustellen. Das Ziel ist, bis Ende 2017 noch einmal eine Leistung von 100 Megawatt fertigzustellen.

Eile ist geboten, denn mit einem neuen Gesetz für erneuerbare Energien dürften sich die Wettbewerbsbedingungen deutlich verschärfen. In Ausschreibungsverfahren soll künftig der Wettbewerber den Zuschlag bekommen, der den günstigsten Preis für die eingespeiste Kilowattstunde bietet. Die Sorge, dass es zu Dumpingpreisen kommt, geht in der Branche um. Zumal ein Ausbaukorridor geplant ist. Sprich, es wird Grenzen geben, wie viele Windparks an Land gebaut werden dürfen. Gewinnen wird dann möglicherweise, wer die tiefsten Taschen hat. Das könnten dann die großen Konzerne sein.

Prokon ist mit der maximalen Produktionskapazität eines halben Atomkraftwerks kein ganz kleiner Anbieter. Die gegenwärtige Eigenkapitalquote von 27 Prozent erscheint komfortabel. Doch weit größere Summen dürften die Großkonzerne zur Verfügung haben. Aufsichtsratsvorsitzender Udo Wittler ist überzeugt, dass das Eigenkapital noch weiter gepolstert werden muss: „In drei bis fünf Jahren wollen wir unsere Mitgliederzahl verdoppeln.“ Das ist ehrgeizig, denn die meisten Mitglieder sind im Rentenalter. Der Bestand könnte schon aus demographischen Gründen schrumpfen. Deshalb will Wittler vor allem junge Genossen gewinnen.

Zumindest stimmt schon mal das Zahlenwerk. Die Bilanzsumme beträgt rund 800 Millionen Euro, davon sind etwas mehr als 217 Millionen Euro Eigenkapital. In den ersten fünf Monaten nach der Insolvenz erzielte Prokon knapp 39 Millionen Euro Umsatz. Davon stammten gut 27,4 Millionen Euro aus dem Geschäft mit Windparks und der Rest, etwas mehr als elf Millionen Euro, von eigenen Stromkunden. 2016 und 2017 will Prokon es auf Erlöse von 100 bis 115 Millionen Euro schaffen. Dabei hilft, dass das bislang größte Windprojekt, der Park Gagel in Sachsen-Anhalt, gerade fertig wird. In fernerer Planung könnte die Kapazität etwa 700 Megawatt betragen – doch das ist Zukunftsmusik.

„Ich habe 100.000 Euro investiert“, hatte ein älterer Anleger am Donnerstag auf der Generalversammlung gesagt, auf der sich die Genossenschaftsmitglieder trafen. „Das hatte ich eigentlich schon ganz abgeschrieben. Aber vielleicht sehe ich ja doch noch etwas davon wieder.“

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